Egon Krenz sah er vor Gericht wieder

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Günter Schabowski ist tot : Der Mann, der aus Versehen die Mauer öffnete
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Günter Schabowski im Oktober 2007 in Berlin.
Günter Schabowski im Oktober 2007 in Berlin.Foto: dpa

Schabowski schreibt eine Autobiografie, in der er kompromisslos mit seiner Vergangenheit und dem Kommunismus abrechnet. Damit und in zahlreichen Interviews zieht er einen Schlussstrich unter seine sozialistische Sozialisation und einen Trennstrich zu den einstigen Kampfgefährten. Einige von ihnen wird er später vor dem Berliner Landgericht wiedersehen, vor dem sie sich wegen der Toten an der Mauer zu verantworten haben. Bei dem 1996 beginnenden Prozess verbindet sie schon nichts mehr. Während Krenz und Co. von „Siegerjustiz“ sprechen, distanziert sich Schabowski ausdrücklich von diesem Begriff und wird von grauköpfigen Ex-SED-Bonzen auf der Besucherbank angeblafft, vor dem Gerichtsgebäude als „Verräter, der sich dem Klassenfeind andient“, fast handgreiflich angegriffen. Schabowski, in Anklam in Vorpommern geboren, aber schon seit Abiturzeiten in Berlin lebend, gibt mit Kodderschnauze Kontra. Der Dialekt überlebt auch politische Systeme – schon zu DDR-Zeiten hat Schabowski mit der Sprache des Volkes kokettiert, um die Kluft zwischen denen da unten und denen da oben nicht gar so groß erscheinen zu lassen.

1999 ging er ins Gefängnis

Obwohl Schabowski erst ins Politbüro aufgenommen wurde, als das Grenzregime längst beschlossen war, wird er zu drei Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt. Unmittelbar vor Weihnachten 1999 tritt er sie in Hakenfelde an, sitzt ein unter Betrügern, Räubern und Vergewaltigern. Später kümmert er sich ein bisschen um die Eingewöhnung eines neuen Mithäftlings, der mit Verzögerung hinter Gitter zieht, weil er sein Urteil erst noch vor dem Europäischen Gerichtshof anzufechten versuchte. Sein Name: Egon Krenz. Der wird wegen des starken Medienrummels um seine Person bald nach Plötzensee verlegt. Schabowski selbst verlässt das Gefängnis am 2. Oktober 2000, nachdem er von Berlins Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen begnadigt worden ist. In der sich anschließenden dreijährigen Bewährungszeit muss er sich wöchentlich bei der Polizei melden.
Das Leben in der Gesellschaft, die er lange als menschenfeindlichen und zum Dahinsiechen verurteilten Kapitalismus bekämpft hat, ist Schabowski zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr neu. Er hatte sich 1990 hinten angestellt, hat sich bei einem kleinen, neugegründeten Anzeigenblatt in Hessen als stellvertretender Geschäftsführer anheuern lassen. Journalistisch arbeiten wollte er nicht mehr.
Nach eigenen Aussagen war diese Zeit eine Art Erweckungserlebnis für den damals immerhin schon 61-Jährigen. „Ich nahm naiv staunend zur Kenntnis, mit wie viel Freiheit, wie viel Entscheidungsvielfalt und wie viel Kreativität die Menschen im Westen ganz selbstverständlich hantierten.“ Und es bestärkte nach seinen eigenen Worten seine kritische Haltung gegenüber der DDR. So hielt er denn auch den 2009 vom Verlag gewählten Buchtitel „Wir haben fast alles falsch gemacht“ für irreführend. „Das hört sich so an, als hätten wir einiges richtig gemacht. Ich bin aber grundsätzlich anderer Auffassung. Ich bin der Meinung, dass wir alles falsch gemacht haben. Weil der Versuch, ein sozialistisches Gesellschaftskonstrukt zu schaffen, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.“

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