"Alles was es braucht, ist eine gelbe Warnweste"

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Ein Zeichen für die Flüchtlinge : Wie die Mauerkreuze verschwanden
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Provisorische Zettel erinnerten an die Maueropfer als die Kreuze verschwunden waren.
Provisorische Zettel erinnerten an die Maueropfer als die Kreuze verschwunden waren.Foto: dpa

Vielleicht wäre die Debatte in den Tagen nach der Kreuzentfernung etwas anders gelaufen, wenn sich die Kreuzeigentümerin auf die Seite der Kreuzentferner geschlagen hätte. Vielleicht hat Alexandra Hildebrandt letztes Jahr im November eine Chance vertan. Vielleicht aber haben die Aktivisten ihr auch zu viel zugemutet. DDR-Opferverbände, die Hildebrandt wenigstens nicht widersprechen, wenn sie sagt, dass die Mauerkreuze ihr gehören, sind in vielen Fällen – freundlich formuliert – eher konservativ. Leute wie Ruch gelten in diesen Kreisen mitunter als linksextreme Chaoten, mit denen gibt man sich nicht ab. Keine leichte Situation für Hildebrandt, auch wenn die Sache im Nachhinein für sie klar ist: „Ich schäme mich, weil wir hier im Museum viel zu wenig über die heutigen Flüchtlinge reden, obwohl wir das eigentlich tun müssten. Wahrscheinlich haben die Aktivisten recht gehabt: Wir hätten dieses Stück Stacheldraht aus der EU-Außengrenze in unserem Museum dringend gebraucht.“

Aber das ist die Gegenwart, und damit zurück in die Vergangenheit, zurück zum ersten November ans Reichstagufer, wo die mutmaßlichen Handwerker die Kreuzen aus dem Denkmal schrauben und in den Gitterwagen stellen. Als sie damit fertig sind, beginnt eine Frau mit einem kleinen Mädchen einen Ringelreigen vor dem jetzt kreuzlosen Denkmal. Sie fassen sich an den Händen und drehen sich im Kreis. Zwei Boote fahren vorbei, als der Gitterwagen mit den Kreuzen langsam von der Bühne geschoben wird. „Eisern Union“ steht auf dem einen Boot, das kleine Mädchen winkt den Touristen.

Demonstrative Normalität

Demonstrative Normalität, vielleicht sechzig Schauspieler auf der Bühne. Und ein paar zusätzliche, die auf den Bildern der Kamera nicht zu erkennen sind. Wenn die Sicherheitskräfte misstrauisch geworden wären, sagt Philipp Ruch heute, dann hätten sie noch zusätzliches Personal gehabt: „Ein Spinner stand bereit.“ Er hätte an einer anderen Stelle am Reichstag angefangen, lautstark Verschwörungstheorien zu verbreiten. Auf dem Kopf ein Aluhütchen, zum Schutz gegen telepathische Steuerungskommandos der Illuminaten ...

Aber es brauchte keine Aluhütchen. „Alles, was es braucht, ist eine gelbe Warnweste“, sagt Ruch, und das ist natürlich stark untertrieben bei dem Aufwand, den sie hier veranstalten. Und so stellen die Handwerker die mitgebrachten Ersatzkreuze ans Denkmal, treten einen Schritt zurück, tun so, als würden sie die Passform überprüfen, die Details der bevorstehenden Montage besprechen. Währenddessen werden an anderer Stelle die Originalkreuze von der Bühne gerollt. Sie landen in einem bereitstehenden Wagen und flüchten. Nicht an die EU-Außengrenze, sondern in eine WG irgendwo in der Stadt. Minuten vergehen, nichts passiert.

Irgendwann wird der jetzt leere Gitterwagen wieder ins Bild gerollt. Die Handwerker nehmen die angeblichen Ersatzkreuze, stellen sie in den Wagen. Sie rollen den Filzteppich ein, packen zusammen und verschwinden. Was bleibt, ist ein Denkmal ohne Kreuze.

Auf dem Schild steht: "Hier wird nicht gedacht"

Schließlich kommt eine Frau und stellt ein weißes Hinweisschild vor das Metallgerüst. „Hier wird nicht gedacht“, steht auf dem Schild. Dann kommen ein paar Männer, sie tragen T-Shirts, auf deren Rückseite „Menschheit“ steht. Sie kleben kleine Post-It-Zettel in die leeren Kreuzfassungen. Auf den Zetteln steht „Toumani Samake“.

Samake war 23 Jahre alt, als er letztes Jahr beim Versuch starb, den EU-Grenzzaun zu überwinden, der die spanische Enklave Melilla auf dem afrikanischen Kontinent von Marokko trennt. Menschenrechtsorganisationen haben Videos ins Internet gestellt. Sie zeigen, wie sich die Flüchtlinge in ein paar Metern Höhe an den Zaun klammern. Auf dem Boden stehen Sicherheitskräfte. Sie haben Leitern an den Zaun gelehnt, klettern nach oben und prügeln die Menschen mit ihren Schlagstöcken. Einige stürzen ab und fallen. Samake war einer von ihnen, sagen Menschenrechtsorganisationen.

Nach zwei Tagen verschickt das „Zentrum für politische Schönheit“ eine Presseerklärung. Die Kreuze sind geflüchtet, steht darin. Vorher war es niemandem aufgefallen.

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels.

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