Fischerei : Wie viel Profit verträgt das Meer?

Seit Anfang des Jahres gelten schärfere EU-Regelungen zum Schutz der weltweiten Fischbestände. Doch können sie verhindern, dass internationale Supertrawler die Meere plündern? Wie ein ghanaischer Fischer mit schrumpfenden Beständen kämpft – und ein deutscher Hochseefischer mit seinen Skrupeln.

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Sonnenaufgang. Ghanas Gewässer galten einst als die fischreichsten der Welt. Heute sagt Fischer Joshua Akaa gebe es unter den Bootsbesatzungen oft Streit. "Keiner wird mehr satt."
Sonnenaufgang. Ghanas Gewässer galten einst als die fischreichsten der Welt. Heute sagt Fischer Joshua Akaa gebe es unter den...Foto: Philipp Lichterbeck

Stille über dem Ozean. Zwei Stunden lang dröhnte der Außenborder, dann hat Joshua Akaa ihn abgewürgt. Schweigend steht der Fischer am Heck seiner Piroge und lauscht in die Nacht hinein. Es ist fünf Uhr morgens auf dem Golf von Guinea, über dem 38-Jährigen treiben Wolkenfetzen vor den Halbmond, unter ihm schlägt das Wasser schmatzend gegen die Planken des Holzboots.

Nach einer Weile sagt Joshua: „Ich kann die Fische hören. Ich weiß, wohin sie schwimmen.“ Er setzt den Motor wieder in Gang und steuert weiter hinaus aufs offene Meer. Als die letzten Lichter der Küstendörfer am nördlichen Horizont verschwunden sind, drosselt er die Fahrt. Er wirft eine Handvoll Sand ins Wasser und entscheidet: „Hier!“

Wieder einmal soll sich Joshua Akaa irren.

Der Fischer aus Ghana lebt vom Meer. Doch dieses Meer ist nicht mehr, wie er es kennengelernt hat, „es hat sich verändert“, sagt Akaa. Und das hat viel mit einem anderen Mann zu tun, Horst Rutemöller soll er hier heißen, und wie Akaa ist er Fischer. An einem kalten Wintertag stellt er in seiner norddeutschen Heimat einen Computer auf den niedrigen Couchtisch, drückt auf den Startknopf und registriert zufrieden die Knackgeräusche der Festplatte. Jetzt wird ausgepackt.

Zwei Männer, die vom Meer leben, sehr unterschiedliche Männer mit sehr unterschiedlichen Schiffen und Methoden. Vor Jahrzehnten wäre beider Leben schon schwer gewesen, jetzt machen sie es sich gegenseitig schwer.

In Not. Der ghanaische Fischer Joshua Akaa muss von seiner Piroge ins Wasser, um das Netz zu entwirren.
In Not. Der ghanaische Fischer Joshua Akaa muss von seiner Piroge ins Wasser, um das Netz zu entwirren.Foto: Philipp Lichterbeck

Der eine, Akaa, hat sich drei Stunden bevor er Sand ins Meer streut mit den Hilfsfischern James und Ahene am Strand des Ortes Kokrobite getroffen. Dort liegt seine Piroge im Sand. Sie heißt Oneday und ist aus dem leichten Holz des Abachi-Baums gefertigt. Joshua schraubte den kleinen Yamaha-Motor am Boot fest und schob das acht Meter lange Gefährt gemeinsam mit seinen Männern in die Brandung.

Kokrobite befindet sich 30 Kilometer westlich von Accra, der Hauptstadt Ghanas. Früher war es ein reines Fischerdorf, dann entdeckten Touristen die Palmenbucht, und Ausländer investierten in kleine Hotels und Strandbars. Die bunten Boote der Schiffer scheinen nur noch pittoreske Folklore zu sein. In Wirklichkeit spielt sich vor den Augen der Gäste ein Drama ab, das sie nicht sehen können. Denn es handelt von der Leere. Leere im Meer, Leere im Netz und Leere auf dem Teller.

„Wir fangen nicht mehr viel“, sagt Akaa, es ist ihm unangenehm. Als ob das leere Netz seine Fähigkeiten als Fischer, seine Person infrage stellen würde. Dabei kämpft Joshua einen Kampf, den er gar nicht gewinnen kann: Handwerk gegen Industrie, Holzkanu gegen Fabrikschiff, Intuition gegen satellitengestützte Ortungstechnik. Joshua Akaa gegen Horst Rutemöller.

„Mensch!“, schnauzt der auf einem ferneren Teil des Meeres seinen Kollegen an, „halt hier nicht den ganzen Laden auf!“ Fischköpfe fliegen durch die Luft, zerplatzen auf dem Rücken des Kollegen, einem 42-jährigen Mann. Der sei neu an Bord der Maartje Theadora gewesen, wird Rutemöller später sagen, er habe das Tempo nicht halten können. Aber ein Mann zähle da draußen wenig, er müsse einfach nur zupacken können. Dieser hat auch noch rumgejammert. Das kann Rutemöller nicht leiden.

Da draußen. Für Rutemöller ist das der Ozean. Er ist ausgebildeter Fischwirt und bedient auf deutschen Hochseetrawlern das Fanggeschirr. Doch er steht auch an den Filetiertischen und Fließbändern mit dem Messer in der Hand, weil er als Fischer dem Fisch überallhin folgt. „Geht der Fisch unter Deck, gehen wir mit“, lautet die Devise. Das Netz haben er und die Decksmannschaft wieder ausgebracht, es sammelt ein, während sie am Schneidetisch stehen. Für eine Seezunge braucht Rutemöller 30 Sekunden. In zwei Stunden kommt der nächste Hol, so heißt das, wenn der Trawler sein Netz an Bord zieht, dann muss der vorhergehende Fang verarbeitet sein.

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