Islamischer Staat und der Terror in Tunesien : Einblick in die Hölle

Nach dem Anschlag in Tunesien: Das mörderische Werk der Terroristen des „Islamischen Staats“ ist noch längst nicht beendet. Wer stoppt sie?

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Stilles Gedenken am Strand, der für die Urlauber zum Albtraum wurde.
Stilles Gedenken am Strand, der für die Urlauber zum Albtraum wurde.Foto: Andreas Gebert/DPA

Am Tag danach, am frühen Samstagmorgen, läuft eine Nachricht über die Agenturen, die mitten hinein in den blutigen Wahnsinn des Terrors irgendwie tröstlich klingt: Kurdische Kämpfer vertreiben Terrormiliz wieder aus dem syrischen Kobane.
Kann man sie also wirklich besiegen? Diese selbsternannten Gotteskrieger, die vor einem Jahr ihr grausiges Kalifat ausriefen, sich „Islamischer Staat“ tauften und offenbar ihren bevorstehenden Jahrestag am Montag mit ausgelassener Mordlust zu feiern gedachten.
Andererseits: Wie besiegt man den Terror, wenn er praktisch in Badehose daherkommt, wie an diesem blutgetränkten Freitag im tunesischen Sousse? Einfach die Kalaschnikow in der Hülle für den Sonnenschirm versteckt und dann losgeballert – auf alles, was da an Menschlichem im Weg war, auch auf Kinder. Diese Attentäter haben immer nur ein einziges Ziel: Viele Menschen umbringen.


Wie verfällt man angesichts dieser Entschlossenheit des Gegners nicht in Panik? Wie soll man verhindern, dass sich Angst und Schrecken ausbreiten mitten hinein auch in die westlichen Gesellschaften. Europa, das hätten die Terroristen schon sehr gern, soll zittern.

Mindestens 39 Tote und zahlreiche Schwerverletzte sind es nach offiziellen Angaben bis zum Samstagnachmittag in Sousse, diesem unglücksseligen Badeort 150 Kilometer südlich der Hauptstadt Tunis gelegen. Bis zum Abend sprechen die Behörden von mindestens auch einer toten Deutschen, vor allem aber sind viele britische Touristen betroffen. Die toten Urlauber sind schrecklich. Aber dieser Anschlag, der zweite in wenigen Monaten, wird vermutlich dem ganzen Land seine wichtigste Einnahmequelle rauben: den Tourismus.
Noch am Freitagabend meldete sich eine angebliche Splittergruppe des IS über den Kurznachrichtenkanal Twitter mit einer Botschaft, gerichtet an „die Christen, die ihren Sommerurlaub in Tunesien planen“: Ein „Soldat des Kalifats“ habe den „abscheulichen Hort der Prostitution, des Lasters und des Unglaubens“ angegriffen, hieß es. Die Touristen, die kommen, sie sollen vertrieben werden.

Geschockt und ungläubig. Touristen am Tatort des blutigen Geschehens am Strand von Sousse.
Geschockt und ungläubig. Touristen am Tatort des blutigen Geschehens am Strand von Sousse.Foto: dpa


Habib Bouslama, 69 Jahre, ist Vizepräsident des Tunesischen Hotelverbandes (FTH). Und er weiß, was das Attentat vom März auf das Bardo-Museum und der aktuelle Anschlag für sein Land bedeuten werden. Er sagt: „Das Ganze ist eine Katastrophe, da gibt es nichts zu beschönigen. Ich bin traurig und niedergeschlagen. Dieser Anschlag soll unser gesamtes Land auf die Knie bringen.“ 190000 Hotelbetten hat Tunesien. 6,1 Millionen Gäste buchten 2014 einen Urlaub in der kleinen nordafrikanischen Mittelmeernation, eine Million weniger als zu den besten Zeiten vor dem Arabischen Frühling 2011. Damit erwirtschaftete die Ferienbranche zuletzt 16 Prozent des Bruttosozialprodukts, was sie zu einer tragenden Säule der Volkswirtschaft macht. 470 000 Menschen arbeiten im Tourismus, das entspricht knapp 14 Prozent aller Beschäftigten. Zusätzliche zwei Millionen profitieren indirekt als Lieferanten, Fahrer, Landwirte oder Handwerker von dem Feriengeschäft.

Was die Terrortat mit der Hochsaison in Tunesien anrichtet, ließ sich seit den Nachtstunden zu Samstag auf dem Enfidha-Flughafen in Sousse beobachten.
Bis vor die Außentüren des Abflugterminals stauten sich die Reisenden, die nur noch eines im Sinn hatten: Schnell nach Hause, nur weg von hier. Mehr als 5000 sind inzwischen ausgeflogen worden, abgeholt von einer Flotte von gut 25 Charterflugzeugen, die europäische Reiseveranstalter sofort in Richtung Tunesien dirigiert hatten.

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