Was ist ein besserer Mensch?

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Logenbrüder : Freimaurer: Die aufgeschlossene Gesellschaft
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Ritual mit Sanduhr und Kerze. Auf viele wirken die Symbole der Bruderschaft abschreckend. Für Freimaurer ist der Totenkopf ein Zeichen der Verwandlung.
Ritual mit Sanduhr und Kerze. Auf viele wirken die Symbole der Bruderschaft abschreckend.Foto: Juliane Herrmann

Vor zwölf Jahren hat Mielke sich, wie heute in 99 Prozent aller Anfragen, per Internet-Kontaktformular gemeldet. Er war damals 26 und Student in Bonn. Er interessierte sich im Zeitalter der Transparenz für etwas Verschwiegenes, im Zeitalter der Flexibilität für etwas Stabiles und im Zeitalter der Ironie für Ernsthaftigkeit. Abgestoßen vom Gehabe der Burschenschaften, begegneten ihm immer wieder Hinweise auf die Freimaurer. Es streifte ihn bei Goethes Faust und in Bayreuth. Mozarts Zauberflöte steckte voll versteckter Symbolik. Selbst im Programmheft war die Rede von Mozarts „Freimaurerwerk.“

Mielke hat vor dem Studium eine Ausbildung zum Werbekaufmann abgeschlossen, er tat, wie man das in vielen Berufen tut, „Dinge die heute wichtig sind, aber morgen egal“. Weil ihm das nicht reichte, wurde Mielke zu einem „Suchenden“, wie Freimaurer Interessierte nennen. Mielke war so aufgeregt, als er sich vor dem Logenhaus in der Bonner Südstadt vorstellte, dass er vorher den Ort auskundschaftete und schaute, wo er später parken könnte.

Dem Germanistikstudenten, Liebhaber des Deutschen, gefiel, dass seine Loge später „Freimut und Wahrheit zu Köln“ heißen sollte. Freimut! „Ein Begriff, den man im normalen Leben kaum benutzt.“ In einer Rede in der Loge wollte er über diesen Begriff sprechen und unternahm deshalb vorher mal eben eine Straßenumfrage in Bonn. Von den 100 Passanten, die er befragte, nahm der Großteil an, Freimut hätte mit Seeräuberei zu tun. Die am wenigsten Informierten vermuten hinter dem ganzen Verein den Klu-Klux-Klan.

Laut Website suchen sie „vorurteilsfreie Männer von gutem Rufe“. Das Ziel: Ein „gefestigter Charakter“, um „ein besserer Mensch“ zu werden. Mittelbar werde durch eine Vielzahl besserer Menschen auch die Welt eine bessere. Was aber ist der bessere Mensch?

Nach zwölf Jahre noch immer Gänsehaut

Freimaurerei ist ein menschlicher Veredelungsprozess, so wie man aus Innereien feine Wurst oder aus Trester edle Brände herstellt. Vielleicht auch so, wie man Rosen pfropft. Der Weg zum „sittlich veredelten“ Menschen ist das „Ritual“.

Wie letzteres abläuft, wollen immer alle wissen. Mielke darf den Wortlaut nicht verraten. Er würde einem auch gar nichts sagen. Der Verlust für die Eingeweihten wäre riesig, der Gewinn für die Außenstehenden quasi nicht vorhanden. Aber sinngemäß darf er erzählen. Das Ritual sehe aus wie eine Konfrontation mit anderen „Brüdern“, aber eigentlich ist es eine mit sich selbst. Ein „Enactment“ würde man heute sagen, wenn sich unter ihnen ein Drehbuch entspinnt, in dessen Mittelpunkt man selber steht. Es herrscht Konzentration, die Kerze brennt. „In Ordnung, Brüder.“ So beginne das Ritual. Es gehe auch um eine moralische Sortiertheit im Zeitalter der Zerstreuung. „Ich bin dein Gewissen, gibt es mich in deinem Leben?“

Das geheime Ritual hat einen so großen Anteil an der Freimaurerei, dass, wer doch nur die Kontakte suchte, irgendwann einfach austreten muss, sagt Mielke. Etwa 15 Jahre braucht einer allein, um alle Erkenntnisstufen zu durchlaufen. Und es soll, das sagen sie neuen Mitgliedern, ein Bund fürs Leben sein. Freimaurerei ist eine Lebensentscheidung. Wer die wöchentlichen Treffen verpasst, braucht eine gute Entschuldigung.

Er ist jetzt schon zwölf Jahre dabei, aber bis heute reagiert Frank Mielkes Körper mit einer Gänsehaut, wenn es sinngemäß heißt: Jetzt geht in die Welt und bewährt euch als Freimaurer.

Der Text erschien am 12. August 2017 im gedruckten Tagesspiegel und im Online-Kiosk Blendle.

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