Alexander Gerst startet zur ISS : Trotz aller Gefahr: "Ein befreiendes Gefühl, dass es endlich losgeht"

Alexander Gerst wird der elfte Deutsche im All sein. Am Mittwochabend startet er vom Weltraumbahnhof in Baikonur aus zur Raumstation ISS. Für ihn geht ein Traum in Erfüllung, doch es gibt Zweifel an der Mission.

von
Unser Mann im All. Als Kind bildete sich Oliver Gerst mit der Zeichentrickserie „Captain Future“, für den Feinschliff sorgte die Esa – unter anderem mit Parabelflügen.
Unser Mann im All. Als Kind bildete sich Oliver Gerst mit der Zeichentrickserie „Captain Future“, für den Feinschliff sorgte die...picture alliance / dpa

Wenn die Giraffe abhebt und zu schweben beginnt, hat er es geschafft. Dann ist Alexander Gerst endlich ein richtiger Astronaut. Oder Kosmonaut, wie man hier sagen würde in der engen „Sojus“-Kapsel, wo alle Schalter und Instrumente mit kyrillischen Buchstaben beschriftet sind und die Bodenkontrolle in Russisch aus den Kopfhörern knarzt. In 100 Kilometer Höhe, so die Definition der Internationalen Aeronautischen Vereinigung, beginnt das Weltall. Nur wer diese Grenze hinter sich gelassen hat – etwa dort, wo bei einem Raumflug die Schwerelosigkeit beginnt – ist ein Raumfahrer. 537 Menschen haben das bisher geschafft.

Er will die Nummer 538 im All werden

Alexander Gerst will die Nummer 538 werden. Er hat eine vielversprechende Forscherkarriere aufgegeben, um sich jahrelang mit Raumfahrttechnik, Russisch und Rettungsübungen in der Wildnis zu plagen. Endlose Lektionen in Physik und Medizin, Trainingseinheiten in nachgebauten Raumschiffen und in Tauchbecken, die das Gefühl von Schwerelosigkeit vermitteln. Ein Privatleben gab es in den vergangenen Jahren für den heute 38-Jährigen kaum, bei 60-Stunden-Wochen, die mal in Houston stattfanden, mal in Köln oder Moskau. 400 000 Kilometer hat er dafür im Flieger zurückgelegt.

Gerst nahm das alles in Kauf, um seinem Traum näher zu kommen. Heute Abend könnte er in Erfüllung gehen: Um 21.56 Uhr MESZ sollen er und seine Teamkollegen Reid Wiseman (USA) und Maxim Surajew (Russland) von Baikonur aus mit einer Sojusrakete in den Himmel geschossen werden. Ihr Ziel ist die Internationale Raumstation (ISS). Eines der spektakulärsten Bauwerke der Menschheit, mit Kosten von mehr als 100 Milliarden Dollar mit Sicherheit aber das teuerste. Das fußballfeldgroße Konstrukt, das in 400 Kilometern Höhe um die Erde kreist, ruft extreme Reaktionen hervor: von großer Faszination darüber, was die Menschheit imstande ist zu leisten, bis hin zu großer Abneigung gegen das fliegende Milliardengrab, das kaum sinnvolle Ergebnisse liefert und Ressourcen bindet, die auf der Erde sinnvoller einzusetzen wären.

Erste Aufgabe? Urinbehälter wechseln

„Es ist ein befreiendes Gefühl, endlich auf der Zielgerade zu sein und bald abzuheben“, sagt Gerst bei einem Treffen im April. Kurz vor seiner Abschlussprüfung über sämtliche Systeme des Raumschiffs und der Abreise ins Kosmodrom Baikonur in Kasachstan ist er noch einmal nach Berlin gekommen. Sichtlich entspannt sitzt der groß gewachsene, sportliche Mann in einem Besprechungsraum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Mit Blick auf die Friedrichstraße erzählt er von den letzten Vorbereitungen. Er steckt auch dieses Mal in dem blauen Fliegeroverall, den die Astronauten der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa) bei fast allen offiziellen Terminen tragen. Gerade in diesem vornehmen Raum wirkt das etwas seltsam – als müsste er jeden Moment damit rechnen, an die Startrampe beordert zu werden. Gerst legt das iPad beiseite, mit dem er seit Monaten detailliert über seine Vorbereitungen berichtet, in seinem Blog, auf Twitter und Facebook. „Raumfahrerrealität: Meine allererste Aufgabe an Bord der Station wird das Auswechseln des Urinbehälters der Toilette sein“, postete er kürzlich.

Die Internationale Raumstation
Die Internationale Raumstation (ISS) schwebt in rund 400 Kilometern Höhe über der Erde. Auf diesem Bild ist das europäischen Wissenschaftslabor Columbus (Mitte unten links) gut zu erkennen. Es wurde 2008 mit einem Spaceshuttle nach oben gebracht an die Station angedockt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: Nasa/dpa
23.05.2014 14:49Die Internationale Raumstation (ISS) schwebt in rund 400 Kilometern Höhe über der Erde. Auf diesem Bild ist das europäischen...

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben