Gebietsreform in Brandenburg : Um jeden Kreis

Wenn es um Heimat, Respekt und Stolz geht, geraten die Brandenburger aus der Fassung. Die geplante Verwaltungsreform rührt an der Seele eines Landes im Aufschwung. Und weckt Ängste. Vor Landflucht – und der AfD.

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Auf dem Weg. Die rot-rote Regierung in Brandenburg will, dass es statt 18 Landkreisen künftig nur noch zehn gibt. Städte wie Brandenburg an der Havel fürchten um Identität und Wohlstand. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Auf dem Weg. Die rot-rote Regierung in Brandenburg will, dass es statt 18 Landkreisen künftig nur noch zehn gibt. Städte wie...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Werner Jumpertz klingt ein wenig atemlos. Das kann verschiedene Ursachen haben. Seine Erkältung zum Beispiel. Vielleicht ist es aber auch das Thema, das ihm die Luft raubt. Die Kreisgebietsreform. Es gibt derzeit kaum ein anderes Wort, mit dem man einen Brandenburger derart aufregen kann. 70 Prozent sollen es nach einer jüngsten Umfrage sein, die das von der rot-roten Landesregierung angestrebte Reformvorhaben ablehnen.

Jumpertz ist Sozialdemokrat und lebt in Brandenburg an der Havel, obwohl, sein Kölscher Tonfall verrät es, eigentlich ist er nicht wirklich von hier. Er kam 1994 – gewissermaßen als Aufbauhelfer, ein Wort, das er nicht gern hört. Nun aber sieht er sein Werk in Gefahr, trotz der Wohltaten, mit denen die Landesregierung seiner Stadt im Zuge der Reform aus den Schulden helfen wolle. Er wird lauter, fällt damit sogar seiner Bürgermeisterin über den Kaffeetisch hinweg ins Wort. „Das ist geschummelt“, platzt es aus ihm heraus. Aber nicht mit ihm!, dem studierten Ökonomen, der hier 17 Jahre lang Chef der Verkehrsbetriebe war und jetzt dem Stadtsportbund vorsteht.

Weil die Ränder immer leerer werden

Dabei ist es doch alles so gut gemeint. Weil Demografen errechnet haben, dass das Land Brandenburg an seinen Rändern immer leerer wird, so leer, dass es sich beispielsweise nicht mehr lohnen würde, dort eine Baubehörde oder Ähnliches zu unterhalten. Denn die hätte ja nichts mehr zu tun. Deshalb soll es nach dem Willen der Regierung statt 18 Landkreisen nur noch zehn geben, von denen vier dann deutlich größer wären als etwa das Saarland und weitere vier nicht viel kleiner. Und in die dann auch die bislang eigenständigen Städte Frankfurt/Oder, Cottbus und Brandenburg an der Havel eingegliedert würden. Zu ihrem Nutzen, wie die Landesregierung in Potsdam, das als einzige kreisfreie Stadt übrig bliebe, verspricht. Als Gegenleistung würden ihnen praktisch ihre Schulden abgekauft.

Jumpertz zieht immer noch aufgeregt Akten aus seiner prall gefüllten Tasche und blättert durch die Seiten. Er hat sie alle 500 studiert: „Am Ende werden wir draufzahlen.“ Potsdam würde ihnen das Geld nehmen, um ihnen dann großzügig etwas wiederzugeben. Nur leider viel weniger.

Speerspitze im Kampf gegen die Reform

Was sagt seine Bürgermeisterin? Die nimmt den Ausbruch lächelnd zur Kenntnis. Auch wenn ihr gerade nicht zum Lächeln ist. Dietlind Tiemann, CDU-Mitglied, seit 15 Jahren Oberbürgermeisterin der Stadt Brandenburg, ist wahrscheinlich mindestens so erregt wie Jumpertz. Es gibt sogar Leute, die halten sie für eine Speerspitze im Kampf gegen die umstrittene Reform. Und es wäre wohl ein Fehler, die mit 1,56 Metern nicht eben groß gewachsene Frau zu unterschätzen – was neben Jumpertz, einem großen schweren Mann, leicht passieren könnte.

Jumpertz setzt noch einmal an, wie all diese Millionen zu addieren sind, zeigt auf farbig markierte Zahlenkolonnen. Doch um Geld allein geht es hier gar nicht. Es geht um Heimat, um Respekt, darum, wer in Zukunft was von wo aus entscheiden darf. Berliner mögen sich einmal an die Bezirksreform vor 16 Jahren erinnern. Wie geklagt wurde, über die langen Wege, wenn vielleicht das Rathaus nicht mehr in Zehlendorf stünde, sondern in Steglitz. Dabei liegen beide Häuser nicht einmal sechs Kilometer auseinander. In Brandenburgs künftigen Großkreisen könnten da schon mal 100 Kilometer anfallen.

Die "potthässliche" Vergangenheit

„Potthässlich“, sagt Dietlind Tiemann, wenn sie Zustände aus der Vergangenheit ihrer Stadt beschreiben will. In der lebt sie seit ihrem elften Lebensjahr, seit 2003 regiert die inzwischen 61-Jährige als Bürgermeisterin. Wahrscheinlich würde sich der einst aus dem Westen zugereiste Jumpertz gar nicht trauen so etwas zu sagen, um nicht für arrogant gehalten zu werden. Tiemann, die in Genthin geboren wurde, traut sich.

Das Brandenburg ihrer Kindheit hatte 90 000 Einwohner und rund 10 000 arbeiteten im Stahlwerk. Bis 1991, bis zur Schließung des Werks. Die Stadt verlor binnen zehn Jahren fast ein Viertel ihrer Einwohner. Das hässliche Entlein der Mark nannte sie Manfred Stolpe, der damalige Ministerpräsident des Landes. Die „Bild-Zeitung“ taufte sie die Stadt am Loch, weil der Neustädtische Markt im Zentrum genau das war, ein drei Meter tiefes Loch, Symbol einer Investitionsruine, die nach der Wende aus dem Stadium das Versprechens nie herauskam.

Eine der ersten Maßnahmen Dietlind Tiemanns war es, dieses Loch zuschütten zu lassen. Und die Bürger rückten mit Spaten und Schubkarre an. Viele Brandenburger hatten ja auch genug Zeit, könnte ein Zyniker jetzt sagen, denn 24 Prozent waren arbeitslos. „Nehmen Sie die dazu, die in irgendwelchen Beschäftigungsmaßnahmen steckten, waren es eher 40 Prozent.“ Und jetzt? „Knapp über zehn.“

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