Der deutsche "Marsianer" : Robert Schröder will in zwölf Jahren auf dem Mars leben

Ein Auserwählter, vielleicht. Robert Schröder hat es als einziger Deutscher unter die letzten 100 Kandidaten der Mission „Mars One“ geschafft. 2027 soll der Rote Planet seine Heimat werden.

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So könnte es aussehen.
Leben auf dem Mars. So könnte es aussehen.Mars One

Wenn alles klappt, wird er beim Erreichen seines Ziels 39 Jahre alt sein. Das wäre 2027, und Robert Schröder ist dann, so stellt er sich das jetzt vor, bestens ausgebildet, fit, ziemlich abgeklärt und auf jeden Fall kinderlos.

Noch ist Schröder 27, sieht jünger aus, hat sich ein T-Shirt übers Hemd gezogen und sagt Sätze wie: „Ja, das wird richtig hart da oben.“

Er ist ein Auserwählter, oder jedenfalls fast. Denn er hat es bis unter die letzten 100 Kandidaten geschafft und damit, so heißt es, unter die besten 0,05 Prozent.

Mehr als 200 000 Menschen hatten sich beworben. Das sind erstaunlich viele, wenn man bedenkt, was die Teilnehmer alles auf sich nehmen müssen: in einer Raumkapsel sieben Monate lang zum Mars fliegen, dort leben und am Ende auch sterben. Ein Rückflug zur Erde ist bei „Mars One“ nicht vorgesehen.

An diesem Mittwochvormittag sitzt Robert Schröder auf der Caféterrasse der Humboldt-Box in Mitte und möchte erklären, warum er, um Himmels willen, zu den ersten Kolonisten auf dem Mars gehören will. Es hätte ja gar nicht unbedingt dieser Planet sein müssen, sagt Schröder. Aber der liege nun mal am nächsten und biete genügend Ressourcen, eine Zivilisation aufzubauen. „Auch wenn es hart wird.“

Zählt man, vom Zentrum ausgehend, die Planeten unseres Sonnensystems durch, kommt er an vierter Stelle. Merkur, Venus, Erde, dann Mars. Durchschnittstemperatur: minus 55 Grad Celsius. Durchschnittliche Entfernung zur Erde: 228 Millionen Kilometer.

In seinem jetzigen Leben studiert Robert Schröder Elektrotechnik in Darmstadt. Seine weiteste Reise ging bisher nach Miami, wo sein Bruder für die Lufthansa arbeitet. Der Trip zum Mars, das wird 29 000-mal Darmstadt-Miami.

Wie es aussehen könnte, so ein Überlebenskampf auf dem Roten Planeten, zeigt ab diesem Donnerstag ein neuer Kinofilm: „Der Marsianer“. Matt Damon spielt darin einen allein gelassenen Astronauten, der sich selbst versorgen muss - etwa indem er seine Exkremente als Dünger im improvisierten Gewächshaus nutzt. Robert Schröder durfte den Film bereits sehen, „ziemlich realistisch, das alles“, sagt er. Obwohl ihm die zwei Stunden und zehn Minuten deutlich zu kurz waren. In der Buchvorlage seien mehr technische Finessen beschrieben, zum Beispiel die Stelle, wie sich die Hauptfigur ein Fahrzeug zusammenbaut oder wie sie die drei Solarpanels, oder waren es vier, dann zum ...

„Was halten eigentlich Ihre Eltern von Ihrem Lebenstraum, Herr Schröder?“

„Die finden das gar nicht gut.“ Besonders nicht das Detail mit der fehlenden Rückkehr. Andererseits würden sie ihn und seine Sturheit jetzt lange genug kennen, um direkte Beeinflussungsversuche zu unterlassen.

Eine Freundin gibt es nicht. Das sei vermutlich ganz gut so, sagt er. Die einzige längere Beziehung, die er hatte, endete schon vor der „Mars One“-Bewerbung.

Den Roten Planeten zu besiedeln, ist ein Forschertraum. Die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa verspricht seit 45 Jahren, dass sie innerhalb von 20 bis 30 Jahren Menschen dorthin bringen will. Weil das bisher nicht klappte, versucht es jetzt die niederländische Stiftung „Mars One“ - und wird dafür vom vereinten Raumfahrtestablishment angefeindet, verspottet, belächelt. Die Gründe sind zahlreich. Zum Beispiel die Finanzierung: Sechs Milliarden US-Dollar sind laut „Mars One“ für den Aufbau der Station und den Transport der ersten Pioniere nötig. Das Geld soll durch die Vermarktung der Fernsehrechte hereinkommen. Schließlich würden sich doch alle Sender darum reißen, eine solche Sensation zu übertragen, so die Hoffnung der Macher. Ihre Doku-Soap soll das Leben auf dem Mars zeigen, aber auch schon das finale Aussieben, die Auswahl der 24 Teilnehmer. Je ein Dutzend Frauen und Männer. Und danach deren Ausbildung. Das harte Training. Die Zweifel. Das Zusammenwachsen als Team. Alles live im Fernsehen.

Dass die Nasa ihre eigenen Ankündigungen bisher nicht wahr gemacht hat, liegt auch daran, dass keiner weiß, wie sich die Astronauten nach erfolgreicher Mission sicher auf die Erde zurückholen lassen. Die Technik ist noch nicht weit genug. Genau deshalb will „Mars One“ aufs Zurückholen verzichten.

Das klingt so extrem, dass manche Bekannte ihm seinen Lebenstraum nicht abnehmen, sagt Robert Schröder. Die glauben, er werde im letzten Moment kneifen. „Meine engen Freunde wissen aber, wie ich ticke.“ Mit denen will er später vom Mars aus Videokonferenzen abhalten. Wobei jede Antwort mindestens drei Minuten unterwegs sein wird.

Der Mann hinter „Mars One“ heißt Bas Lansdorp. Gelernter Maschinenbauer, 38, Gründer und Ex-Chef einer Windenergiefirma. Er sagt, das Aufregendste, was derzeit auf der Erde passiere, seien leider Kriege und Wirtschaftskrisen. Und dass die Menschen dazu ein Gegengewicht bräuchten. Etwas Positives, für das sie sich begeistern könnten. Das sie inspiriere.

Eigentlich wollte er selbst zum Mars. Inzwischen sagt er, dass er sich die lange Reise in der Raumkapsel nicht vorstellen könne. Außerdem hat er Kinder. Doch wer immer schließlich an der Mission teilnehme, werde ein Held für die ganze Welt, sagt Lansdorp. So wie einst Neil Armstrong und Buzz Aldrin, als sie im Juli 1969 auf Mondboden traten.

Die Kritik an Bas Lansdorp und seinem Projekt ist in diesem Jahr lauter geworden. Wissenschaftler vom Massachusetts Institute of Technology haben nachgerechnet und behaupten, dass spätestens nach 68 Tagen auf dem Planeten sämtliche Pioniere tot sind. Der Deutsche Ulrich Walter, früher Astronaut und heute Leiter des Lehrstuhls für Raumfahrttechnik an der TU München, ist da weniger optimistisch. Er schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass die Teilnehmer bereits beim Anflug sterben, auf 70 Prozent.

Klingt nach einer Vollkatastrophe mit Ansage. Andererseits: Eine Idee, die nicht gefährlich ist, verdient es nicht, überhaupt Idee genannt zu werden. Das hat nicht Bas Lansdorp gesagt, sondern Oscar Wilde, aber touché.

Bei der jährlichen Versammlung der „International Mars Society“ in Washington, D.C. hat sich Lansdorp neulich seinen Kritikern gestellt. Und zugegeben, dass der Zeitplan tatsächlich arg eng bemessen sei. Der „Mars One“-Chef sagte aber auch, dass die Eckdaten seines Projekts „nicht in Stein gemeißelt“ seien. Dass es sowieso schon eine Verzögerung von zwei Jahren gebe. Dass es doch nur um das Ziel an sich gehe.

Auf der Caféterrasse der Humboldt-Box schwärmt Robert Schröder immer noch von dem Kinofilm. Da ist die Szene, in der sich Matt Damon nach einem Unfall unter starken Schmerzen ganz allein einen abgebrochenen Metallstab aus dem Oberkörper herausoperiert. Im All gilt es schließlich zu improvisieren. Und pragmatische Lösungen für unvorhergesehene Probleme ...

„Wovor haben Sie mehr Angst, Herr Schröder: dass Ihre Kapsel explodiert oder dass Sie ankommen und feststellen, wie unausstehlich Ihre Kollegen sind?“

„Das Erste ist wenigstens kurz und schmerzlos“, sagt er. Das Zweite wäre ein langfristiges Problem. Wobei die verbliebenen Kandidaten ja ab September 2016 in Gruppen aufgeteilt und dann mehrere Wochen lang auf ihre Teamfähigkeit getestet werden, auch unter Stress. Dabei könne man sogar die subtilsten Verrückten aussortieren.

Wenn die Station komplett errichtet ist, sollen ab 2029 alle zwei Jahre vier Teilnehmer hinzustoßen. Und sobald der Genpool groß genug sei, könne man auch über Fortpflanzung nachdenken, sagt Schröder. Wobei nicht erforscht ist, ob sich Schwangerschaften angesichts der geringereren Schwerkraft auf dem Mars komplizierter gestalten.

Neben der technischen Realisierbarkeit sind es vor allem moralische Fragen, die Kritiker umtreiben. Wegen der Gefahren für das Leben der Teilnehmer findet Thomas Reiter von der Europäischen Raumfahrtagentur Esa das Projekt „unter ethischen Gesichtspunkten sehr fragwürdig“. In den Vereinigten Arabischen Emiraten haben islamische Gelehrte eine Fatwa ausgesprochen, wonach der Flug mit „Mars One“ einem Selbstmordversuch gleichkomme und allen muslimischen Teilnehmern deshalb im Jenseits das ewige Höllenfeuer drohe.

Die Verantwortlichen von „Mars One“versuchen seitdem nachzuweisen, dass eine solche Fatwa unangebracht sei. Als Beweis dient ihnen eine Koran-Sure, die Muslime ihrer Ansicht nach geradezu auffordere, die Zeichen der Schöpfung auch im Weltall zu suchen. Außerdem, so „Mars One“, verbiete die Fatwa lediglich die tatsächliche Teilnahme an der Mission, nicht aber Bewerbung und Training. Gar kein Problem also, sofern die Gelehrten ihre Fatwa bis spätestens 2027 zurücknehmen.

„Sind Sie eventuell ein bisschen lebensmüde, Herr Schröder?“

„Im Gegenteil. Ich genieße meines gerade sehr.“ Er will, bis es so weit ist, unbedingt noch die Erde bereisen. Wenigstens zum Südpol. Und Höhlentauchen, das möchte er auch. Im Grunde nehme er jetzt schon von vielem Geliebten Abschied, die nächsten zehn Jahre lang. Von seinen Steaks zum Beispiel, auf die müsste er oben verzichten. Sie wollen Gemüse anbauen und allerhöchstens Insekten essen. Das werde nicht leicht. Wenn Robert Schröder das sagt, atmet er anschließend so schwer ein, dass man glaubt, er spüre das bevorstehende Leid und die Entbehrungen schon jetzt mit jeder Pore.

„Machen Sie eigentlich Riesterrente?“

„Nein, erst mal nicht.“

Sollte er in der nächsten Runde des Auswahlverfahrens scheitern, will er an der Universität bleiben und forschen. Womöglich Dinge entwickeln, die andere im Weltraum gebrauchen können. Er sagt, er sei ein Bastlertyp. Ein Frickler. Ein Problemlöser. Das habe sicher dazu beigetragen, unter die letzten 100 zu kommen.

„Und was noch?“

Er lacht. „Ich habe sie halt überzeugt.“

Vielleicht hilft es, sich anzuschauen, wie genau Robert Schröder es unter die besten 0,05 Prozent schaffte. Inzwischen weiß man nämlich, dass die allermeisten der 200 000 Interessierten ihre Bewerbung gar nicht erst abgeschickt haben. Gerade 4227 vollständige Anträge sind eingegangen, inklusive der Bearbeitungsgebühr von bis zu 73 US-Dollar. Dies sei jedoch kein Drama, sagt der Auswahlverantwortliche von „Mars One“, sondern im Prinzip bereits Teil des Findungsprozesses: diejenigen rauszufiltern, die nicht über genügend Disziplin verfügten, so eine Bewerbung fertigzustellen.

Im weiteren Verlauf sollten die verbliebenen Anwärter eigentlich zu einem persönlichen Interview vor ein Komitee geladen werden. Dies entpuppte sich allerdings bloß als ein etwa zehnminütiges „Skype“-Gespräch mit Norbert Kraft, dem medizinischen Leiter von „Mars One“. Nach heftiger Kritik war Kraft bereit, seine Fragen zu veröffentlichen. Als eine besonders „interessante und trickreiche“ wertete er zum Beispiel diese hier:

„Wenn Sie nach drei Jahren unerwartet die Möglichkeit bekämen, doch zur Erde zurückzufliegen, würden Sie es tun?“

Die richtige Antwort: auf keinen Fall, ich kann doch meine Kameraden nicht im Stich lassen! Robert Schröder hat korrekt geantwortet.

Kritik gab es auch, als bekannt wurde, dass sich die Kandidaten keinen speziellen medizinischen Tests unterziehen mussten, sondern sich ihre Gesundheit vom Hausarzt bestätigen lassen konnten. Darauf haben die Macher von „Mars One“ gleich mehrere Antworten. Erstens: Sie suchen ja keine Astronauten, sondern Kolonisten. Zweitens: Das Casting ist noch längst nicht abgeschlossen.

„Glauben Sie an Gott, Herr Schröder?“

„Nicht so richtig.“

„Und wie möchten Sie später mal begraben werden auf dem Mars?“

Da habe man nicht so die Wahl, sagt er. Asche verstreuen gehe nicht, das verstoße gegen die Richtlinien der „Planetary Protection“. Ein Behälter müsse schon sein.

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