Der Kampf der Eltern der entführten mexikanischen Studenten : "Wir wollen sie lebend wieder haben"

In Mexiko werden 43 Studenten von Polizisten entführt. Seitdem fehlt jede Spur von ihnen. Die Regierung sagt, die Mafia hat sie ermordet. Doch der Staat, widersprechen die Eltern, hat nur wenig Interesse an der Wahrheit.

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Verwaist. Die Vermissten studierten am Lehrerseminar Ayotzinapa in Tixtla. Die Seminare stehen in dem Ruf, Revolutionäre hervorzubringen. Der Staat ließ bereits 24 von einst 40 schließen.
Verwaist. Die Vermissten studierten am Lehrerseminar Ayotzinapa in Tixtla. Die Seminare stehen in dem Ruf, Revolutionäre...Foto: Philipp Lichterbeck

Gebückt, als ob er Zentner trüge, betritt Epifanio Àlvarez die Bühne vor dem Revolutionsmonument im Zentrum von Mexiko-Stadt. In der Rechten hält er ein Plakat, darauf das Foto eines jungen Mannes. Jemand reicht ihm ein Mikrofon, und er ruft: „Wir sind nur Bauern, und vielleicht haben wir nicht die richtigen Worte. Aber in unseren Herzen tragen wir Wut. Hier stehen wir und leiden – und werden so lange leiden, bis wir unsere Söhne wiedersehen.“ 10.000 Menschen vor der Bühne antworten: „Ihr seid nicht allein!“

Hinter dem bärengleichen Àlvarez drängeln sich weitere Männer und Frauen, stehen Schulter an Schulter. Einfache Bauern wie er, mit sonnengegerbten Gesichtern, Strohhüten und in Ledersandalen. Einige Frauen tragen bunte Röcke und die Haare zu Zöpfen geflochten. Alle halten großformatige Fotos von jungen Männern in den Händen. Nacheinander treten sie nun vor. „Mein Sohn hat niemandem etwas getan“, sagt eine Frau in fehlerhaftem Spanisch mit indianischem Akzent. „Die Kriminellen sind die Polizisten und Soldaten.“ Am Ende erschallt ein Ruf, minutenlang: „Sie haben sie lebend mitgenommen – lebend wollen wir sie wiederhaben.“

Vor vier Monaten wurden mehrere Hundert Lehramtsstudenten von der Polizei durch die mexikanische Provinzstadt Iguala gejagt. Drei von ihnen fand man anschließend tot auf der Straße, einen mit abgezogener Gesichtshaut, ohne Nase und Augen. Außerdem erschoss die Polizei drei Unbeteiligte. Die Beamten setzten 43 Studenten fest und transportierten sie ab. Von einem wurden mittlerweile Knochen gefunden. Von den restlichen 42 fehlt jede Spur. Die Staatsanwaltschaft hat sie für tot und den Fall für erledigt erklärt. Unter ihnen Jorge Àlvarez, 19 Jahre alt, Sohn von Epifanio Àlvarez und seiner Frau Blanca, Maisbauern aus dem Bergdorf La Palma im armen und vom Staat vergessenen Bundesstaat Guerrero, vier Stunden südwestlich von Mexiko-Stadt.

Es ist ein Protest, wie in Mexiko schon lange nicht gesehen hat

Eine Protestbewegung ist seitdem entstanden, wie sie Mexiko seit Jahren nicht gesehen hat. Sie fordert nicht nur die Rückkehr der Studenten, sondern die Neugründung der Nation. Was ist das für ein Land, in dem 43 junge Menschen verschwinden können, entführt von Polizisten? In dem der Präsident elf Tage braucht, um Worte zu finden – und dann lieber nach Asien reist anstatt nach Iguala. In dem der oberste Staatsanwalt, in Widersprüche verstrickt, klagt, dass ihn der Fall ermüde. In dem wöchentlich Massengräber mit verstümmelten Leichen gefunden werden. In Mexiko sind seit 2007 rund 23 000 Personen verschwunden. Jeden Tag werden acht Vermisste gemeldet, meist Jugendliche.

So sind die 43 Studenten zum Symbol geworden: für ein Land, in dem vielerorts das organisierte Verbrechen herrscht und die Menschen in Angst und Hilflosigkeit leben. In dem der Staat vorgibt, die Mafia zu bekämpfen und von dieser oft nicht mehr zu unterscheiden ist.

Nach der Kundgebung besteigt Epifanio Àlvarez einen Bus, der ihn zurück nach Guerrero bringt. Er schweigt, starrt vor sich hin, genauso wie die anderen Eltern der vermissten Studenten. Erst am Morgen standen sie vor der deutschen Botschaft in Mexiko-Stadt, weil die Polizei in Iguala mit Gewehren des Waffenherstellers Heckler & Koch ausgerüstet war. Aber kein offizieller Vertreter ließ sich blicken. „Wir sind müde“, sagt Àlvarez. „Wir warten seit Monaten auf Antworten.“ Einmal hat er sie beim Präsidenten persönlich gesucht. Staatschef Enrique Peña Nieto empfing die Eltern in seinem Palast. „Aber er hatte keine Worte für uns“, sagt Àlvarez, „nur Geschwätz.". Nun sind die Eltern überzeugt, dass die Regierung etwas vertuschen will.

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