Kanzlerkandidatur 2017 : Die Unverzichtbare: Merkel könnte Kohl einholen

"Unendlich viel" hat sie nachgedacht, nun ist es raus. Angela Merkel tritt zum vierten Mal an. Bei der CDU hämmern sie begeistert mit den Fäusten auf den Tisch. Dabei hatte niemand Zweifel. Außer vielleicht der Chefin.

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Auf dem Weg zur ewigen Kanzlerin? Längst ist Angela Merkel aus dem Schatten Helmut Kohls herausgetreten.
Auf dem Weg zur ewigen Kanzlerin? Längst ist Angela Merkel aus dem Schatten Helmut Kohls herausgetreten.Foto: Johannes Eisele/dpa

Die Zunft der Merkel-Astrologen hat es meistens auch nicht leicht. In jüngster Zeit war es ja schon merklich stiller geworden im Lager der Propheten, die die politische Laufzeit der Angela Merkel aus dem Pensionsdatum ihres Mannes und ähnlichem Ersatzkaffeesatz herauslesen wollten. Nur ganz Kühne wagten sich noch aus ihren Professorenstuben vor mit der Prognose, ein Rückzug sei nicht auszuschließen.

Auszuschließen ist bekanntlich nichts, nicht mal Donald Trump im Weißen Haus. Gründe, den Bettel hinzuwerfen, die gäbe es auch. Nur – gute Gründe wären es nicht. Und so steht Angela Merkel am Sonntagabend vor einer dichten Batterie von Kameras im Konrad-Adenauer-Haus und sagt, was sie Stunden vorher ihren CDU-Spitzengremien verkündet hat: Ja, sie tritt wieder an, zum vierten Mal.

Drinnen in der Vorstandsklausur haben sie mit den Fäusten auf den Tisch gehämmert. Erstens, weil man das so tut zum Zeichen des Zusammenhalts unter Stammeskriegern, und zweitens, weil sie endlich mit dem gestelzten Unfug aufhören können, bei Fragen nach der Zukunft der Chefin auf den „gegebenen Zeitpunkt“ zu verweisen, zu dem Merkel ihre Entscheidung verkünden werde. Auch wenn manche jetzt hinterher sagen, das sei „kein Selbstläufer“ gewesen, hat am Ergebnis nie einer ernsthaft gezweifelt.

Außer eventuell Merkel selbst. „Ich habe sprichwörtlich unendlich viel darüber nachgedacht“, sagt sie. „Die Entscheidung für eine vierte Kandidatur ist nach elf Amtsjahren alles andere als trivial. Weder für das Land, noch für die Partei, noch – und ich sag's ganz bewusst in dieser Reihenfolge – für mich persönlich.“

Dabei war ihr im Prinzip schon vor drei Jahren klar, dass sie noch mal ran müsste; seit damals, als am Wahlabend plötzlich eine absolute Mehrheit der Union möglich schien. Siege verpflichten den Sieger – gegenüber dem Wähler, gegenüber der Partei. Hohe Siege verpflichten doppelt. In der Politik ist es mit dem freiwilligen Aufhören zum rechten Zeitpunkt sowieso schwierig, manche sagen: unmöglich. Denn wenn alles gut läuft, ist ein Abschied keinem zu erklären. Läuft es schlecht, riecht der Abgang nach Flucht aus der Verantwortung.

Im vorigen Sommer lief es zu gut für Merkel

Den richtigen Zeitpunkt, wenn es den denn überhaupt gibt, kennt man immer erst hinterher. Noch im vorigen Sommer lief es zum Beispiel zu gut. Damals hat Horst Seehofer ja in praktisch jedem Interview Merkel mit der Prognose genervt, dass sie die Union 2017 zur Alleinherrschaft führen könne. Das hätte dem Horst auch gut gepasst – bei jeder Abstimmung im Bundestag die CSU als Zünglein an der Waage!

Aber Seehofer taugt zum Merkel-Astrologen eher schlecht. Von der Alleinherrschaft redet niemand mehr seit jenem 5. September, als Merkel ohne jede Vorbereitung die Grenzen offen ließ für die Flüchtlinge und sich die Deutschen plötzlich inmitten des weltenpolitischen Durcheinanders wiederfanden. Seehofer begann den Krieg, die AfD erlebte ihre Wiederauferstehung, die CDU verlor Wahl um Wahl.

Vor allem aber war da plötzlich dieser Riss zwischen den Deutschen und ihrer Kanzlerin, die den allermeisten – ob sie sie nun wählten oder nicht – bis dahin zumindest als die Garantin von Stabilität gegolten hatte. Auf einmal war auch in der CDU das Wort vom „Merkel-Malus“ zu hören. Ist nicht, hieß die bange Frage, die einstmals scheinbar Unbesiegbare inzwischen sogar mehr Belastung, weil sich auf ihre Person alle Gegnerschaft und all dieser neue Hass konzentrieren?

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