"We are the Zeroes of Our Time"

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Levina-Desaster beim ESC : Wie es sich anfühlt, vor Millionen zu versagen
Levina aus Deutschland hat nicht gepunktet.
Levina aus Deutschland hat nicht gepunktet.Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Zwei Jahre liegt das Null-Punkte-Desaster in Wien jetzt zurück. In der Zwischenzeit belegte auch 2016 Jamie-Lee beim ESC in Stockholm den letzten Platz, immerhin mit elf Punkten. Und am vergangenen Wochenende landete Sängerin Lavina für Deutschland auf dem vorletzten Platz. Ann Sophie erinnert sich noch gut, wie sich das anfühlt.

"We are the Zeroes of Our Time"

„Mir war schnell klar, dass der Abend nach hinten losgeht“, sagt sie im Rückblick. Dabei hatte er so gut angefangen. 30 Sekunden haben beim Song Contest die Kandidaten, um sich vor ihrem Auftritt auf der Bühne in Stellung zu bringen, bevor die Scheinwerfer angehen. Bewusst nahm sich Ann Sophie etwas Zeit, um von der Bühne aus den Blick durch die Halle schweifen zu lassen. 10.000 Menschen warteten auf ihr Lied, bei ihrem größten Konzert vor dem ESC waren es gerade einmal 150 gewesen. Die nächsten drei Minuten, spürte Ann Sophie in diesem Moment, würden für immer ihr gehören, egal, was danach kommen mochte.

Bergab ging es erst bei der Punktevergabe. Der Reihe nach verkündeten die Ländermoderatoren ihre Wertungen, und jedes Mal, wenn sie „Hello, Vienna!“ und „Thank you for the beautiful show!“ riefen, ging Deutschland komplett leer aus. Nach den ersten fünf Ländern spürte Ann Sophie, wohin der Hase lief, und gegen Ende des Schaltungsmarathons hoffte sie fast, dass es bei null Punkten bleiben würde: „Ein Totalreinfall hat mehr Stil als ein paar Trostpunkte.“ Der Wunsch ging in Erfüllung, und als der Schwede Måns Zelmerlöw mit seinem Song „We are the Heroes of Our Time“ gewann, entschied sich Ann Sophie, die Sache mit Humor zu nehmen. Nach der Preisverleihung sang sie spontan ein Video mit einer abgewandelten Version des Siegertitels ein: „We are the Zeroes of Our Time.“

Ann Sophie wurde fallengelassen - auch vom Sender

Dass sie in den folgenden Wochen trotzdem nicht genau wusste, welche der beiden Versionen ihrer Lebensgeschichte sie nun glauben sollte, hatte weniger mit der Niederlage selbst zu tun als mit deren Konsequenzen. Vier intensive Monate lagen hinter Ann Sophie, Monate, die sie fast rund um die Uhr mit dem deutschen ESC-Team verbracht hatte, mit Menschen, die ihr ans Herz gewachsen waren, die hinter ihr standen, sie unterstützten - glaubte sie. „Werden wir uns eigentlich immer noch so gut verstehen, wenn das alles hier vorbei ist?“, hatte sie eines Abends scherzhaft in die Runde gefragt, kurz vor dem Wiener Auftritt. „Kommt drauf an, wie du abschneidest“, hatte Thomas Schreiber geantwortet, der Unterhaltungschef der ARD. Alle lachten. Auch Ann Sophie lachte damals. Heute weiß sie: „Das war kein Witz.“

Als die „Neue Osnabrücker Zeitung“ Schreiber zum Song Contest befragte, versuchte sich der ARD-Mann an einer Erklärung für die Blamage. Ann Sophie, sagte er, sei als Zweitplatzierte für den eigentlichen Sieger eingesprungen, und alle ESC-Kommentatoren hätten diese Geschichte in Wien ihrem heimischen Publikum erzählt. „Das hat unserem Beitrag nicht geholfen.“

Ann Sophie glaubt eher, dass ihr Song, der von einer gescheiterten Liebe erzählt, besser als nachdenkliche Bar-Nummer funktioniert denn als Partyhit beim ESC. Mit Schreiber konnte sie über die Frage leider nicht sprechen. Er sei, erzählt Ann Sophie, nach jenem Abend aus Wien abgereist, ohne sich auch nur von ihr zu verabschieden. „Megaschwach“ fand sie den Abgang. „Von einem erwachsenen Mann hätte ich was anderes erwartet.“

Schreiber war nicht der Einzige, der abtauchte. „Ich wurde fallen gelassen“, erinnert sich Ann Sophie. Die zweite Single-Veröffentlichung, die ihr während der ESC-Vorbereitung in Aussicht gestellt worden war, die Deutschland-Tournee, die Fernsehauftritte - niemand wollte mehr etwas davon wissen. Ann Sophies Telefon klingelte nicht mehr, ihre Mails blieben unbeantwortet. Forderte sie Antworten ein, kamen nur Floskeln zurück. Die ersten Auftritte nach dem Wien-Debakel, gebucht lange vor dem Song Contest, waren qualvoll. Das Publikum klatschte, aber in jedem Blick glaubte Ann Sophie nur Mitleid oder Spott zu sehen - sie war die Null-Punkte-Frau.

Sie schrieb ein Kinderbuch: über einen Marienkäfer ohne Punkte

Es war in jener Zeit, dass sie einem Freund von einer Kinderbuchidee erzählte - von der Geschichte des traurigen Marienkäfers Hubi, der anders ist als die anderen Marienkäfer, weil er seine weißen Pünktchen verloren hat und nicht weiß, wie er sie wiederfinden soll.

Der Freund kicherte. Ein Marienkäfer - mit null Punkten?

Ausgedacht hatte sich Ann Sophie diese Geschichte, auch wenn das nahezu unglaublich klingt, nicht erst nach dem Song Contest, sondern bereits ein Jahr vorher. Ihr selbst war die merkwürdige Null-Punkte-Parallele gar nicht aufgefallen, erst der Freund, dem sie von der Buchidee erzählte, machte sie darauf aufmerksam. Als Ann Sophie nach dem Gespräch verblüfft ihre alten Notizen aus dem Schreibtisch kramte, stieß sie darin auf ein paar halb vergessene Gedichtzeilen, die im Buch ein weiser Löwe an den Marienkäfer richtet:

Lerne erst, dich selbst zu lieben,

Solltest du auch keine Punkte kriegen,

Kümmere dich ums Glücklichsein,

Dann kommen die Punkte von ganz allein.

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