Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz : Herzlich, aber hart - nicht nur zu sich selbst

Ministerpräsidentin Malu Dreyer muss in Rheinland-Pfalz gewinnen. Sie ist nicht beratungsresistent, doch ein Dickkopf. Aber die Perfektionistin hat auch gelernt, dass sie eines nicht kontrollieren kann: das Leben.

von
Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer am Dienstag im Wahlkampf in Mainz.
Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer am Dienstag im Wahlkampf in Mainz.Foto: Boris Roessler/dpa

Wenn sie verliert, wird sie wohl aufhören mit Politik. Sie sagt das nicht so direkt, schließlich ist Wahlkampf. Da draußen in ihrem Bundesland redet sie täglich an anderen Orten vom Gewinnen. Aber hier drinnen auf der ledernen Rückbank ihres schwarzen Dienstwagens, unterwegs in Rheinland-Pfalz, entfährt der sozialdemokratischen Ministerpräsidentin ein Satz, den sie wie gewohnt lächelnd ausspricht: „Glauben Sie wirklich, dass ich abhängig bin von der Politik?“

Malu Dreyer, 55 Jahre alt, eine schmale, zierliche, fast verletzlich wirkende Frau, seit 2013 Nachfolgerin von Kurt Beck, hat sich innerlich frei machen müssen. Hat sie Frieden mit der Möglichkeit geschlossen, ihr Amt zu verlieren? Hier im Auto, das aussieht wie eine gemütlich vollgestopfte Wohnung, mit Nüssen, Obst, Wechselklamotten, Kulturtasche und Aktenstapeln, lautet die Botschaft: Nur wenn ich frei bin, kann ich kämpfen! Ihr Wahlkampfberater Frank Stauss von der Agentur Butter hat einmal über Wahlkämpfe in den USA gesagt, es gebe dort eine „unerbittliche Härte“ gegen sich selbst, um zu gewinnen.

Malu Dreyer hat beschlossen, es genauso zu machen. Ihre Erkrankung an Multipler Sklerose (MS), eine unheilbare Nervenkrankheit, ignoriert sie so gut es geht. Sie hat sowieso maximalen Druck. Im Januar lag sie trotz hoher persönlicher Beliebtheitswerte mit der SPD acht Prozentpunkte hinter der CDU. Jetzt sind es, je nach Umfrage, zwei bis drei. Dreyer hat bisher noch nie eine Wahl gewinnen müssen, jetzt könnte sie gleich ihre erste verlieren, weil die Landespolitik gar keine Rolle spielt. Es geht, wie überall, nur um das Thema Flüchtlinge.

Die Wahl ist bundespolitisch relevant. SPD-Chef Sigmar Gabriel spricht von der „Mutter aller Schlachten“, die Malu Dreyer zu gewinnen hat. Fällt Rheinland-Pfalz, spielt die SPD im Bund noch weniger eine Rolle. Für Gabriel wird es in der Partei dann enger. Und dann ist da noch eine Besonderheit. Es ist das erste Duell zweier Frauen um das Amt einer Ministerpräsidentin. Fragt man in der rot-grünen Koalition, ob es Dreyer besonders schmerzen würde, gegen Julia Klöckner (CDU) zu verlieren, lautet die Antwort: Ja.

In öffentlichen Gesprächen äußerte sich Dreyer bisher nie über ihre Gegnerin, das überließ sie anderen in der SPD, die Klöckner als Risiko darstellen sollten: unerfahren, machtgierig und substanzlos. Aber im Wahlkampf ist es anders. Intern hat Malu Dreyer gemeinsam mit ihren Beratern entschieden, die direkte Konfrontation zu suchen. Das ist gewagt, denn persönliche Konfrontation passt nicht zu ihr. Beim einzigen TV-Duell der beiden, ist das gut zu beobachten. Dreyer attackiert Klöckner oft, wirft ihr vor, sie verrate beim Thema Flüchtlinge die Politik der Kanzlerin. „Sie fallen ihr in den Rücken.“ Als es um Integration geht, ruft Dreyer: „Ich frage mich, ob Sie in Rheinland-Pfalz leben.“

Aber Dreyer merkt man anders als Klöckner die Anspannung an, sie soll ernst wirken, staatstragend, aber in der ersten halben Stunde sieht sie eher verbissen aus. Mundwinkel und Schultern hochgezogen. Jeder kann ihr den Druck ansehen. Klöckner ist zumindest mal die bessere Schauspielerin.

Beide können hart kämpfen, auf ihre Art. Als in Rheinland-Pfalz zwei Opfer der Anschläge in Istanbul beerdigt wurden, hat die örtliche Bürgermeisterin von Bad Kreuznach ein paar Gäste geladen, Julia Klöckner war eigentlich nicht darunter. Nach der Rede der Pastorin schnappte sich Klöckner das Mikro trotzdem und sagte unaufgefordert ein paar Sätze. Sie liefen anschließend über die Nachrichtenagentur dpa.

Julia Klöckner, CDU, und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer, SPD
Julia Klöckner, CDU, und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer, SPDFoto: dpa

Malu Dreyer wird Herzlichkeit nachgesagt, das stimmt auch, doch dahinter verschwinden ihre anderen Eigenschaften: Ehrgeiz, Härte, Machtkontrolle. Manche Spitzenpolitiker brüllen, Dreyers Führungsinstrument ist Freundlichkeit. Ein ranghoher Koalitionär in Rheinland-Pfalz erinnert sich an zahlreiche Sitzungen, in denen Dreyer sich zwar geduldig Positionen oder Einschätzungen anderer anhört, um dann lächelnd zu kontern: „Kinder, so geht das jetzt gar nicht!“

Kühl und leise sagt sie: "Ich entscheide dann schon"

Vor ihrer Ernennung zur Ministerpräsidentin sitzt Dreyer noch in ihrem alten Ministerbüro, drinnen lilafarbene Stühle, an der Wand Bilder, gemalt von Menschen mit Behinderung, draußen der Rolli, den sie benutzt, wenn die Beine wegen ihrer MS-Erkrankung zu schwach werden. Einige in der SPD haben die „nette Malu“ öffentlich gerade aufgefordert, mehr Mitspracherechte für die Basis zu akzeptieren nach der Ära Beck. Da lehnt sich die Sozialdemokratin über den Konferenztisch, kühl und leise sagt sie: „Ich entscheide dann schon.“ Niemand müsse sich da Illusionen machen. Es ist eine Drohung an die alte SPD im Land, bald 25 Jahre an der Macht. Wenige Monate nach ihrer Wahl räumte sie die Minister ab, die mit der Nürburgringaffäre zu tun hatten. Sie hatte 500 Millionen Euro Steuergeld verschlungen. Dreyer installierte neue, loyale Minister und baute sich ein eigenes Machtzentrum in der Staatskanzlei.

Der Autor

ist Redakteur für besondere Aufgaben im Tagesspiegel. Mehr von seinen Texten lesen Sie hier

Die „nette Malu“ – es ist ein schönes Märchen.

An einem späten Wahlkampfabend in Altenkirchen im Westerwald sitzt Dreyer gegen 22.30 Uhr noch mit einigen aus dem Wahlkampfteam hinter der Bühne zusammen. Alle sind müde, Dreyer bestellt Bier. Dann erklärt sie einem Mitarbeiter freundlich, aber bestimmt, warum es nicht gut sei, belegte Brötchen mit Gurken und Tomaten zu garnieren, wenn man sie den ganzen Tag herumfahre. „Wird ja alles nass und schmeckt nicht mehr. Verstehst du?“

Dreyer ist Perfektionistin. Sie treibt die eigenen Leute an, verlangt Höchstleistung in allen Details wie von sich selbst. Enge Mitarbeiter der Ministerpräsidentin bewundern sie offen. Manchmal, sagt eine aus der Gruppe, „da staunen wir nur über ihre Kraft“. Sie sei ein Vorbild.

So ist sie nicht nur Ministerpräsidentin, sondern wichtigste Motivatorin der eigenen Leute. Die Ausgangslage ist bescheiden, aber nicht aussichtslos. Die CDU lag weit vorn, bei mehr als 40 Prozent, jetzt sind es nur noch 35 bis 36. Die Grünen versuchen, an die Zehnermarke zu kommen und die AfD hinter sich zu lassen. Alles ist offen. Nur eines ist klar: Unter Julia Klöckner will die SPD auf keinen Fall regieren. Dann lieber die Ampel. Es ist die wahrscheinlichste Variante, wenn es weder für Schwarz-Grün noch für Rot-Grün reicht.

Sie ist nicht beratungsresistent, aber ein Dickschädel

Auf dem Landesparteitag hält Dreyer eine Rede, die die Kampagne für den Wahlkampf intoniert. Es ist ein Wahlkampf der klaren Zuspitzung in unsicheren Zeiten. Ich oder sie. Dreyer oder Klöckner. Die Vokabeln der Kampagne: Erfahrung, Verlässlichkeit, Vernunft, Haltung. Klar, wer damit nicht gemeint ist. Der spannendste Satz, ein typischer Dreyer-Satz, kommt am Ende. „Ihr müsst kämpfen, alles geben. Nicht mehr dran denken, wie man sich fühlt, ob man kurz vor dem Zusammenbruch steht. Egal! Vollkommen egal.“

Wenn sie sich entschieden hat, kann sie niemand bremsen. Sie ist nicht beratungsresistent, aber ein Dickschädel. Das war auch in der AfD-Frage so. Die Entscheidung, nicht an einem Fernseh-Duell teilzunehmen, bei dem die AfD dabei ist, hat sie alleine getroffen. Auch gegen den Rat mancher Berater. Auf ihrer Reise durch die 51 Wahlkreise wiederholt sie immer wieder ihre Haltung: Die AfD greife alle Werte der Gesellschaft an, sie stehe nicht auf dem Boden der Verfassung, sei rechtsextrem und gefährlich. „Ich bin da ganz klar!“ Die Klarheit der Botschaft ist aus Sicht der SPD der wichtigste Trumpf in diesem Wahlkampf. Tatsächlich sind die landespolitischen Rahmenbedingungen, gäbe es das Thema Flüchtlinge nicht, gut für Rot-Grün: höchste Erwerbsquote in der Geschichte des Bundeslandes, drittniedrigste Arbeitslosenquote in Deutschland, eine wachsende lokale Wirtschaft. Die großen Skandalthemen wie der Nürburgring oder die Verschuldung sind weitgehend abgeräumt.

Die Auftritte von Malu Dreyer sind akribisch aufgelistete Erfolgsbilanzen; das Land der guten Arbeit, der kostenlosen Bildung, der modernen Familien, der Pflege, der digitalen Dörfer.

Auch im Örtchen Miehlen im Rhein-Lahnkreis ist der Saal voll. Der Männergesangsverein „Sängerlust“, in dem der örtliche SPD-Kandidat mitsingt, intoniert „Glück auf“ und „Don’t go by the river“, die Zuschauer haben ihre Malu-Plakate auf dem Boden liegen. Dreyer beginnt immer mit dem Hinweis, dass man in einer neuen Zeit lebe, und dass man deshalb Verlässlichkeit brauche, die sie garantiere. 45 Minuten lang kommen die Flüchtlinge gar nicht vor. Infrastruktur, Demografie, Gesundheit, Fachkräftemangel sind ihre Themen. Es ist der verzweifelte Versuch, die eigene Agenda zu setzen.

Die Flüchtlinge kommen am Ende. Dreyer hat das Thema im Sommer zur Chefsache gemacht und in der Staatskanzlei angebunden. Den Fachreferaten des Koalitionspartners traute sie die Aufgabe offensichtlich alleine nicht zu. Und so ist Rheinland-Pfalz mittlerweile eines der Bundesländer, aus denen, gemessen an der Zahl der Flüchtlinge, sehr viele abgeschoben werden und freiwillig zurückkehren. Die Regierung hilft mit Taschengeld und Flugticketkauf kräftig nach.

Sich losmachen von dem verdammten Gedanken, dass man verliert

70.000 Kilometer ist Dreyer im vergangenen Jahr gereist, um sich in allen Landesteilen bekannt zu machen, in diesem Jahr sind es jetzt schon mehr Kilometer. Eine Mitarbeiterin Dreyers sagt, der allerschwerste Kampf sei es, sich loszumachen von diesem verdammten Gedanken, dass man verliert, weil es gar nicht um Landespolitik gehe. Vielleicht besteht darin Dreyers größte Kunst. Aber es fällt den Sozialdemokraten angesichts dieser Umstände schwer, nicht zu hadern. Dreyer mache mehr Termine als Beck zu seinen Hochzeiten, heißt es. Sie arbeitet, sagen Vertraute, „sehr hart an sich“. Atemübungen, Rudern, Physio. Im Landtag gab es für sie schon zu Ministerzeiten aufgrund ihrer Erkrankung ein Geländer zum Stützen, das sie lange brauchte. Jetzt läuft sie wieder allein ans Pult.

Malu Dreyer ist an dem unheilbaren Nervenleiden MS erkrankt.
Malu Dreyer ist an dem unheilbaren Nervenleiden MS erkrankt.Foto: picture alliance / dpa

Normalerweise verläuft die Krankheit in Schüben, sie wird immer schlimmer. Dreyer ist bisher davon fast völlig verschont geblieben. Es scheint so, als würde sie trotz der Härte des Amtes Kraft auch gegen die Krankheit schöpfen. Fragt man sie, sagt sie: „Es ist ein kleines Wunder.“ Vermutlich ist es eiserner Wille.

Ihre Gegnerin Julia Klöckner hat viele Kilogramm abgenommen. Sie fährt Fahrrad, joggt, reitet und lässt sich dabei filmen, beobachten, interviewen. Es ist ihre Art zu zeigen, wer von den beiden Kontrahentinnen die agilere ist. Malu Dreyer wiederum kann diese indirekten Angriffe auf ihre Beeinträchtigung nicht völlig an sich abtropfen lassen, auch wenn sie das niemals zugeben würde. Stattdessen betont sie, wie bei einem Auftritt im lokalen Fernsehen, einen Satz, der wie ein Mantra klingt. „Ich habe Kraft, ich habe Power, ich bin fit!“

Sie hasst Kontrollverlust

Als Malu Dreyer 34 Jahre alt war, gehorchte ihr beim Inlineskaten ein Bein nicht mehr. Der Arzt diagnostizierte Multiple Sklerose. Viele Jahre redete sie nicht darüber, weil sie, wie sie einmal sagte, „nicht darauf reduziert werden“ wollte. Ihr Vater litt an Bluthochdruck, er starb vor Jahren völlig unerwartet, seine Tochter hatte keine Chance, sich von ihm zu verabschieden. Solche Ereignisse in ihrem Leben haben sie gequält, weil sie ihr die Kontrolle nahmen und sie wütend machten. Sie hasst Kontrollverlust.

In den wenigen ruhigen Momenten, die eine Regierungschefin hat, erzählt sie diese Dinge. Sie ist da offen für alle Fragen. Das ist ihre andere, auch sehr erstaunliche Seite. Hier ist sie nicht eisern und hart, sondern sichtbar mit sich im Reinen. Sie redet entspannt darüber, wie es sich anfühlt, dass sie die Beine nicht spürt. Sie sagt offen, dass sie sich selbst davor fürchte, als Politikerin nur noch Phrasen von sich zu geben. Sie gesteht, dass der Weg lang war, um zu begreifen, dass sie, die gescheite Juristin, niemals das Leben „kontrollieren kann“.

Wenn sie erklären soll, wie sie Lebensentscheidungen trifft, sagt sie, sie stelle sich vor, sie müsste in ein paar Jahren sterben, und frage sich: „Hast du dann alles so gemacht, wie du das willst?“ Härte und innere Ruhe kommen bei Malu Dreyer aus einer Quelle, ihrem „Glauben, dass das Leben mir nichts zumuten wird, was ich nicht bewältigen kann“. Ein Scheitern schließt sie einfach aus. Das gilt auch für die Wahl. Da ist sie stur.

Autor

9 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben