Inklusionsvorreiterin Theresia Degener im Porträt : Radikal normal

Ohne sie, sagen manche, gäbe es keine Inklusion. Theresia Degener handelte für Deutschland die Behindertenrechtskonvention bei den UN aus. Die Artikel verweisen auf ihr Leben.

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Professorin und Aktivistin. Theresia Degener.
Professorin und Aktivistin. Theresia Degener.Mariana Cook

Treffen sich ein Dorfarzt und ein Schulleiter. Sagt der Dorfarzt: „Ich habe fünf Kinder, Sie haben fünf Kinder. Ich behandle Ihre fünf, Sie unterrichten meine fünf.“ So wird es erzählt. So kam Theresia Degener, das fünfte Kind des Dorfarztes, auf die Regelschule im kleinen Altenberge im Münsterland. Obwohl sie, nach dem damaligen Gesetz, in eine Einrichtung für Körperbehinderte gehört hätte. Denn Degener war 1961 ohne Arme und Hände geboren worden. Vierzig Jahre später wird eben diese Theresia Degener, die ganz offensichtlich etwas vom starken Willen ihrer Eltern geerbt hat, eine UN-Konvention durchsetzen, damit künftig alle Kinder das erleben dürfen, was sie ihr größtes Glück nennt: Gleichberechtigung.

In einem Seminarraum der Evangelischen Fachhochschule Bochum schließt Degener jetzt das Fenster mit dem Kinn. Dann klappt sie mit den Füßen ein Tischchen auseinander, das ihr befreundete Architekten konstruiert haben. Hier kann sie ihren Laptop abstellen, mit dem Fuß einen Stift führen, auf dem Handy tippen. Je niedriger, desto besser. Es dauert etwa zwanzig Minuten, bis man vergisst, dass Degener keine Hände hat. Dass ihr Sakko ärmellos und ihre Uhr um den Knöchel gestülpt ist, ihr Ehering am Zeh steckt. Ein paar Minuten der Verwunderung darüber, wie sie mit der Nase Knöpfe drückt, damit die Leinwand für den Unterricht herunterfährt, die Ferse in die Luft stößt, um zu unterstreichen, was sie sagt. Degener hat ja Hände – sie hat Füße. Darum hat sie sich schon als Zweijährige gegen Prothesen gewehrt, die juckten, schmerzten. „Ich habe mich gefühlt wie ein Roboter.“ Prothesen seien etwas für Kriegsversehrte, sie aber habe ja nichts verloren. Degener, radikal, schon als Kleinkind.

Keine Konvention wurde schneller ratifiziert als die BRK

Die Heilpädagogik-Studenten im Seminarraum 119 haben diese Ehrfurcht längst abgelegt, es wird gekichert und erzählt. Die Degener, sagen sie, saust ganz schön durch den Stoff. Der Stoff, das ist die Behindertenrechtskonvention (BRK), die Degener als unabhängige Expertin für die Bundesregierung bei den Vereinten Nationen ausgehandelt hat. Oft dauert es von der Idee zum völkerrechtlichen Vertrag Jahrzehnte. Die BRK entstand in fünf Jahren. Keine Konvention wurde je so schnell von so vielen Staaten ratifiziert. „Man hielt die BRK für unpolitisch“, sagt Degener. Doch das ist sie ganz und gar nicht.

Degener fragt jetzt Fakten aus der letzten Stunde ab. Richtig, 2008 trat die Konvention in Kraft, weltweit betrifft sie etwa 650 Millionen Menschen. Korrekt, die BRK kodifiziert keine neuen Sonderrechte, sondern wendet die Rechte auf Behinderte an, die in den acht anderen Menschenrechtsverträgen vorhanden sind, von der Antifolter- bis zur Kinderrechtskonvention. Und ja, die BRK betrachtet Behinderte nicht länger als medizinische Fälle, denen geholfen werden muss. Sie garantiert ihnen Zugang zu Rechten qua Geburt – menschenrechtliches Modell heißt das. Das alles ist wenig bekannt, anders als das Wort, das zum Streitfall wurde: Inklusion. In der BRK sucht man den passenden Artikel dazu vergeblich. Inklusion ist ein allgemeines Prinzip, ein Teil vom Recht auf Gleichheit. Sie steckt im Recht auf Zugang zur Justiz: Barrierefreiheit zu Gerichtsgebäuden, geschultes Justizpersonal, Dokumente in Brailleschrift oder leichter Sprache. Und im berühmten Artikel 24, da geht es um Bildung.

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