Brüllende Fahrgäste sind harmlos

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Claus Weselsky : Chef der GDL hat Lokführer hinter sich - noch
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Lässt sich nicht einschüchtern: Claus Weselsky, Chef der Lokführer-Gewerkschaft GDL.
Lässt sich nicht einschüchtern: Claus Weselsky, Chef der Lokführer-Gewerkschaft GDL.Foto: dpa

Es sind eher die anderen, die über die Kunden reden. Vor allem die, die mit ihnen reden müssen, etwa am Hauptbahnhof, dem Schmuckstück der Bahn, der am Wochenende wie ein zu groß geratener Klunker in der vereinten Hauptstadt herumstehen wird. „Können Sie mir erklären, wieso die gerade jetzt streiken? Wo in Niedersachsen die Ferien zu Ende gehen und meine Tochter nach Hause muss?“, brüllt ein Vater am Mittwochmorgen am Informationsschalter. Im Arm hält er sein 14-jähriges Mädchen fest, als müsse er es gegen eine feindliche Macht verteidigen. Der Bahn-Mitarbeiter auf der anderen Seite des Tresens, ein schmaler Mittzwanziger mit hängenden Schultern, fixiert den Bildschirm vor sich. Es ist nicht der erste genervte Fahrgast heute. Seit am Vorabend der Streik bekannt gegeben wurde, kennen die Kunden kein anderes Thema. „Die wollen einfach möglichst viele Menschen treffen“, sagt der Bahner zaghaft. Dann reicht er einen Ersatzfahrplan über den Tresen.

Einer ist selber wütend

Später wird er sagen, dass er beim letzten Streik Glück hatte, weil ihm gegenüber kein Fahrgast wirklich ausgetickt sei. Dass er von Kollegen aber schlimme Sachen gehört habe, dass brüllende Fahrgäste harmlos seien, dass schon mal einer über den Tresen gelangt habe. Der junge Mann wird auch erklären, dass er solche Situationen fürchte, dass er aber auch Verständnis habe. „Schließlich bin ich selber wütend.“

Egal ob an den Informationsschaltern oder im Reisezentrum, jeder, den man nach dem Bahnstreik fragt, sagt, er sei sauer, jeder sagt, er verstehe die Wut der Kunden. Verständnis für die Lokführer aber hat keiner. Ein Mitarbeiter im Reisezentrum kneift die Augen zusammen und flüstert: „Diese Hirnkranken ruhen sich auf unsere Kosten aus.“ Lauter sagt er dann, er wolle die Situation mit Humor nehmen. Und: „Wir müssen da gemeinsam mit den Kunden durch.“

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