Mehr als ein Kiezverein : Was den 1. FC Union für seine Fans besonders macht

Fußball, Bier, Bratwurst! Darum geht es beim 1. FC Union. So bestimmte es einst der Stadionsprecher. Doch viele Fans sehen in ihrem weltberühmten Kiezverein mehr: Verwandtschaft und eine Art Attac des Ballsports.

von und
Alle Jahre wieder. 27000 Menschen werden am Dienstag zum Weihnachtssingen in der Alten Försterei erwartet.
Alle Jahre wieder. 27000 Menschen werden am Dienstag zum Weihnachtssingen in der Alten Försterei erwartet.Matthias Koch/Imago

Neulich hat eine auswärtige Familie an der Alten Försterei vorbeigeschaut. Vater, Mutter, Tochter und Sohn, sie waren an den Fotoapparaten um den Hals unschwer als Touristen im Fußballstadion zu erkennen. „Das haben die Fans alles selbst gebaut?“, hat das Familienoberhaupt gefragt. „Unglaublich! Wissen Sie, wir bleiben nur eine Nacht in Berlin und sind vom Flughafen gleich hierher gefahren.“ Brandenburger Tor und Reichstag müssen warten, erstmal zu Union, „wir haben die ganze Geschichte zu Hause im Fernsehen verfolgt!“ Im Fernsehen? Zu Hause? „Yes, Sir! Wir kommen aus Melbourne!“

Nette Geschichte, sagt Carsten Trautmann, aber …. so ungewöhnlich sei das nun auch nicht, dass internationales Publikum in der Alten Försterei vorstellig werde. „Am Bierstand treffe ich öfter mal Engländer, die fliegen extra zu unseren Spielen ein.“ Der Fußballfan Carsten Trautmann wohnt im Köpenicker Stadtteil Rahnsdorf und hat es ein wenig näher zum Stadion an der Alten Försterei.

Köpenick und Melbourne - das ist ihre Bühne

Köpenick und Melbourne – das ist die Bühne, die der 1. FC Union bespielt. Ein weltberühmter Kiezverein aus Berlin. Ein Verein, wie es ihn im durchkommerzialisierten Fußball des dritten Jahrtausends gar nicht mehr geben dürfte. Union ist keine dieser modernen GmbHs oder KGaAs. In Köpenick verstehen sie sich als große Familie, die ihre Kraft aus dem engstmöglichen Zusammenhalt schöpft. So wie es früher auch in Wedding oder München oder England war, als die Sportvereine sich noch nicht als Werbeplattform verstanden und ihre Daseinsberechtigung nicht allein an sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg knüpften.

In einer Zeit, in der sich die Dinge immer schneller ändern und schwieriger zu durchschauen sind, bietet der Verein seiner Familie einen festen Halt. Wer zum Fußball an die Alten Försterei fährt, macht das auch in der Gewissheit, dass die Dinge heute so sind, wie sie gestern waren und auch morgen noch sein werden. Diesem Charme des Stillstandes einer sich immer schneller drehenden Welt verdankt Union seine Attraktivität. „Die Engländer kommen ja nicht hierher, weil der Fußball so toll ist“, sagt der Union-Fan Carsten Trautmann. „Die wollen Stehplätze und Bier und den Fußball so genießen, wie es bei ihnen zu Hause nicht mehr möglich ist. Und natürlich gehören sie auch alle zur großen Familie.“

27 000 Fans werden am Dienstag zum Singen erwartet

Am Dienstag trifft sich die große Familie im Stadion zum Weihnachtssingen. Das mag es auch bei anderen Klubs geben, aber bei Union ist der Rahmen ein wenig größer. 27 000 Fans werden diesmal erwartet. Frauen und Männer und Greise und Kleinkinder, alle werden sie gemeinsam „Stille Nacht, Heilige Nacht“ anstimmen.

Es ist dieses schwer zu greifende Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Stimmung in der Wuhlheide prägt, auch und gerade wenn es sportlich nicht so läuft. Wenn Union zurückliegt, brüllen die Fans noch lauter als bei einer kommoden Führung. Sie sind die alles bestimmende Macht im Verein und stellen auch den Präsidenten. Der Mann heißt Dirk Zingler und stand früher selbst hinter dem Tor an der Waldseite, wo sich heute die Ultras, die jüngsten und fanatischsten Fans die Kehle aus dem Hals brüllen. Unter Zingler hat Union vor sechs Jahren die damals marode Alte Försterei gekauft und zu einem der stimmungsvollsten Stadien des Landes umgebaut. Nachdem Union vor drei Jahren Alte-Försterei-Aktien freigab zur Zeichnung für die Fans, gehört diesen jetzt eine knappe Hälfte des Stadions. Ein großes Dankeschön für alle, die damals Steine schleppten, Sand schippten und Wege asphaltierten zum Wohle des Klubs.

10 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben