In Bochum rollte der letzte Opel vom Band : Ohne Arbeit ganz grau

Zehn Jahre lang haben sie gekämpft. Verhindern konnten sie es nicht: Nach 52 Jahren rollt an diesem Freitag in Bochum der letzte Opel vom Band. Und für die Stadt endet viel mehr als nur die Serienproduktion.

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Werktag. Ein Mitarbeiter überprüft in Bochum die Schweißnähte des Zafira-Tourer. Ein halbes Jahrhundert lang war Opel das Herz Bochums.
Werktag. Ein Mitarbeiter überprüft in Bochum die Schweißnähte des Zafira-Tourer. Ein halbes Jahrhundert lang war Opel das Herz...Caroline Seidel,p-a/dpa

Es ist einer der spektakulärsten Arbeitsplätze: der Ort, an dem Karosserie und Motor zusammenkommen. Von der Hallendecke schwebt das frisch lackierte Metallgestell heran, getragen von Maschinenarmen. Unten schiebt ein Fließband den Motorblock in Position. Dann wird beides fest miteinander verschweißt. „Hochzeit“, so nennen sie das bei Opel. Vermählt wurden hier im Kunstlicht des Bochumer Werks I schon Modelle wie der Kadett, Opel GT, Ascona oder Manta. Die beiden Arbeiter, die an diesem Abend in ihrem grauen Dress die Zeremonie bei der Produktion eines dunkelblauen Opels Zafira beobachten, folgen dem Prozedere still und ausdruckslos.

Am heutigen Freitag rollt der letzte Zafira in Bochum vom Band, dann stellt Opel den Autobau im Ruhrgebiet ein, nach 52 Jahren. Für die Stadt endet an diesem Tag viel mehr als eine Serienproduktion. Ein halbes Jahrhundert lang war Opel das Herz Bochums, der Stolz der Menschen. Und mit 97 000 Autos pro Jahr war das Werk bis zuletzt produktiver als andere europäische Opel-Standorte.

„Man hat uns bis heute nicht ins Gesicht gesagt, warum Bochum geschlossen wird“, sagt Rainer Einenkel verärgert. Ein Berufsleben lang schon arbeitet der 60-Jährige für den Autobauer, angefangen mit einer Lehre zum Starkstromelektriker. Seit zehn Jahren ist er Betriebsratsvorsitzender in Bochum – und genauso lange haben er und seine 3300 Kollegen gegen die Pläne zur Werksschließung gekämpft. Ihr Erfolg ist, dass der Kampf überhaupt so lange gedauert hat.

"Wir sind im Arsch" steht jetzt auf den Plakaten

Nun könnte der Verwaltungsbau mit dem großen Opel-Blitz auf dem Dach das Einzige sein, was vom Bochumer Werk I stehen bleibt. In dem denkmalgeschützten Gebäude hat Betriebsrat Rainer Einenkel sein mittlerweile fast leer geräumtes Büro. Vor der Tür hängen an einer Wand gelbe Plakate nebeneinander, auf denen in den Opel-Farben Schwarz und Gelb steht: „Wir bleiben Bochum“. Die Plakate wurden gedruckt, als noch Hoffnung bestand. Inzwischen hat jemand den Slogan mit Kugelschreiber aktualisiert: „Wir sind im Arsch“.

Vom Fenster seines Büro sieht Einenkel auf den riesigen Mitarbeiterparkplatz und die Wut seiner Kollegen. „Das ist mein letzter Opel. Der ist noch aus Bochum“, haben sich einige als Schriftzug in die Heckscheibe geklebt. „Viele von uns haben für immer mit der Marke Opel gebrochen“, sagt Einenkel.

Seit Jahren droht Opel die Insolvenz. Immer wieder hieß es, der Standort Bochum sei in Gefahr. „Die Ungewissheit hat die Leute hier kaputtgemacht“, sagt Einenkel. Gewissheit gab es erst vor zwei Jahren: Auf Anordnung des amerikanischen Mutterkonzerns General Motors verkündete der damalige Opel-Chef Thomas Sedran im Bochumer Werk vor 1700 Mitarbeitern das endgültige Aus. Der Manager kam mit einem Tross an Bodyguards, verlas die Entscheidung ohne weitere Erklärungen und verschwand nach nur fünf Minuten. Rückfragen waren nicht zugelassen. Das Unternehmen mag sich zu alldem inzwischen nicht mehr äußern. Bochums Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz (SPD) sagt, die Kommune habe keinerlei Einfluss auf die Entscheidung nehmen können. Die Wut darüber, wie das Urteil über sie gesprochen wurde, hat sich bei den Opelanern bis heute nicht gelegt.

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