Wie viel muss man verbergen, um interessant zu bleiben?

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Logenbrüder : Freimaurer: Die aufgeschlossene Gesellschaft
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Ritual mit Sanduhr und Kerze. Auf viele wirken die Symbole der Bruderschaft abschreckend. Für Freimaurer ist der Totenkopf ein Zeichen der Verwandlung.
Ritual mit Sanduhr und Kerze. Auf viele wirken die Symbole der Bruderschaft abschreckend.Foto: Juliane Herrmann

Wie viel muss man preisgeben, um interessant zu werden? Und wie viel muss man verbergen, um interessant zu bleiben? Das sind die Fragen. Bosbach hat einen weltlichen Beruf in einer IT-Firma, er ist Träger von Manschettenknöpfen und Vater. Wenn früher ein Freimaurer starb, sagt Bosbach, wusste oft nicht einmal die Ehefrau Bescheid, obwohl ihr Mann sein Leben lang zu den Treffen gegangen war. Bis die Logenbrüder zur Beerdigung erschienen. Seine beiden Söhne dagegen kennen es nicht anders: Donnerstags geht Papa mauern.

Und als amtierender Großmeister der Vereinigten Großlogen von Deutschland reist er nun an 35 Wochenenden im Jahr um die Welt. Er hat die riesigen Logen in Südamerika gesehen und in Afrika, wo Freimaurer sich auch um soziale Belange wie Brunnenbau kümmern. Liberalere Länder hätten auch liberalere Freimaurer: In Den Haag gebe es sogar einen Demo-Tempel für Besucher. In England sitzen Freimaurer in Talkshows.

Doch in allen Staaten, die einmal faschistisch waren oder von einer Diktatur beherrscht, sagt Bosbach, hätten sie heute einen schweren Stand. Ein „Geheimnis“ ist dort verdächtig.

Es schien sich einfach zu oft zu beweisen, wie zuletzt bei der katholischen Kirche, dass exklusive Gesellschaften mit ihren eigenen Regeln unterdrückende Systeme, geradezu Parallelwelten entwickeln können. Die Freimaurer in Deutschland, weder antireligiös noch staatsfeindlich, zogen sich in diesem Klima immer mehr zurück - und wurden deshalb immer erklärungsbedürftiger.

Ihre alten Begriffe haben sie vor allem beibehalten, weil sie keinem Zeitgeist unterliegen wollten. Aber nun stecken die voller missverständlicher Ausdrücke, weil die Außenwelt ganz andere Dinge mit ihnen verbindet. Die Brüder (ist das nicht ein Orden?) gehen in ihren Tempel (ist das nicht eine Religion?), um miteinander Rituale zu begehen (ist das nicht eine Sekte?), deren Details nicht jeder wissen darf (ist das nicht ein Geheimbund?). Es sind nur Männer (ist das nicht eine Burschenschaft?), die einander vorbehaltlos vertrauen (ist das nicht eine Seilschaft?), und die in einem geschützten Raum gemeinsam offen über ihren Charakter sprechen sollen (ist das etwa eine Selbsthilfegruppe?). Die wenigen Frauenlogen entsprechen nicht den Freimaurerstatuten.

Sie sind stolz darauf, auch Klempner zu haben

Das Freimaurertum richte sich nach innen, sagt Bosbach. Es handele sich eigentlich um eine moral-philosophische Weltanschauung, eine moralisch-sittliche Schulung. „To make a good man better“, sagen sie in England. Die Lehre ziele auf den Charakter. „Sie erhalten einen Werkzeugkasten, der am Anfang nur zu zehn Prozent gefüllt ist“, sagt Bosbach. Die „Brüder“ arbeiten dann an sich selbst. Von einem Erkenntnisgrad zum nächsten erhalte man neue Werkzeuge dazu.

Und eines dieser Werkzeuge helfe einem eben dabei, mit der eigenen Vergänglichkeit zu leben. Er selbst jedenfalls, sagt Bosbach, habe seine Angst vor dem Tod bei den Freimaurern verloren. Sie versprächen kein Leben nach dem Tod, „es ist dann einfach okay.“

Weil der Gründungsmythos beschreibt, dass die Wurzeln der Freimaurer bei den gut ausgebildeten Steinmetzen der Dombauhütten zu finden seien, ist das Selbst „der raue Stein“, den es zu formen gilt. Mit den Werkzeugen von Gewissen, Vernunft und Gerechtigkeit, Toleranz und Weltoffenheit. Offiziell gegründet wurden sie 1717 in einer gemeinen englischen Kneipe.

So elitär die Logen von außen heute wirken mögen, innerhalb gelte das völlige Loslösen von vordergründigem sozialen Status. Die Freimaurer sind stolz darauf, auch Klempner zu haben. Reflektierte Klempner. Drei Stufen sind in jeder Loge gleich: Lehrlinge, Gesellen und Meister. Nach dem Abendessen räumen die Lehrlinge den Tisch ab. Auch Vorstandsvorsitzende sind in diesem Sinne Lehrlinge. Man glaube gar nicht, sagt Bosbach, wie schön es Leute fänden, die im richtigen Leben laufend Entscheidungen treffen, wenn ihnen einer sagt, was sie tun sollen!

Dann muss Bosbach los. Raus ins weltliche Berlin. Er startet seinen überaus zeitgenössischen Carsharing-BMW und greift mit der beringten Freimaurer-Hand ums Lederlenkrad. Den Ring trägt er nur, wenn er in der Sache unterwegs ist. Er will sich schließlich nicht allen Vorurteilen aussetzen.

Sie wissen inzwischen, dass viele ihrer Begriffe und Symbole zunächst abschrecken. „Lassen Sie sich von dem Logennamen nicht verunsichern“, steht warnend auf der Homepage der Berliner Loge „Zum Todtenkopf und Phönix“. Für Freimaurer seien der Totenkopf und Phönix nicht gruselig, sondern ein Symbol für Verwandlung und Erneuerung.

Und erneuern will sich jetzt die ganze Institution. Ein Zeichen dafür, dass die Öffnung kaum noch aufzuhalten ist, ist die Existenz der beharrlichen, 28-jährigen Fotografin Juliane Herrmann. Im September erscheint ihr Buch „Man among men“, Mann unter Männern. Fünf Jahre lang ist sie durch internationale Logen gezogen und hat sie fotografiert, die Räume, die Männer, mal gegen kleineren, mal gegen größeren Widerstand. Und mal gegen überhaupt keinen Widerstand.

Zum 300. Jubiläum findet im September in Hannover ein großer, öffentlicher Festakt statt. Christoph Bosbach wird sprechen und sein Pendant aus England, Pro Grand Master Peter Lowndes. Der Ministerpräsident von Niedersachsen, Stephan Weil, soll die Festrede halten. Vielleicht wird er fallenlassen, dass Eddy Murphy, Axel Springer und Karl-Heinz Böhm Freimaurer waren. Gregor Gysi und Norbert Lammert sprachen gerne vor Logen-Mitgliedern.

Was aber reizt einen Jungen? Es dauert einige Monate, bis die Freimaurer einen aufnehmen. Man bekommt einen Paten. Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 56. Aber tatsächlich ist eigentlich niemand 56 Jahre alt. Sie sind entweder zwischen 70 und 90 oder zwischen 25 und 40.

Frank Mielke, seine jugendlich 38-jährige Existenz und die Tatsache, dass er so offen spricht, sind schon der Beweis, dass hier gerade etwas Neues passiert. Mielke kann man in Köln anrufen, und vielleicht passt es ganz gut, dass er hier nur eine Telefonstimme bleibt. Er schätzt Konzentration auf eine Sache.

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