Insolvente Fluggesellschaft : Die harte Landung der Air-Berlin-Angestellten

Sie ist Stewardess, er Flugkapitän. Air Berlin war für sie lange Zeit wie eine Familie. Einmal noch wird er seine Uniform anziehen. In der Kita – vielleicht sein letzter Auftritt als Pilot.

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Letzter Aufruf. Am heutigen Freitag endet der Flugbetrieb von Air Berlin. Die Maschine wird am Abend in Berlin-Tegel landen, danach wird keine mehr abheben.
Letzter Aufruf. Am heutigen Freitag endet der Flugbetrieb von Air Berlin. Die Maschine wird am Abend in Berlin-Tegel landen,...Foto: Marius Becker/dpa

Der schlimmste Moment, nach all den Hiobsbotschaften und Rückschlägen, dem Warten, Bangen und Enttäuschtwerden, ist gekommen, als sein fünfjähriger Sohn Mats ihm auf den Schoß klettert. „Den gebe ich dir zurück. Den kannst du verkaufen, Papa.“ In den Händen hält der Junge einen Miniaturflieger, Boeing 737, Maßstab 1:150, weiß mit rotem Air-Berlin-Schriftzug. Er selber hat ihn Mats vor knapp zwei Jahren geschenkt. Der Vater eines Kitafreundes, erklärt das Kind, habe gesagt, für so etwas gebe es bei Ebay demnächst bestimmt viel Geld. „Dann können wir hier wohnen bleiben.“

Da kommen die Tränen, nicht beim Sohn, sondern ihm, endlich weint er und kann gar nicht mehr aufhören. Seine Frau nimmt beide in den Arm und versichert: So schlimm ist es nicht.

Wie gern würden sie daran glauben.

Da habe er sich Vorwürfe gemacht, erzählt Ole Berg. Dass sie zu viel an den Jungen herangelassen, ihre Ängste zu offen ausgesprochen haben. Berg und seine Frau Christina, die in Wirklichkeit anders heißen, arbeiten bei Air Berlin. Er Pilot, sie Stewardess. „Ganz Klischee“, sagt sie. Beim „After Landing“, wie Crews das private Beisammensein am Zielort nennen, haben sie sich kennengelernt.

Et hätt noch immer jot jejange

Acht Jahre sind der hochgewachsene Mann und die zierliche Frau mit dem blonden Pferdeschwanz ein Paar. Seit fünf Jahren haben sie Mats. Seit vier Jahren zahlen sie den Kredit für ein neu gebautes Reihenhaus im Südosten Berlins ab, in das sie vor gut einem Jahr eingezogen sind. Damals schon mit einer bangen Ahnung. Seit etwas mehr als zwei Monaten, seit am 15. August die Insolvenz der zweitgrößten deutschen Airline bekannt gegeben wurde, gibt es für sie und rund 8000 andere Beschäftigte nur das eine Thema: Wie soll es weitergehen?

An diesem Freitagabend wird der letzte Air-Berlin-Flug, AB6210, ab 21.35 Uhr/MUC, an 22.45 Uhr/TXL, in Berlin landen. Dann ist die Fluglinie Geschichte. Piloten und Flugbegleiter, Buchhalter, Techniker, Berliner und Nichtberliner, Männer und Frauen, Mütter und Väter, Ole und Christina Berg, verlieren ihren Job.

Als die Nachricht von der Zahlungsunfähigkeit über die Ticker läuft, ruft Ole Berg vom Flughafen Köln/Bonn aus zu Hause an. Da wird sich schon eine Lösung finden, beruhigen sie einander. Wie hatten gleich zwei Passagiere gesagt, als er ihnen in Köln beim Ausstieg die Hand schüttelte? Et hätt noch immer jot jejange.

Airline mit Herz – nicht bloß ein Spruch

Mehr als ein Jahrzehnt arbeitet Ole Berg bei Air Berlin. Seine Frau noch länger. Der alte Traum vom Fliegen, die Gesetze der Schwerkraft überwinden, sich in eine andere Welt erheben: Es ist ihr Leben. Wenn auch kein einfaches. Die Schichtdienste sind eine physische und organisatorische Herausforderung, nicht immer lassen sich ihre Einsätze aufeinander abstimmen. Großeltern, Tanten, Onkel, Freunde, Nachbarn, Babysitter helfen, das System am Laufen zu halten. „Wir haben immer alles gegeben“, sagt Christina. „Weil wir unseren Beruf lieben.“

Lange fühlten sie sich auch zurückgeliebt. Airline mit Herz – das sei nicht bloß ein Spruch gewesen, sagt Ole. Bevor es Air Berlin gab, haftete der Branche etwas angestrengt Elitäres an. War sie von Dünkel geprägt, von stramm hierarchischen Strukturen. Mit Air Berlin änderte sich das. Hier duzen sich alle, sind Pilot und Kopilot gleich wert, der eine bloß an Erfahrung reicher. „Für Air Berlin zu arbeiten war ein Glück“, sagt Ole Berg. Bei anderen fliege man mit einem Kollegen und sehe ihn dann drei, vier Jahre nicht wieder. Bei der vergleichsweise kleinen Air Berlin kennt man sich. „Wir waren eine Familie.“

Manchmal fürchtet er, der letzte Depp zu sein

Und jetzt? Sind sie eine Schicksalsgemeinschaft, das auf jeden Fall, und ist nicht eine Familie genau das? Aber das Gefühl, „dass du dich einfach mit geschlossenen Augen nach hinten fallen lassen kannst und einer fängt dich auf, das ist weg“, sagt Ole Berg. Mit Kollegen redet er darüber, wie ungerecht alles ist, was für eine „große stinkende Kranich-Scheiße“, dass man zusammenhalten und die inakzeptablen, kränkenden Angebote, allen voran der Lufthansa, die ihnen bis zu 60 Prozent weniger zahlen will, boykottieren müsse. Nur so könne man sie zwingen, Mitarbeiter zu gleichen Konditionen zu übernehmen.

Angeblich bewirbt sich keiner. Aber laut der Lufthansa-Tochter Eurowings hat diese bereits begonnen, mehr als 50 Air-Berliner umzuschulen.

Manchmal, sagt Ole Berg, fürchtet er, der letzte Depp zu sein. Der sich als Einziger an die Abmachung hält. Ist sich nicht jeder selbst der Nächste? Womöglich haben alle längst Verträge bei der Konkurrenz unterschrieben, nur er läuft als einsamer Musketier arbeitslos übers Rollfeld und rudert mit den Armen. Früher fühlte er sich leicht, wenn das Flugzeug an Auftrieb gewann. Erschien ihm von oben jede Sorge nichtig. Jetzt fühlt er sich nirgendwo so schwer wie im Cockpit, wo zwei Menschen eng beieinander sitzen und doch täglich die Distanz wächst. Weil Verunsicherung mitfliegt.

„Die Flieger waren immer voll“

Mehr als einmal überlegt er beim Blick auf den Kopiloten: Ach der, ist jung und flexibel, trägt für niemanden Verantwortung, für den ist doch egal, wo er arbeitet. Wahrscheinlich sieht er sich längst nach einem Apartment in Schanghai oder Abu Dhabi um, wo man als Pilot noch richtig Geld verdienen kann. Er schließt nicht aus, dass der andere umgekehrt denkt: Ach der, hat Frau und Kind, natürlich traut der sich nicht, volles Risiko zu gehen. Bestimmt sucht er schon einen Kitaplatz in Köln oder Wien, wo Eurowings sitzt.

Hatten nicht auch die Kunden stets gespiegelt, dass Air Berlin etwas Besonderes war? „Die Flieger waren immer voll“, sagt Ole Berg. „Das ist ja die Tragik.“ Als Mallorca-Shuttle war die Linie populär geworden, guter Service zu fairen Preisen. Einmal sagt ein Gast Christina: „Ihr seid das Ikea der Lüfte. Sympathisch und trotzdem bezahlbar.“

Irgendwann dann, es begann im Frühjahr dieses Jahres, sagen die Bergs, fanden die Passagiere das Gebotene nicht mehr so ansprechend. Kaum ein Flug, nach dem nicht ein Gepäckstück vermisst wird. „Dann gingen reihenweise Maschinen kaputt. Es fehlte Personal, sie zu warten“, sagt Christina. Besatzung und Passagiere finden sich in geleasten Maschinen unbekannter, fremdländischer Airlines wieder, andere Flüge fallen ganz aus. Vorher sah sich Christina Berg allenfalls der Kritik ausgesetzt, dass das Unternehmen den Lieferanten für seine Schokoherzen gewechselt hat. Jetzt schlägt ihr permanent Unmut entgegen. Ein Gast sagt: „Ich wünsche euch die Pleite aus tiefster Seele.“

Fünf Vorstandschefs in sechs Jahren

Wenn man ehrlich ist, sagt Ole Berg, hat sich die Stimmung an Bord bereits mit den Zukäufen verändert. LTU, dba, Belair: „Wirklich integriert wurden die nicht.“ Außen war alles Air Berlin. „Drinnen war Chaos, viele Unternehmen in einem.“ Einzig die Zahlen passen sich dem Rot der Uniformen an. Ab 2008 schreibt die Gesellschaft Verluste. Eigentlich bereitet sich die Belegschaft schon 2011 auf das Aus vor, als die Fluggesellschaft Etihad als Großaktionär einsteigt. Mit arabischen Milliarden wird das Unternehmen am Leben gehalten. Bei den Bergs festigt sich der Eindruck, dass es immer weitergeht. Es folgen fünf Vorstandschefs in sechs Jahren.

Christina klatscht mit, als der neueste, Thomas Winkelmann, verspricht, das Unternehmen „wieder auf Flughöhe“ zu bringen. „Ich habe sogar verstanden, dass dafür Ballast abgeworfen werden muss.“

Wir sind zu groß – ist es unter allen möglichen Diagnosen nicht die am wenigsten schmerzliche? Weil sie nach Luxusproblem klingt? Doch in den folgenden Wochen vergeht kaum ein freier Tag, an dem sie nicht angerufen werden: „Könnt ihr einspringen?“ Lücken in den Dienstplänen werden notdürftig gestopft, tags darauf bricht alles zusammen, weil die Ruhezeit von zwölf Stunden eingehalten werden muss. Eines Nachts steht Christina vor einem Hotelschalter und erfährt, dass es kein Zimmer für sie gibt. Die Reiseabteilung hat wie üblich eine Anfrage geschickt, die E-Mail mit der Antwort, dass das Haus ausgebucht ist, aber nicht geöffnet. Sie ist infolge von Stellenstreichungen völlig überlastet. Christina verbringt die Nacht im Wartebereich vor dem Gate.

Herzklopfen beim Gang zum Briefkasten

Zwei Wochen vor dem Stichtag, es ist Mitte Oktober, protestieren Air-Berliner auf dem Firmengelände in Charlottenburg. Sie tragen neongelbe Signalwesten, machen Lärm aus roten Trillerpfeifen, die die Gewerkschaft mitgebracht hat. Christina Berg realisiert, dass deren Vertreter plötzlich nicht mehr den Erhalt der Arbeitsplätze fordern, sondern Sozialpläne und Auffanggesellschaften. Ole fällt auf, dass seine Frau beim Einkauf statt Philadelphia-Frischkäse und Schwartau-Marmelade die billigeren Supermarkt-Eigenmarken in den Wagen legt.

Auf einmal ist jeder Gang zum Briefkasten mit Herzklopfen verbunden. Die Werbezettel von Umzugsfirmen hebt Christina jetzt auf. Einmal denkt sie: Da ist die Kündigung. Ein langer weißer Umschlag. Darin eine Panorama-Postkarte von den Seychellen. Ein Freund schreibt, er habe sich längst melden wollen. „Jetzt also Lufthansa? Das bedeutet wohl Champions League! Gratuliere!“

Fast minütlich blinken in der Whatsapp-Gruppe, die Christina mit Kolleginnen unterhält, Nachrichten auf. Links zu immer neuen Medienberichten, in denen es heißt, dass Winkelmann nie angetreten war, Air Berlin zu retten, selbst Angela Merkel Anteil an dem Deal hat. Als bekannt wird, dass sich der Chef sein Jahresgehalt bis 2021 vor dem Zugriff etwaiger Gläubiger hat sichern lassen, betrinkt sich Ole. Erstmalig in ihrer Beziehung muss Christina ihn ermahnen: „Nicht solche Ausdrücke vor dem Kind.“

Die Polizei sucht Objektschützer

In der zweiten Oktoberhälfte lädt die Personalabteilung zu einer Jobbörse in die Kantine ein. Das Gedränge ist enorm. „Werden Sie Baggerfahrer“, liest Christina Berg. „Frauen an den Brandherd!“, wirbt die Feuerwehr. Beim Versandhändler Zalando wollen sie Paketpacker, für acht Euro die Stunde. Die Polizei sucht Objektschützer, das Gericht Wachleute. Ich bin doch Stewardess, sagt Christina Berg. Bei Eurowings jedoch stellen sie nur in Vollzeit ein, seit Mats Geburt arbeitet Christina reduziert. Bei Ryanair müssen Stewardessen das Klo putzen.

Vom Düsseldorfer Airport schickt Ole das Foto eines Plakats, auf dem ein ausgewickeltes, gebrochenes Air-Berlin-Herz zu sehen ist. Daneben ein gleich geformtes in tadelloser Flecktarnfolie. Werden Sie Lufttransportbegleitfeldwebel. Wer bei der Bundeswehr anheuert, verpflichtet sich für 15 Jahre.

Am selben Tag findet Christina eine E-Mail im Postfach mit der Aufforderung, ihren Spind in Tegel zu räumen. Von Entlassung noch immer kein Wort.

Ole Berg hofft darauf, dass die anderen Fluglinien ihre Angebote verbessern werden. „Was wollen die mit zig neuen Maschinen, wenn keiner sie fliegt?“, wiederholt er immer wieder. Nach wie vor gibt in seinem Umfeld keiner zu, sich anderswo beworben zu haben.

Die Uniform hat sie schon weggehängt

Ihren persönlichen finalen Flug haben Ole und Christina Berg bereits hinter sich. Letzter Aufruf: Da war nichts Besonderes, keine spektakuläre Abschiedsrunde über das Flughafengelände, kein Firmenhymnengesang von „Kerosin im Blut“, sagen sie. „Wir haben einfach funktioniert. Wie immer.“

Seit das Datum 27. Oktober feststeht, sind die Gäste nicht mehr sauer, sondern voller Mitgefühl. Christina hat unzählige gute Wünsche entgegengenommen und im Gegenzug zahllose Herzen verteilt. Tatsächlich werden die im Internet teils kartonweise gehandelt. Schlagworte: „Insolvenz“, „Nostalgie“ und „Rarität“.

Ihre Uniform hat Christina Berg schon weggehängt. Allmählich findet sie sich damit ab, ihren Wunschberuf aufzugeben. Für jeden anderen muss sie erst umschulen. „Du bist wenigstens mit einem Piloten verheiratet“, sagt eine Kollegin. „Ihr habt doch sicher noch Geld.“ „Du hast einen Mann mit Job“, antwortet sie.

Ole Berg wird seine Uniform noch einmal anziehen. In der Vorschulgruppe der Kita sollen Familienangehörige Berufe vorstellen. Lehn das ab, hatte Christina empfohlen. „Das ist doch quälend.“ Aber Mats war so stolz, einen Flugkapitän vorweisen zu können, sagt Ole. Vielleicht sein letzter Auftritt als Pilot.

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