Gewalt gegen Kinder : Kommissarin im Dienst der Schwächsten

Es gab Fälle, da saß das ganze Kommissariat heulend an ihrem Konferenztisch. Gina Graichen kümmerte sich mehr als 30 Jahre um den Schutz der Berliner Kinder. Ihr Dezernat ist einzigartig in Deutschland. Unser Blendle-Tipp.

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Die Opfer zuerst. Die Polizei startete Informationskampagnen, die vielen Berlinern die Augen öffneten.
Die Opfer zuerst. Die Polizei startete Informationskampagnen, die vielen Berlinern die Augen öffneten.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Am Tag nach Alisan-Turans zweitem Geburtstag ist seine Mutter fortgegangen. Sie sei sauer gewesen: Der Vater war weg und der Kleine da. So erklärte sie später. Einmal ist sie in die Wohnung zurückgekehrt: Mantel und Krankenkassenkarte holen. Im Bad hat sie sich bei der Gelegenheit noch schnell die Haare rot gefärbt. „Und nebenan stirbt ein Kind“, sagt Gina Graichen, „das ist so grob!“

Wochen später, Gina Graichen kocht gerade Abendessen, als sie einen Anruf bekommt: Die Feuerwehr hat in Wilmersdorf eine Kinderleiche gefunden. Sie tischt ihrem Mann und den Töchtern noch schnell das Essen auf, dann fährt sie hin. Ein Hochparterre nahe dem Rüdesheimer Platz. Vor der Wohnungstür stapeln sich alte Zeitungen und Pakete. Penetranter Verwesungsgestank. Unzählige Male müssen die Nachbarn an der Wohnung vorbeigegangen sein, womöglich mit zugehaltener Nase, sagt Graichen, bis einer die Feuerwehr rief. Das ist das Frustrierende an ihrer Arbeit: dass ihre Kollegen und sie immer zu spät kommen.

In einem Spalt zwischen einem Sofa und einem Sessel ist Graichen auf den Leichnam von Alisan-Turan gestoßen. Beine angezogen, Arme angewinkelt. So kauern Kinder, die sich fürchten. Graichens erster Gedanke: Der Mutter muss etwas zugestoßen sein! Sie wies die Kollegen an, in den Krankenhäusern zu recherchieren. „Man denkt ja zunächst immer zu positiv“, sagt sie.

Dabei hat Gina Graichen bereits häufig in menschliche Abgründe geblickt. Das bringt ihr Beruf mit sich: 27 Jahre lang leitete sie das „Kommissariat für Delikte an Schutzbefohlenen“ beim Landeskriminalamt Berlin, eine Abteilung, die in Deutschland einmalig ist. Neben dem Ermitteln hat sie unermüdlich Öffentlichkeitsarbeit für den Kinderschutz gemacht, zusammen mit ihren ehemaligen Vorgesetzten sogar eine Plakatkampagne selbst gestaltet, in deren Folge sich die Anzeigen vervielfachten.

Drei unbeaufsichtigte Kleinkinder, Berge von Müll

Dass in Berlin viermal so viele Übergriffe gemeldet wurden wie im Bundesdurchschnitt, war Graichens Verdienst. Denn hohe Fallzahlen bedeuten, dass mehr Kinder aus ihrem bedrohlichen Zuhause befreit werden konnten. Graichen bekam für ihr Engagement den Prix Courage vom ZDF-Magazin „Mona Lisa“ und den Verdienstorden des Landes Berlin. Jetzt geht sie in Rente. An einem ihrer letzten Arbeitstage sitzt Gina Graichen am langen Konferenztisch in ihrem Chefzimmer. Sie ist eine kleine Frau mit großen, freundlichen Augen hinter dicken Brillengläsern. Pinkfarben lackierte Fingernägel, dichter graublonder Haarschopf.

Frau Graichen, was hat sich in den Jahren verändert?

Das Kindeswohl ist stärker in den Fokus gerückt, sagt sie. Ein kleiner Klaps habe noch keinem geschadet, das höre sie durchaus noch oft: von den Beschuldigten. Aber Passanten, die beobachten, wie ein Kind geschlagen wird, laufen manchmal sogar hinterher – bis zur Haustür, hinter der die Familie verschwindet. Dann rufen sie die Polizei.

Gina Graichen holt eine Aktenkladde. Jede Anzeige, die im Kommissariat eingeht, wird hier eingetragen. In ihrer Anfangszeit habe ein solches Buch vier Jahre gereicht. Früher mischten sich die Menschen zögerlicher in die Erziehungsmethoden anderer ein, sagt sie. Diese Kladde hier hat sie im Oktober 2015 begonnen, und viel Platz ist nicht mehr darin. Bis zu zehn neue Fälle kommen jeden Tag hinzu.

Gestern hatte sich beispielsweise eine Frau verletzt auf eine Straße geflüchtet und Fremde um Hilfe gebeten: Sie sei zu Hause von ihren Ehemann geschlagen worden. Polizeibeamte fuhren zur Wohnung. Den Mann fanden sie dort nicht, dafür drei unbeaufsichtigte Kleinkinder und Berge von Müll. Das Jugendamt ...

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