Martin Schulz beim SPD-Parteitag : Der Saal tobt - und zweifelt

Man merkt, sie wollen ihn jetzt feiern. Doch er macht es ihnen nicht leicht. Martin Schulz kämpft vor den SPD-Parteitagsdelegierten, hält seine große Rede - die dann ganz leise zu Ende geht.

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Aus dem Schatten. Martin Schulz beschwört Europa, wettert gegen die Despoten dieser Welt. Doch dann geht seine große Rede ganz leise zu Ende.
Aus dem Schatten. Martin Schulz beschwört Europa, wettert gegen die Despoten dieser Welt. Doch dann geht seine große Rede ganz...Foto: Sascha Schürmann/AFP

Fünfzig Minuten können lang sein, sehr lang. Martin Schulz hat in diesen fünfzig Minuten schon viel gesagt, und das zu vielem. Jetzt muss er sich kurz Luft verschaffen. „Mann, ist das heiß hier“, stöhnt er und streift das dunkle Jacket ab.

Schwerstarbeit – die muss der Merkel-Herausforderer da oben auf dem kreisrunden Podest in der Dortmunder Westfalenhalle jetzt leisten. Schulz weiß: Er hält gerade die wichtigste Rede seiner Kanzlerkandidatur. Was er auf diesem Parteitag sagt und wie er das tut, kann entscheidend sein. Für ihn und für die SPD. Es ist eine Chance, vielleicht die letzte.

Auf den Großbildleinwänden in der Halle kann man Schulz den Druck ansehen. Er lächelt, aber sein Blick wirkt müde. Noch 13 Wochen bis zur Wahl. Und nicht wenige in seiner Partei glauben, die Sache sei bereits gelaufen.

Die Skeptiker und Zweifler sitzen nicht nur in den Reihen der Delegierten. Auch hinter Schulz auf dem Parteitagspodium, wo die SPD-Führungsriege Platz genommen hat. Die Ministerpräsidenten aus den Ländern, die Vorstands- und Präsidiumsmitglieder, die Minister aus dem Bundeskabinett, etliche haben die Hoffnung schon verloren. 25 Prozent, hat einer dieser Spitzen-Genossen dieser Tage gesagt, seien drin – mehr nicht.

Kann man gegen all das anreden? Schulz muss

Die Lage ist ja auch zum Verzweifeln. In den Umfragen liegt die Union inzwischen mit 15 Punkten vorn, wie der Kandidat beim Frühstück in der Zeitung lesen musste. Eine realistische Machtperspektive, ein SPD-geführtes Regierungsbündnis, ist nicht in Sicht. Es bleibt allenfalls die Fortsetzung der verhassten großen Koalition und der Posten des Vize-Kanzlers. So sieht es jedenfalls aus.

Kann man gegen all das anreden? Schulz muss. Alles hängt jetzt von ihm ab. Wenn seine Rede zu Ende ist, sollen die Genossen im Saal überzeugt sein: Der Martin hat nicht aufgegeben, der Martin will es immer noch wissen. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Schafft er das nicht, ist die Wahl schon heute verloren.

Zum Glück für Schulz hat vor ihm einer schon für Stimmung gesorgt. Gerhard Schröder, der letzte Sozialdemokrat, der es ins Kanzleramt geschafft hat. Der den USA im Irakkrieg die Stirn geboten hat. Den sie in der Partei immer noch für die größte Rampensau halten, wenn es um Wahlkampf geht. Bei der Bundestagswahl 2005 schienen Schröder und die SPD schon weg vom Fenster. Doch dann kämpften sie sich doch noch bis auf wenige Prozentpunkte an die Union heran. „Was damals ging, geht heute auch“, ruft Schröder den Delegierten zu.

„Venceremos!“ – wir werden siegen

Wenn einer den Kampfeswillen der verzagenden SPD wiederbeleben kann, dann er. „Es gibt auch in unseren Reihen einige, die die Köpfe hängen lassen. Denen sage ich: Nichts ist entschieden.“ Und weiter: „Nur wer dieses Amt unbedingt will, wird es auch bekommen.“ Selbstzweifel dürfe es dabei nicht geben, mahnt der Altkanzler. „Nicht beim Kandidaten und auch nicht bei euch!“

Schröder erinnert noch an sein Nein zum Irakkrieg, ruft dazu auf, Donald Trump die Stirn zu bieten und endet dann mit einem chilenischen Kampflied: „Venceremos!“ – wir werden siegen.

Das wirkt. Oben auf den Rängen schwenken sie die Parteifahnen, unten im Saal stehen die Delegierten auf. So könnte es weitergehen – eigentlich.

Und Schulz fängt auch stark an. Keine fünf Minuten dauert es, da knöpft er sich bereits die Kanzlerin vor. Angela Merkel und die Union verweigerten systematisch die Debatte um die Zukunft des Landes, damit die Anhänger anderer Parteien nicht zur Wahl gingen. „Ich nenne das einen Anschlag auf die Demokratie“, donnert Schulz.

Was wird aus wem, wenn …

Die tapfere Programmpartei SPD gegen eine machtversessene Union, der die großen Sachthemen herzlich egal sind: Das ist die Linie, für die sich Schulz und seine Strategen im Willy-Brandt-Haus entschieden haben. Aber dieser Kurs birgt auch Gefahren. Denn ein Kanzlerkandidat, der Inhalte hochhält, muss viel erklären. Das kostet Zeit und dämpft die Stimmung. Brav arbeitet Schulz wichtige Themen ab: Digitalisierung, Innovation und Investition. Er sagt Sätze wie diesen: „Wir wollen zeigen, dass ein moderner Sozialstaat im digitalen Zeitalter gelingt.“ Es dauert nicht lang, dann wird aus Jubel routiniertes Klatschen.

Hinter Schulz verfolgen sie genau, wie der Kandidat sich schlägt. Manche unter den Spitzen-Genossen mögen zwar nicht mehr so recht an seine Kanzlerschaft glauben. Aber sie müssen darauf hoffen, dass es dem früheren Buchhändler aus Würselen gelingt, den Abwärtstrend hier und heute zu stoppen.

Es geht ja auch um ihre Zukunft. Was wird aus wem, wenn … – längst spielen die Führungskräfte und ihre jeweiligen Ratgeber alle möglichen Szenarien für den Tag nach der Wahl durch. Sollte die SPD mit einem niederschmetternden Ergebnis in der Opposition landen, wäre Schulz als Parteichef erledigt, glauben manche.

Der Saal tobt, auf den Rängen stehen sie auf

Für diesen Fall wird der Hamburger Bürgermeister und SPD-Vize Olaf Scholz als neuer Parteichef gehandelt. Und die jetzige Arbeitsministerin Andrea Nahles als Vorsitzende der Bundestagsfraktion. Andere wiederum spekulieren auf eine Fortsetzung der großen Koalition unter Merkel. Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel zum Beispiel soll sich von Schulz einen Ministerposten zusichern haben lassen, als er ihm im Januar Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur überließ.

Schulz weiß das natürlich alles. Er weiß auch, dass er liefern muss, und trotzdem lässt er sich viel Zeit, bis er den nächsten Höhepunkt setzt. Nach einer halben Stunde – Schulz hat mittlerweile auch über Lebensleistung und Respekt gesprochen – geht er erneut zum Angriff über: diesmal auf den türkischen Präsidenten Erdogan. Schulz spricht über die inhaftierten Journalisten, ruft: „Geben Sie diese Leute frei, wenn möglich noch heute!“

Der Saal tobt, auf den Rängen stehen sie auf, schwenken Fahnen, halten Schulz-Plakate hoch. Eine SPD, die Autokraten auf der ganzen Welt die Stirn bietet, so sehen die Genossen ihre Partei gern. Und wenn der Gegner dann noch Trump heißt und ein „irrlichternder US-Präsident“ ist, dessen Aufrüstungslogik sich die SPD nie und nimmer unterwerfen wird, dann ist dem Redner auch in diesem Moment der Applaus sicher.

Evergreens aus dem sozialdemokratischen Gesangbuch

Und doch ist da eine seltsame Distanz spürbar zwischen dem Redner und seinem Publikum. Man merkt: Sie wollen ihn jetzt feiern. Aber er macht es ihnen nicht leicht. Vieles von dem, was er sagt, haben sie schon tausend Mal gehört. Es sind die Evergreens aus dem sozialdemokratischen Gesangbuch. Gerechtigkeit, „die Perspektive unserer Kinder darf nicht vom Portemonnaie und den Beziehungen der Eltern abhängen.“ Gleichstellung, „Wir wollen die gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit.“ Umverteilung, „starke Schultern müssen mehr tragen als andere.“ Hehre Ziele, aber wird Schulz sie jemals als Kanzler durchsetzen können?

Dass seine Partei nach dem Hype der ersten Tage und Wochen derart in die Defensive geraten konnte, hat Schulz durchaus mitzuverantworten. Erst liebäugelte er vor der Saarland-Wahl mit dem Linken Oskar Lafontaine, als das schiefging brachten seine Leute fast panisch die Ampel ins Spiel. Und dann ließ sich der Kandidat auch noch von Hannelore Kraft in NRW wochenlang zum Stillhalten verdonnern. Ein riesiger Vertrauensvorschuss, innerhalb von wenigen Wochen verzockt. Schulz erwähnt das mit keinem Wort.

Die große Rede ist ganz leise zu Ende gegangen

Es ist jetzt Zeit für große Worte. Worte über Europa. Es geht nun um das, was den Kandidaten ausmacht. „Europa muss neu gegründet werden“, sagt Schulz. „Als ein Ort der Freiheit und des Rechts. Ein Ort der Aufklärung, der Menschenrechte, der Abrüstung, des zivilisatorischen Fortschritts.“

Dafür steht er, dafür will er die Macht. Dafür lohne es sich, „mit heißem Herzen zu kämpfen“. Und dann trägt Martin Schulz den letzten Satz seiner Rede vor. Er wird nicht laut dabei, er ruft diesen Satz nicht, er sagt ihn einfach nur: „Für diese Idee will ich Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden.“

Es vergehen ein paar Sekunden, bis die Menschen im Saal merken, dass es das jetzt war. Die große Rede, sie ist ganz leise zu Ende gegangen. Was dann folgt, ist geübtes Parteitagsritual. Klatschen, Aufstehen, Jubeln, Winken, Umarmen. All das minutenlang. Der Kandidat lächelt, aber er wirkt nicht befreit.

In drei Monaten, am 24. September um diese Zeit, werden sie Martin Schulz im Willy-Brandt-Haus die ersten Zahlen reichen. Spätestens dann weiß der Kandidat, was seine Rede an diesem Sonntag in der Dortmunder Westfalenhalle wert war. Noch 91 Tage.

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