Als heute der Aufruf aus der Moschee kam, bin ich sofort losgegangen. Wir wurden gebeten, für die UNRWA, das Hilfswerk der Vereinten Nationen, zu spenden. Sie haben hier in Schulen Notunterkünfte eingerichtet für Menschen, die fliehen mussten oder deren Häuser zerstört wurden. Ich habe gleich meinen Kleiderschrank durchsucht. Fast hätte ich die Chance gehabt, das Haus zu verlassen. Das erste Mal seit Beginn des Krieges. Dann durfte ich doch nicht – zu gefährlich. Mein Vater wird die Spenden bringen.
Vor ein paar Tagen wurden vier Kinder getötet, sagt sie
Vor ein paar Tagen wurden am Strand vier Jungen getötet, unschuldige Kinder. Ich habe sie gekannt. Wochen zuvor habe ich einen kurzen Film über Kinderarbeit gedreht und sie dabei kennengelernt. Der Film war für einen Englischkurs, den ich bei der amerikanischen Nichtregierungsorganisation Amideast belege.
Ich studiere Ingenieurswissenschaften an der Universität in Gaza. Derzeit ist unsere Uni geschlossen. Doch auch wenn wir zu Hause bleiben, sind wir nicht sicher. Im ersten Gaza-Krieg wurde unsere Wohnung von einer Bombe getroffen. Wir waren zu dem Zeitpunkt zum Glück nicht daheim. Wir haben nichts mit der Hamas zu tun und unsere Wohnung wurde dennoch zerstört.
Sie fragen, ob die Hamas Waffen in Wohnhäusern oder Krankenhäusern verstecken würde? Ich glaube nicht. Sie haben doch ihre eigenen Verstecke, die niemand kennt. Wo die Tunnel sind, die Israel mit seiner Bodenoffensive nun zerstören will, wissen wir nicht. Sicherlich sind sie aber weit weg von Wohnhäusern, eher an der Grenze.
Meine Mutter sagt immer, wir sollen von den Fenstern wegbleiben. Aber wenn sie nicht hinsieht, dann mache ich manchmal Bilder von draußen. Die Straßen sind menschenleer. Wir hören nur immer wieder die Bombeneinschläge, dann wackelt hier im Haus alles. Wir wissen nicht, ob wir wegen der Druckwellen die Fenster öffnen oder sie wegen des Rauchgestanks schließen sollen.
Die meiste Zeit sitzen wir vor dem Fernseher und schauen Nachrichten auf Sendern wie Ma’an oder Al Aqsa. Ich twittere viel und poste auf Facebook, was hier passiert. Manchmal wird es mir zu viel, dann will ich mich ablenken, höre Musik oder schaue Serien wie „Vampire Diaries“. Doch dann kommt der nächste Einschlag und wir schalten wieder die Nachrichten ein.
Nachts versuchen sie zu schlafen. Doch sie können kaum
Nachts versuchen wir zu schlafen und können es doch kaum, weil sich der Himmel draußen alle halbe Stunde erhellt und die Einschläge so laut sind. Dann wache ich wieder auf, schaue auf Twitter.
Ich hätte gerne Frieden, aber ich will nicht nur einen Waffenstillstand, sondern einen unter den Bedingungen der Hamas. Ich hatte nie mit der Hamas zu tun, aber sie sind die Einzigen, die unser Land schützen. Man kann es auch nicht Terrorattacken nennen. Sie verteidigen sich nur. Sie haben Raketen, aber die zerstören ja nicht viel.
Die Hamas sollte auf keinen Fall einen Waffenstillstand eingehen, bei dem wir wieder das gleiche Leben haben wie bisher. Das Land hier gehört nicht den Israelis, sie haben es besetzt und sollten hier nicht leben. Die Menschen hier wollen, dass sie aus ganz Palästina verschwinden.
Sarah ist 18 Jahre alt. Sie studiert Ingenieurswissenschaften in Gaza. Protokoll: Lissy Kaufmann
- Stimmen des Krieges - Drei Palästinenser berichten
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