„Ich war immer der Clown“

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Aus den Notizen ist inzwischen ein Exposé geworden, das Ann Sophie an ein gutes Dutzend Verlage geschickt hat, sie wartet jetzt auf Antworten. „Hubi, der Marienkäfer“, steht auf dem Cover, illustriert ist das schmale Heft mit einem punktlosen Käferchen, das traurig den Kopf hängen lässt. Beim Durchblättern des Exposés in der Dresdener Hotel-Lobby zeigt Ann Sophie auf ein Kinderfoto. Vier Jahre alt ist sie da, ihre Korkenzieherlocken sind die gleichen wie heute, nur ein bisschen blonder waren sie in der Kindheit. Es war das Alter, in dem sie ihre ersten Ballettstunden nahm, sie wollte tanzen wie ihre Mutter, die Profi-Ballerina war. Bald kamen klassischer, moderner und Step-Tanz dazu, auch die ersten kindlichen Comedy-Nummern im Familienkreis. „Ich war immer der Clown“, sagt Ann Sophie. „Ich war Anni, die Quatsch macht, Anni, die alle zum Lachen bringt.“

Den Gesang entdeckte sie, als Britney Spears in ihr Leben trat

Den Gesang entdeckte sie, als Britney Spears in ihr Leben trat, gefolgt von Christina Aguilera, deren Album „Stripped“ sie im Wohnzimmer nachsang, wenn gerade niemand zu Hause war, vom ersten bis zum letzten Song. Sie war 14, als sie zum ersten Mal singend auf einer Bühne stand, da coverte sie den Aerosmith-Hit „I Dont Want to Miss a Thing“ und wusste: „Das ist mein Ding, das will ich machen.“

Direkt nach dem Abi ging sie nach New York. Tagsüber nahm sie Schauspielunterricht, abends setzte sie sich mit ihrer Gitarre auf die zugigen Bahnsteige der U-Bahn-Stationen, sie sang „Primadonna Girl“ von Marina and the Diamonds, „Daydreamer“ von Adele, dazu ein selbst geschriebenes Stück namens „Me and You“. Anfangs kostete es sie Überwindung, aber wenn aus der vorbeihastenden Menge der Berufspendler plötzlich Köpfe in ihre Richtung schwenkten, wenn Menschen stehen blieben, zuhörten, ihr Münzen in den aufgeklappten Gitarrenkoffer warfen, spürte Ann Sophie, dass sie auf dem richtigen Weg war. Manchmal trat sie nachts in einer Bar namens „The Bitter End“ auf, wo sie einen alten Saxofonisten kennenlernte, der lange mit Billy Joel zusammengearbeitet hatte. Er war es, der ihr eines Tages vorschlug, in seinem Tonstudio ein paar Stücke aufzunehmen: „I like your music“, sagte er. Die Sache kam in Gang.

10.000 Blicke, drei Minuten Ruhm - null Punkte

Und so hätte es weitergehen können. Die Bewerbung für den Song Contest. Die Einladung zum Vorentscheid. Der Beinahe-Sieg, der sich wie durch ein Wunder in einen Sieg verwandelte. Die vier Monate Vorbereitung, das erste richtige Album, zwölf Stunden täglich stand Ann Sophie vor dem Studiomikrofon, fünf harte, wunderbare Tage lang. Dann Wien, das Finale, die 30 Sekunden vor dem Auftritt, 10.000 Blicke, drei Minuten Ruhm - und null Punkte.

„Krasse Achterbahn“, sagt Ann Sophie. „Von null auf 200, dann wieder auf null.“

Und jetzt? Macht sie weiter wie vorher. Reißt Männerwitze in Dresden. Singt in Bars und auf Hochzeiten, mal mit Band, mal solo, mal vor hundertköpfigen Partygesellschaften, mal vor vier übrig gebliebenen Hotelgästen. War gerade in Kanada, um mit befreundeten Musikern ein paar Songs aufzunehmen. Hofft, dass sich ein Verlag für das Marienkäferbuch findet. Hat ein Studium in Hamburg angefangen, nicht als Ausstiegsszenario, eher als Selbstversicherung, um im Zweifel nicht von Versprechungen abzuhängen, die sich, wie sie nun leider weiß, in dieser Branche schnell als leer erweisen können.

Im Grunde, sagt Ann Sophie, sei sie nicht unglücklich darüber, dass das Tempo ein bisschen raus sei. Dass der Druck nachgelassen habe, dass sie die Gegenwart genießen könne, anstatt ständig nur an die Zukunft zu denken. „Alles läuft gerade genau so, wie ich es mir vorstelle“, sagt sie, bevor sie die Hotellobby verlässt, eine Frau, die im echten Leben kleiner wirkt als auf der Bühne. „Ich habe irre viel zu tun, habe Input auf allen Kanälen, ich bin super happy.“ Es klingt wie ein Echo des Marienkäferreims: Kümmere dich ums Glücklichsein, dann kommen die Punkte von ganz allein. Und es klingt nicht einmal gelogen.

Hinweis: Das Porträt über Ann Sophie erschien im Tagesspiegel bereits 2016. Angesichts der Strähne der Erfolglosigkeit deutscher ESC-Teilnehmer veröffentlichen wir es erneut

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