Autobahnausbau in Brandenburg : Wenn Waldameisen umziehen müssen

Berlins Autobahnring soll breiter werden – hunderte Ameisennester sind dabei im Weg. So wie Christina Grätz einst der Braunkohle im Weg war. Sie siedelt die Insekten um und sagt: „Kein Tier soll zurückbleiben.“

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Holzklasse. Waldameisen sind besonders geschützte Tiere.
Holzklasse. Waldameisen sind besonders geschützte Tiere.Foto: Patrick Pleul/Picture Alliance/dpa

Der Gegenangriff beginnt sofort. Kaum hat Christina Grätz zum ersten Mal den Spaten in das Nest gerammt, erstürmen Ameisen ihre Stiefel, Hosenbeine, Arme, den ungeschützten Nacken. Sie beißen und spritzen Säure. Jeder Beruf hat seine Härten. Bei Christina Grätz sind sie gut sichtbar: verschorfte Wunden auf den Unterarmen. Aber es muss sein. Sie will Leben retten, Hunderttausende.

Die 42-Jährige ist die Ameisenretterin von der A 10 am nördlichen Berliner Ring. Schon bald werden die Bagger anrücken, die Autobahn zwischen dem Dreieck Pankow und der Anschlussstelle Neuruppin wird auf sechs Spuren verbreitert. Dieses Nest hier liegt auf der vorgesehenen Trasse. Deshalb wird es umgesiedelt. Grätz weiß, was das bedeutet. Sie war elf, als sie ein ähnliches Schicksal traf, daheim, im Lausitzer Braunkohlerevier. Sie sagt: „Kein Tier soll zurückbleiben.“

Schon liegt das Nest offen, weiß schimmern die Puppen und Larven aus der braunen Erde. Grätz arbeitet schnell, stillhalten geht nicht. Es zwickt an der Wade, in der Kniekehle, im Schritt. Die Erde jedes Spatenstichs, und mit ihr die Ameisen, verschwinden in einem Sack. Ein Helfer schreibt die Zahl 31 darauf, denn das hier ist Nest Nummer 31 auf ihrer Karte. Dahinter setzt er eine 1 für den ersten Sack.

Es ist eine unsichtbare Macht

Weitere Säcke folgen, werden die steile Böschung hinuntergetragen, auf einem Anhänger verstaut. Ein wenig atemlos erzählt Grätz, dass die Tiere mitunter noch in den Säcken beginnen, sich zu sortieren, Puppen hierhin, Larven dorthin. Wie machen die das? „Schwarmintelligenz“, sagt Grätz. Es ist eine unsichtbare Macht, der sie folgen.

Die Waldameise ist nicht nur ein besonders faszinierendes, sondern auch ein besonders geschütztes Tier. Das Bundesnaturschutzgesetz verbietet, ihre Nester zu „entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören“. Es sei denn, es können zwingende Gründe vorgebracht werden. Für das Planfeststellungsverfahren, das am Anfang des Autobahnbaus stand, brauchte es einen Umweltbericht, ein landschaftspflegerischer Begleitplan musste erstellt werden. Archäologen haben im vergangenen Jahr bereits geprüft, ob irgendwelche menschlichen Artefakte unter der Trasse verschwinden könnten und geborgen werden müssen. Biologen haben untersucht, welche Arten betroffen sind – darunter die Zauneidechse und eben die Ameise. Und welche Maßnahmen zu ihrem Schutz zu treffen sind.

Die Ameisennester mussten erst einmal gesucht werden. Dazu ist Spürsinn nötig, denn sie befinden sich nicht etwa am Wegesrand, sind im Gegenteil schwer zugänglich, verborgen unter Gestrüpp, geschützt hinter Abzugsgräben und Leitplanken. Eine Arbeit, die man manchmal nur auf allen Vieren erledigen kann, bis etwa eine Ameisenstraße den Weg weist. Ausgerechnet Straßen sind es also, die die Ameisen verraten. 200 Nester wurden registriert und mit GPS-Daten auf einer Karte markiert. Christina Grätz bekam den Auftrag, 170 dieser Nester umzusiedeln, um die anderen 30 kümmert sich ein Naturschutzverein.

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