Die größte Plattensammlung der Welt : Der Diskothekar

Rumba, Rock, Oper: Zero Freitas kauft Schallplatten. Wahllos, wie besessen. Rund fünf Millionen Exemplare zählt seine Sammlung. Jetzt will er sie mit der Menschheit teilen.

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Sammler und Bewahrer. Mit dem Sammeln von Bonbonpapieren fing Zero Freitas einst an. Heute besitzt er die wohl größte Schallplattensammlung der Welt. CDs mag er nicht.
Sammler und Bewahrer. Mit dem Sammeln von Bonbonpapieren fing Zero Freitas einst an. Heute besitzt er die wohl größte...Phillip Lichterbeck

Auf der Suche nach dem Grund für Zero Freitas’ Besessenheit gelangt man irgendwann zu seiner Mutter.

Er war noch ein Junge und klebte Bonbonpapiere in ein Heft, fein säuberlich, glatt gestrichen, fast täglich kamen neue hinzu. Er mochte die bunten, knisternden Papiere, stolz zeigte er sie herum oder betrachtete sie lange. Die Sammlung war für ihn Schatz und Beschäftigung. Bis sie eines Tages verschwunden war, nirgends zu finden, Zero suchte panisch nach dem Heft. „Meine Mutter hatte es weggeschmissen“, sagt Freitas. „Einfach so. Ich glaube, damit hat es angefangen.“

Es ist ein Donnerstagmorgen im September, als Zero Freitas, 62 Jahre alt, die schwere Tür zu einer alten Kugellagerfabrik im Westen São Paulos öffnet, durch die ehemalige Fertigungshalle schlendert, vorbei an hunderten meterhoch gestapelten Kunststoffkisten, und schließlich einen kahlen Nebenraum betritt, der von schmucklosen Regalen durchzogen ist.

Auf den Bords stehen Schallplatten. hunderte, tausende, hunderttausende. LPs, EPs, Schuber, Singles. Meist schmale, mal breitere Hüllenrücken, dicht an dicht, vom Boden bis unter die Decke, von einer Wand zur anderen. „230 000 Stück“, sagt Freitas. „Nur ein kleiner Teil. Das, was wir bisher registrieren konnten.“

Er besitzt heute die wohl größte Schallplattensammlung der Welt

Freitas hat die Bonbonpapiere gegen Schallplatten getauscht. Und diesmal besser aufgepasst. Er besitzt heute die wahrscheinlich größte Plattensammlung der Welt. Über Jahrzehnte hinweg aufgebaut, unbemerkt von der Öffentlichkeit. Freitas sammelte anonym.

Es begann vor einem halben Jahrhundert, Freitas, zwölf Jahre alt, kaufte seine erste LP. „Roberto Carlos singt für die Jugend“, von einem der später erfolgreichsten Sänger Südamerikas, dem Julio Iglesias Brasiliens. „Es war die Platte null“, sagt Freitas. Die Gründungsscheibe.

Als er die Schule abschloss, standen 3000 Schallplatten in Freitas’ Regal, als er dreißig wurde und an der Uni Komposition studiert hatte: 30 000. Zehn Jahre später trennte er sich von seiner ersten Frau – sie bekam die Bücher, er die Schallplatten – und das Sammeln wurde zur Sucht. „Fünf Millionen“, sagt Freitas, besitze er heute. „Über den Daumen gepeilt.“ Täglich kommen neue Exemplare hinzu. Manchmal 100 000 auf einen Schlag.

Zero Freitas baut, wenn man so will, die Bibliothek von Alexandria neu auf, einen universalen Musikspeicher, komplett aus Vinyl. Nicht mehr in der Alten Welt, sondern in der Neuen. Brasilien. Die Diskothek von São Paulo.

Der Motor der ihn antreibt, tuckert still

Doch in den Augen des Diskothekars sucht man vergeblich nach dem Lodern des Sammelfiebers. Eher strahlt er etwas Verhuschtes, Unscheinbares aus. Freitas trägt Halbschuhe, ein schlabberiges Sweatshirt und die angegrauten Haare, die rund um den Hinterkopf wachsen, schulterlang. Eine randlose Brille, die er zum Lesen absetzt, verleiht ihm etwas Zögerliches. Der Motor, der ihn antreibt, man hört ihn nicht, er stampft still in Freitas’ Innerem. Dafür umso heftiger. „Ich jage ständig nach etwas“, sagt Freitas. „Immer, unentwegt, ohne Unterlass!“

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