Fußball-WM 2014 : Brasilien nach dem WM-Aus: Das Ende einer Illusion

Er ist das Einzige, das ihnen geblieben wäre. Außer Schulden und viel zu großen Stadien. Der Titel. Und dann klappt nicht mal das. Brasilien ist verzweifelt, fühlt sich gedemütigt. Am Dienstagabend ist mehr als nur ein Fußballspiel verloren gegangen.

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Fassungslos. Viele Brasilianer identifizierten sich mit ihrem Team. Was bleibt ihnen jetzt?
Fassungslos. Viele Brasilianer identifizierten sich mit ihrem Team. Was bleibt ihnen jetzt?Foto: Yasuyoshi Chiba/AFP

Gleich neben dem Stadion wartet das „Batalhao Copa“, eines dieser Sonderkommandos, das die brasilianische Polizei für die Fußball-Weltmeisterschaft zusammengestellt hat. Vier junge Männer, sie tragen Kampfanzüge und Helme, die Holzknüppel in ihren Händen wippen auf und ab. Die Burschen vom WM-Bataillon machen sich bereit für die Schlacht, die da kommen muss. Für den Ansturm gedemütigter Fans, sie werden Jagd machen auf die Repräsentanten des Staates, der so viel Geld ausgegeben hat für die Copa und nichts für Bildung, Gesundheit und Infrastruktur.

Über Wochen herrschte der Ausnahmezustand

Das offizielle Brasilien hat diesen Moment immer gefürchtet. Dass sportlich etwas schief laufen könnte und das mit Siegen und Hoffnungen ruhig gestellte Volk aufbegehren könnte wie im vergangenen Jahr, als das Land über Wochen im Ausnahmezustand der Massendemonstrationen und Straßenschlachten steckte. Dieser Moment ist jetzt gekommen. Am Dienstagabend in Belo Horizonte, nach dieser fürchterlichen 1:7-Niederlage im WM-Halbfinale gegen Deutschland. Brasilien hat sich auf der größten aller Bühnen lächerlich gemacht, vor den Augen und den Kameras der gesamten Welt. Also setzten die Soldaten die Helme auf und wippen mit den Holzknüppeln und es passiert...

...nichts.

Am Dienstagabend verharrt Brasilien in Schockstarre. Zu dramatisch war die Demütigung, zu heftig der Schlag, als dass Brasilien wütend sein könnte und bereit zum Aufstand, zur Revolution. Brasilien ist verzweifelt. Brasilien ist verstört.

Es ist mehr verloren gegangen als nur ein Fußballspiel

Am Dienstag ist mehr als nur ein Fußballspiel verloren gegangen. Das Debakel von Belo Horizonte steht für mehr. Für die extreme Selbstbezogenheit eines Landes, dessen Eliten meinen, sie müssten nicht schauen, was im Rest der Welt vor sich geht. Nicht bei der Bildung, beim Klimaschutz oder der globalen Wirtschaftsumstellung.

Und, ach, nicht beim Fußball. Bis zum Dienstag haben sie geglaubt, sie kämen schon irgendwie durch, sie seien ja schließlich Brasilianer. Sie haben dafür ein eigenes Wort erfunden, „jeitinho“, es steht für den kleinen Dreh und Kniff, der doch noch möglich macht, was eigentlich nicht möglich ist.

Am Dienstag gibt es keinen jeitinho.

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