Die Promenade ist die Bühne, die Polizei ahnt nichts

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Ein Zeichen für die Flüchtlinge : Wie die Mauerkreuze verschwanden
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Nach 45 Minuten ist alles vorbei. Die Gedenkstätte entfernt. NIemand bemerkt das Verschwinden, bis das "Zentrum für politische Schönheit" sich in einer Pressemitteilung zu der Aktion bekennt.
Nach 45 Minuten ist alles vorbei. Die Gedenkstätte entfernt. NIemand bemerkt das Verschwinden, bis das "Zentrum für politische...Foto: Screenshot/Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit

Die Bühne ist die Promenade vor den Gedenkkreuzen. Am 1. November 2014 füllt sie sich allmählich. Eine Studentengruppe schlendert heran und bleibt neben den Kreuzen stehen. Vielleicht 30 junge Menschen. Sie werden angeführt von André Leipold, einem 36-jährigen Mann, der beim Zentrum als „Geheimrat“ fungiert.

Am 1. November spielt er den Leiter einer literarischen Stadtreise, der seinem Publikum vorliest. „Der Fürst“ von Machiavelli, ein Klassiker der politischen Philosophie: ein Text über die Möglichkeiten des politischen Machterhaltes in einer feindlichen Umgebung. Außerdem Kafka, Kurzgeschichten vom verzweifelten Individuum. Seine Zuhörer stehen mit dem Rücken zu den Kreuzen, alles ganz normal.

Kurz darauf kommt eine zweite Reisegruppe ins Bild. Menschen mit Kinderwagen, vielleicht noch einmal 20 Personen. Dazu Handwerker. Sie tragen gelb leuchtende Warnwesten, in den Händen Werkzeugkoffer. Sie schieben einen Gitterwagen neben sich her, aus dem weiße Holzkreuze ragen. Während die andere Gruppe neben dem Literaturkreis stehen bleibt, biegen sie ab zu den Kreuzen. Ein Mann im Anzug führt sie an. Er trägt eine Aktentasche und telefoniert: Philipp Ruch, Kopf des „Zentrums für politische Schönheit“. Ruchs Rolle an diesem Tag: Er spielt den Restaurator. Vor dem Denkmal rollen die Handwerker einen Filzteppich aus und beginnen, die Kreuze aus dem Gitterwagen neben den Originalkreuzen im Denkmal abzustellen.

Das ist der Trick: Sie wollen die Kreuze mitnehmen. Und lassen es so aussehen, als wären sie beauftragt, berechtigt. Natürlich kommen sie nicht in der Nacht. Welcher Restaurator arbeitet schon nachts? Sie kommen am Tag, im Schutz der Öffentlichkeit.

Wenn sich überhaupt jemand der Sicherheitskräfte an diesem Tag für das Geschehen an den Mauerkreuzen interessiert hat, dann sieht er jetzt, wie die Handwerker unter den Augen ihres Chefs anfangen, die Originalkreuze aus den Fassungen zu schrauben und in den Gitterwagen zu stellen. Die Originalkreuze sind schließlich nicht im besten Zustand, viele Ecken abgeplatzt, ganz schön angegammelt. Wieso eigentlich? Und stimmt das denn? Originalkreuze?

Die Kreuze verschwanden schon einmal

Tatsächlich ist es eine etwas seltsame Angelegenheit mit den Kreuzen an der Spree. Denn in der Vergangenheit verschwanden sie schon einmal. Wegen Umbauarbeiten im Regierungsviertel wanderten die Kreuze 1995 ein paar hundert Meter weiter. In die Ebertstraße, zwischen Reichstag und Brandenburger Tor. 2003 wurde der Standort an der Spree in einem Festakt mit neuen Kreuzen wieder eröffnet. Dafür sollte der provisorische Standort in der Ebertstraße aufgelöst werden. Das aber gab Ärger. DDR-Opferverbände protestierten heftig, irgendwann gab die Politik ihre Pläne auf.

Deshalb gibt es die Mauerkreuze heute doppelt. An der Spree stehen die Kopien, die Originale hängen in der Ebertstraße. Wem aber gehören die Kreuze eigentlich?

Ursprünglich wurde das Denkmal betrieben durch den Berliner Bürgerverein, dann übergeben an den Bund der Mitteldeutschen. Von dort landete die Sache bei Alexandra Hildebrandt, der Leiterin des Mauermuseums am Checkpoint Charlie. Gehören die Kreuze also ihr? Es gibt manche in der Stadt, die das so sehen. Frau Hildebrandt gehört dazu.

An einem Februarnachmittag sitzt sie im Foyer des Mauermuseums und erinnert sich an diese ungewöhnlichen Tage im November 2014. Damals ermittelte die Staatsanwaltschaft noch, aber Hildebrandt hatte damit nichts zu tun. „Wir haben keine Anzeige erstattet“, sagt sie. Obwohl die Kreuze ihr gehören? „Die Kreuze dort abzuräumen, gehörte sich nicht“, sagt Hildebrandt, und dass die Aktion den Menschen „wehgetan“ habe, die dort der toten Maueropfer gedächten.

Provisorische Zettel erinnerten an die Maueropfer als die Kreuze verschwunden waren.
Provisorische Zettel erinnerten an die Maueropfer als die Kreuze verschwunden waren.Foto: dpa

Sie erzählt von einer Begegnung, die sie ein paar Tage vor dem Kreuzabschrauben gehabt habe. Als Philipp Ruch sie besucht habe und ihr Sachen erzählte, denen sie nicht ganz folgen konnte: „Er begann bei den Kreuzen und endete bei der militärischen Sicherung der EU-Außengrenze.“ Ruch sagt ihr, dass bald etwas mit den Kreuzen an der Spree passieren werde. Und er weiht sie ein und sagt, dass ein paar Tage nach der Kreuzentfernung Busse von Berlin nach Bulgarien fahren werden, Teil zwei der Aktion: Sie wollen den europäischen Grenzzaun abbauen und Ruch bietet an, ihr ein Stück Stacheldraht mitzubringen, als Exponat für ihr Museum. Als ein Beispiel, wie Mauern weiter bestehen, auch wenn andere längst gefallen sind. „Schreiben Sie mir einen Brief“, sagt Hildebrandt und wimmelt ihn ab.

Der Brief ist nie gekommen, kurz darauf verschwanden die Kreuze und Alexandra Hildebrandt hielt sich als Eigentümerin in den kommenden Tagen auffällig zurück. Was war da los?, fragt man dann, und jetzt sagt sie, dass sie sich schäme angesichts der vielen Menschen, die auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer ertrinken. Dass die Empathie verloren gegangen sei, die Bereitschaft, vom eigenen Wohlstand etwas abzugeben. Ruch bat sie um Unterstützung, und Hildebrandt wollte einen Brief.

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