Konflikt in Gaza : Stimmen des Krieges - Drei Palästinenser berichten

Sie sitzen beim Abendessen. Dann fällt eine Bombe. Scheiben zersplittern, es brennt. Alltag in Gaza. Manche hoffen darauf, dass es bald vorbei ist. Andere flüchten zu Verwandten. Zwei Studentinnen und ein Arzt erzählen.

Theresa Breuer, Lissy Kaufmann, Gil Yaron
In Trümmern. Immer wieder werden Wohnhäuser in Gaza getroffen. Israels Armee erklärt, die Hamas nutze die Zivilbevölkerung gezielt als Schutzschilde.
In Trümmern. Immer wieder werden Wohnhäuser in Gaza getroffen. Israels Armee erklärt, die Hamas nutze die Zivilbevölkerung gezielt...Foto: AFP

Seit Wochen herrscht Krieg. Die Hamas beschießt Israel mit Raketen, Israel bombardiert Gaza. Hunderte Tote sind bereits zu beklagen. Während sich die Berichterstattung aus Israel problemlos gestaltet, sind Berichte aus dem abgeriegelten Gazastreifen kompliziert und gefährlich. Um trotzdem ein Bild der Lage vor Ort zu zeichnen, haben unsere Autoren mit Menschen in Gaza telefoniert. In vielen Konfliktregionen ist es üblich, dass die Kontakte zur Bevölkerung über professionelle Vermittler, sogenannte Stringer, hergestellt werden. So war es auch in diesem Fall. Die Schilderungen basieren auf rein subjektiven Erfahrungen und Einschätzungen. Die Gesprächsatmosphäre war nicht immer einfach: Einer der Autoren wurde bedroht, als er nach den Tunneln und Waffen der Hamas fragte.

Heute Morgen hat mich wieder eine Explosion geweckt. Ich bin aufgesprungen und habe aus meinem Fenster geschaut. Nichts zu sehen. Aber der Einschlag klang sehr nah. Ich habe auf Twitter geschaut, was passiert ist. Als ich das dritte Mal auf „aktualisieren“ klickte, stand dort plötzlich der Name einer Freundin. Jemand schrieb, sie sei bei einem israelischen Angriff getötet worden. Ich habe sofort ihre Familie angerufen. Sie lebte. Zum Glück stellen sich Nachrichten manchmal als Gerücht heraus. Aber ich fürchte, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis ich in diesem Krieg jemanden verliere, der mir nahesteht.

So richtig hat mich der Krieg am 8. Juli erreicht. Es war ein Dienstagabend, 20.15 Uhr. Zeit, das Fasten zu brechen. Meine Eltern, meine vier Schwestern, mein kleiner Bruder und ich hatten uns gerade um den Esstisch versammelt. Es war eine seltsame Situation, weil sie so normal wirkte. Ein Familienabendessen im Ramadan. Gleichzeitig drehte sich unser Gespräch wieder um den Krieg: Sollten wir unser Haus verlassen oder nicht? Wir wohnen in Al Twam, im Norden des Gazastreifens. Das israelische Militär hatte angekündigt, den Norden stärker zu bombardieren.

Plötzlich eine Explosion

Plötzlich gab es eine riesige Explosion, kaum zehn Meter von uns entfernt. Ein israelischer F-16-Kampfjet hatte eine Bombe abgeworfen. Es fühlte sich an, als würde sie unser ganzes Haus erschüttern. Fensterscheiben zersplitterten, Glasscherben und Schutt flogen durch unser Esszimmer. Wir haben keinen Bunker oder Keller, deshalb rannten wir in unser kleines Badezimmer, das keine Fenster hat. Zu acht quetschten wir uns hinein.

Unser Haus war vollständig von Rauch und Feuer umgeben. Wir hörten unsere Nachbarn schreien. In so einem Moment denkt man an nichts, lässt keine Gefühle zu. Man funktioniert nur, registriert, dass man noch lebt.

Danach sind wir zu meiner Tante gefahren. Gepackt haben wir vorher nicht. Nur meinen alten Teddybären habe ich noch schnell geschnappt. Ich weiß, dass ich zu alt für Kuscheltiere bin. Aber es tut gut, sich an ihm festzukrallen, wenn ich Angst habe. Meine Tante wohnt westlich von Gaza-Stadt. Hier ist es hoffentlich sicherer. Aber was ist schon sicher in einer Situation wie dieser. Das ist der dritte Krieg innerhalb von sechs Jahren, den ich miterlebe. Ich gewöhne mich nicht daran. Bei jeder Explosion rast mein Herz wie beim ersten Mal.

Fünf Familien wohnen jetzt in einer Drei-Zimmer-Wohnung

Unsere Tante besitzt eine Drei-Zimmer-Wohnung. Momentan sind wir fünf Familien darin. Mein Onkel und meine Tante versuchen, die jüngsten Kinder von den Nachrichten fernzuhalten, doch wenn wir Strom haben, läuft immer der Fernseher. Die Bilder sind grausam: Blutlachen auf der Straße, zerstörte Häuser, verkohlte Leichen. Kein Kind sollte so etwas sehen.

Weil ich Englisch spreche, kann ich auch internationale Nachrichten lesen. Also verbringe ich meinen Tag mit Twitter, Facebook, Al Dschasira, CNN, Haaretz. Ich folge auf Twitter auch der israelischen Armee. Neulich schrieb einer der Sprecher, dass Israel sich um die Verletzten in Gaza kümmere. Davon habe ich bisher nichts gesehen. Im Gegenteil. Einige Krankenhäuser sind bombardiert worden und Sanitäter wurden verletzt.

Ich hoffe, dass sich Israel und Hamas bald auf einen Waffenstillstand einigen. Beide Seiten müssen einsehen, dass sie mit ihrem Handeln nur den Menschen in Gaza schaden. Trotzdem finde ich die Behauptung absurd, dass Hamas uns als menschliche Schutzschilde verwendet. Gaza hat 1,8 Millionen Einwohner auf 360 Quadratkilometern. Wohin sollen wir denn fliehen? Ich glaube, dass Israel das Argument verwendet, um die Angriffe auf uns zu legitimieren.

Wenn ich könnte, würde ich Gaza sofort verlassen. Im Gegensatz zu vielen Einwohnern hier war ich schon im Ausland: für Austauschprogramme in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten und den USA. Mein Traum ist es, eines Tages in Amerika zu leben. Gaza wird immer meine Heimat sein. Aber ein erfülltes Leben ist hier nicht möglich.

Walaa al Ghussein ist 21 Jahre alt und studiert Englisch an der Al-Azhar-Universität in Gaza. Protokoll: Theresa Breuer

56 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben