"Hurenkinder" von US-Soldaten : Verstoßen von Vater und Land

Hurenkinder werden sie genannt. Die unehelichen Kinder der amerikanischen Soldaten haben es auf den Philippinen besonders schwer. Sie fürchten, dass jetzt alles von vorne beginnt.

von und Javier Sauras
Im Rotlichtviertel Baretto warten die Frauen auf Kundschaft. Schilder werben: Welcome US-Forces
Im Rotlichtviertel Baretto warten die Frauen auf Kundschaft. Schilder werben: Welcome US-ForcesFoto: Javier Sauras

Emmanuel Drewery steht seine Lebensgeschichte ins Gesicht geschrieben. Das war schon in der Schule so. „Alle wussten, dass meine Mutter eine Prostituierte war und mein Vater sie zurückgelassen hat“, sagt er. Drewery ist ein schlanker, groß gewachsener Mann, seine Haut dunkel. „Hurensohn haben sie mich genannt oder pekeng tisoy.“ Ins Deutsche übersetzt heißt das: falscher Amerikaner. Denn sein Vater, den er trotz langer Suche nie kennengelernt hat, war US-Soldat.

Vor 26 Jahren wurde Emmanuel Drewery in Olongapo geboren, einer Stadt im Nordwesten der Philippinen. Sie grenzt an den ehemaligen Stützpunkt Subic Bay, der während des Kalten Kriegs die größte US-Militärbasis in Übersee war. Als einer der Millionen US-Soldaten war G. I. Drewery, wie Emmanuel Drewery seinen Vater manchmal verbittert nennt, ein regelmäßiger Besucher von Olongapos berüchtigtem Rotlichtviertel Baretto. Und wie viele Freier wollte der G. I. keine Kondome benutzen. Zehntausende Kinder US-amerikanischer Soldaten wurden bis Anfang der 1990er Jahre auf den Philippinen geboren.

Aus dem Fenster sieht man die Dächer der Nachtclubs

Rund 50 000 wuchsen wie Emmanuel Drewery ohne Vater auf. „Die anderen Eltern haben auf meine Mutter herabgeschaut, weil sie bei den Elternabenden immer allein kam“, sagt er. „Auch die Lehrer haben mir keine Chance gegeben. Ich konnte noch so viel lernen. Meine Noten waren schlechter. Man sagte mir, ich gehörte hier nicht hin.“ Auf dem Schulhof prügelte sich Emmanuel oft, weil er beschimpft wurde. Heimlich weinte er.

Wenn Emmanuel Drewery über sein junges Leben spricht, kämpft er mit den Tränen. Er sitzt in einem Tagungsraum des Vereins PREDA, der die Kinder von US-Soldaten unterstützt. Dort ist er als Sozialarbeiter beschäftigt. Das Viertel Baretto, in dem die Beziehung seiner Eltern und unzählige weitere begannen, liegt in der Nähe. Aus dem Fenster sieht man die Dächer der Nachtklubs.

Amerasian. Emmanuel Drewery, 26, kann seine Herkunft kaum verleugnen.
Amerasian. Emmanuel Drewery, 26, kann seine Herkunft kaum verleugnen.Foto: Javier Sauras

„So eine Kindheit wünsche ich niemandem.“ „Amerasians“ – so werden die Kinder der US-Soldaten genannt, seit die amerikanische Literaturnobelpreisträgerin Pearl S. Buck diesen Begriff für die US-Soldatenkinder in ganz Asien prägte. Sie hätten ohne Organisationen wie PREDA gar nichts. In einem alten Haus am Rand von Olongapo mit seinen 300 000 Einwohnern können sie schlafen, Hilfe bekommen, Freunde finden. Viele sind in Armut groß geworden. Sie kamen häufiger als andere mit Drogen in Kontakt, wurden wegen ihres Aussehens in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt.

Die USA wollen zurückkehren - es gibt Protest

Ihre Geschichten erinnern an die der Besatzungskinder in Deutschland. An die französischen, britischen, russischen oder amerikanischen Väter, die an ihren Stützpunkten Frauen kennenlernten, Kinder zeugten und verschwanden. Die Mütter wurden oft als „Soldatenhuren“ beschimpft oder als „Negerhuren“. Die Kinder nannte man „Brown Babies“ oder „Kriegskinder“.

„Die Geschichte wiederholt sich bei uns“, sagt Emmanuel Drewery. Er geht ein paar Schritte zum Fenster und schaut über die Dächerlandschaft zwischen Smog und schwerer, feuchter Luft auf die Leuchtreklamen des Viertels Baretto. „Wir haben Kundgebungen veranstaltet, wir haben protestiert“, sagt Drewery, „aber wir werden nichts ändern können. Es wird neue Ausgegrenzte geben. Und sie werden wie wir ihre Herkunft leugnen, wo sie können, weil sie sich für etwas schämen, wofür sie nichts können.“

Die Philippinen liegen in einer Region Südostasiens, für die sich die Kolonialmächte immer interessiert hatten. Ab dem 16. Jahrhundert herrschten hier die Spanier, 1898 kamen die USA. Während des Zweiten Weltkriegs übernahm Japan für kurze Zeit, aber im Kalten Krieg wuchsen die Philippinen zu einem geostrategisch wichtigen US-Militärstandort. Von hier aus kämpften die Amerikaner in Korea, in Vietnam, im Irak.

Über Jahrzehnte durchliefen Millionen US-Soldaten Stützpunkte wie Subic Bay und Clark und auch deren Satellitenstädte Olongapo und Angeles, die fast völlig von der Sexindustrie abhängig wurden. „Zwillingsstädte der Sünde“ werden sie genannt.

1989 sollte das Land endlich richtige Freiheit kennenlernen. In der Zeit, als in Berlin die Mauer fiel, votierten die Abgeordneten in der Hauptstadt Manila für den Abzug der US-Truppen. Corazón Aquino, die damalige Präsidentin, feierte den Beschluss als ein neues Kapitel der nationalen Geschichte. 1992 lichtete das letzte US-Schiff seinen Anker.

22 Jahre später ist das Land wieder ein Spielball der großen Mächte. Die chinesische Regierung erhebt Anspruch auf die westlich gelegenen Spratly-Inseln, dies stößt bei mehreren Ländern in der Region und auch den Philippinen auf Widerstand. Im Frühjahr reiste US-Präsident Barack Obama nach Manila. Gemeinsam mit dem philippinischen Regierungschef Benigno Aquino III., dem Sohn von Corazón Aquino, die die Amerikaner vertrieben hatte, präsentierte er das Ergebnis monatelanger Verhandlungen. Es lautete: Um die Philippinen vor China zu schützen, wird das US-Militär bald zurückkommen.

Früher waren die Rotlichtviertel nach Hautfarbe getrennt

Die Reaktion Pekings ließ keine Stunde auf sich warten. Manila sei ein Unruhestifter, Washington ein Provokateur. Aber viel heftigere Emotionen weckt der Deal bei den Amerasians. Es gab Proteste vor der US-Botschaft in Manila. Justin Ray Labandello war dabei. Ihn erinnert der neue Pakt zwischen seinem Land und den USA an seine eigenen Geschichte.

Der 19-jährige Student ist Amerasian in dritter Generation, seine Mutter und seine Großmutter verdienten ihr Geld in Baretto, seinen Vater und Großvater hat er nie kennengelernt. Labandellos Haut ist hell, die Nase schmal, seine Kindheitserinnerungen klingen wie die von Emmanuel Drewery. „Viele von uns haben Drogen ausprobiert. Einige meiner Freunde sind als Kinder süchtig geworden. Einer ist gerade in einer Entzugsklinik. Die meisten haben keine Arbeit.“

Justin Ray Labandello jobbt und studiert gleichzeitig, um nicht so zu enden. Auf dem Weg zu Theaterproben, die er in seiner Freizeit besucht, geht er eine schmale Straße in Olongapo entlang. An einer Abzweigung zeigt er erst in die eine Richtung, dann in die andere: „Die Rotlichtviertel waren früher nach Hautfarbe getrennt. Das weiße Viertel hatte noch etwas mehr Ansehen, da kamen die hübscheren Frauen hin, sagt man. Die anderen kamen zu den Schwarzen.“ Das einzig Gute an seiner Herkunft, sagt der junge Mann: „Mein Vater war nicht schwarz. Die ‚negritos’ haben sich hier noch mehr anhören müssen. Als Weißer hast du es noch etwas besser.“ Denn eigentlich entsprechen die helleren Amerasians dem Schönheitsideal vieler Filipinos. TV-Moderatoren, Models und andere Prominente sehen so aus, Megan Young, Tochter einer philippinischen Mutter und eines amerikanischen Vaters, wurde 2013 zur Miss World gekürt.

Viele Veteranen wollten nach dem Abzug '92 nicht nach Hause

Justin Ray Labandello sagt, er lerne, mit dem Außenseiterdasein umzugehen. Aber er weiß, dass schon seine Herkunftsstadt Olongapo alles über ihn verrät. Hier ist die Trennung der Rotlichtmilieus nach Hautfarbe zwar vorbei, doch Labandello glaubt: „Wenn das US-Militär jetzt zurückkommt, wird es neue Kinder geben.“ Mit seiner Theatergruppe studiert er gerade ein Stück ein, das die Problematik der Amerasians aufgreift. In Europa wird er damit auftreten und an mehreren Orten seiner Heimat. Es soll auf die „Massenvergewaltigung“ seines Landes aufmerksam machen.

In Angeles City, 30 Kilometer östlich von der Abzweigung, an der der junge Schauspieler zu seinen Proben abgebogen ist, drückt John Gilbert eine Tür im Kriegsveteranenposten 2485 auf. Rund 100 Gäste kommen täglich hierher, ein kleines Gebäude, das Restaurant, Kneipe und Postamt in einem ist. Die Gäste sind größtenteils Veteranen, die nach dem Abzug 1992 nicht nach Hause wollten.

"Viele haben sich verliebt und sind dabei geblieben"

John Gilbert, der 66-jährige Pensionär aus Las Vegas, ist Chef des Vereins, John Gilbert kennt viele Amerasians und ihre Lebensgeschichten. „Das erste Mal war ich 1982 hier. Damals konntest du sie überall sehen: Kinder und Jugendliche mit dunkelblonden Haaren, blauen Augen oder eben viel dunklerer Haut.“ Ihre Herkunft war offensichtlich, sagt auch Gilbert, und ihre Zukunft ebenso. „Für Mädchen galt die Faustregel: Wenn du einen Job suchst, musst du in die internationalen Bars gehen.“

Gilberts Haut hat die Sonne braun gebrannt, seine Haare weiß geblichen. In einer jener Bars, wo sich die Soldaten ihre Zeit vertrieben, lernte er eine Kellnerin kennen, seine heutige Frau. Die gemeinsamen Kinder schickte Gilbert auf Schulen in den USA. „Viele von uns haben sich verliebt und sind dabei geblieben“, sagt Gilbert mit einem leicht vorwurfsvollen Blick, als könnte er all die negativen Geschichten nicht mehr hören.

Aber wenn das US-Militär nun wiederkommt? Gilbert stellt seinen Softdrink mit Eiswürfeln auf den Tresen und sieht um sich. Lachen ist zu hören, auf den Bildschirmen verfolgen die Veteranen American Football, einige flirten mit den Kellnerinnen, die auch heute noch ausschließlich junge Filipinas sind.

„Klar, es gab manchmal Probleme. Heute versucht das US-Militär aber, seinen Leuten eine neue Mentalität beizubringen.“ Auch die philippinische Gesellschaft habe dazugelernt: „Der Rassismus hat abgenommen. Es ist heute nicht mehr so schlimm, wenn du anders aussiehst als der normale Filipino. Ich glaube nicht, dass eine neue Generation von Amerasians wieder genauso diskriminiert werden würde.“

Ihr Vater ist im Krieg gestorben, in welchem Land, weiß sie nicht

Die Sonne ist untergegangen, über den Zwillingsstädten der Sünde liegt ein schwarzer Himmel. Auf der Hauptstraße von Olongapos Baretto reiht sich eine Bar an die nächste, dazwischen Kioske und Stundenhotels. Leuchtreklamen blitzen mit Silhouetten nackter Frauenkörper und Aufschriften wie „Welcome US Forces“. Davor warten Frauen. Über 1000 Prostituierte sollen hier pro Nacht auf Kundschaft hoffen.

Die Männer kommen immer noch aus dem Westen, heute sind es vor allem Sex-Touristen. In seinem kleinen Büro hatte Emmanuel Drewery am Nachmittag gesagt: „Bei PREDA arbeiten wir immer häufiger an Fällen von Vergewaltigung, Kinderprostitution und -pornografie. Meistens sind Ausländer beteiligt.“ Auch wenn seit 1992 weniger Kinder aus der Prostitution entstanden seien, das Phänomen der Amerasians habe die Soldaten überlebt. „Es ist egal, ob unsere Gesellschaft heute weniger auf die Hautfarbe achtet. Wenn offensichtlich ist, dass du ein Prostitutionskind bist, hast du dein Stigma sicher“, sagt Drewery.

Eines der Etablissements auf der Straße heißt „Bunny Ranch“. Im Lokal gibt es einen Billardtisch, eine Bühne mit vertikaler Stange und reichlich weibliches, halb nacktes Personal. Jane ist eine dieser Frauen. Ihre Haut ist die dunkelste von allen, ihre schwarze Mähne die kräftigste, ihre Nase die breiteste. Vor 25 Jahren wurde sie geboren, hier in Olongapo. „Wollen wir etwas trinken?“, fragt sie schnell und direkt. Für jedes Getränk, das ein Besucher mit ihr trinkt, bekommt sie die Hälfte des Preises als Provision. So hat sie vor ein paar Jahren auch ihren Ex-Mann kennengelernt, Australier, zwölf Jahre älter. Zwei Kinder hat sie mit ihm bekommen, Jane ist jetzt mit ihnen alleine. Solch ein Schicksal teilt sie mit den meisten Frauen hier.

Über ihre Herkunft redet sie trotzdem nur, wenn keine ihrer Kolleginnen in der Nähe steht: „Mein Vater war Soldat aus den USA, Afroamerikaner. Ich habe ihn oft vermisst. Er ist schon lange tot, irgendwo im Krieg gestorben.“ In welchem, weiß sie nicht.

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