Michael Müller wird Regierender Bürgermeister : Ein Zauderer packt zu

Mehrmals stand er vor dem Rücktritt. Michael Müller schien ein Berliner Auslaufmodell zu sein - jetzt wird er Nachfolger von Klaus Wowereit. Lesen Sie hier unser Porträt des designierten Regierenden Bürgermeisters, geschrieben noch vor der Wahlentscheidung der SPD.

von
Neustart. Vor zwei Jahren wurde Michael Müller als Berliner SPD-Chef vom Thron gestoßen, doch jetzt will er Regierender Bürgermeister werden. Rache für die Niederlage von damals? Dagegen verwahrt er sich strikt. Foto: Britta Pedersen/dpa
Neustart. Vor zwei Jahren wurde Michael Müller als Berliner SPD-Chef vom Thron gestoßen, doch jetzt will er Regierender...Foto: dpa

Schritt für Schritt, hinter den Büschen, nahe beim Zaun. In der linken Hand den blauen Müllsack. Er hebt hier was auf, dann dort. Konzentriert sucht Michael Müller den Boden ab, im kleinen Park an der Achenbachpromenade in Berlin-Tempelhof. Beim „Aktionstag für ein schöneres Berlin“, gemeinsam mit ehrenamtlichen Helfern. Als Nächstes steuert der Stadtentwicklungssenator den Spielplatz an, der zu dem schmalen Grünzug gehört, um auch dort den Dreck wegzuräumen. Kurz bleibt er stehen, sagt freundlich: „Guten Tag, was machen Sie denn hier, Langeweile?“ Zieht den Handschuh aus zur Begrüßung. Lacht.

Das ist Müllers Kiez, gleich um die Ecke wuchs der Mann auf, der Regierender Bürgermeister werden will. Als Nachfolger von Klaus Wowereit, der seinen Rücktritt Ende August angekündigt hat. Vom kleinen Park läuft man keine fünf Minuten, da verweist ein hübsch bedrucktes Blechschild auf den Laden um die Ecke, am Bayernring. „Eingang zur Buchdruckerei J. & M. Müller.“ Fast in Sichtweite zum Flughafen Tempelhof.

1962 gegründet von Jürgen Müller, zwei Jahre vor der Geburt des Sohnes Michael. Der machte nach der Realschule eine kaufmännische Lehre, lernte Offsetdruck und half dem Vater viele Jahre, den kleinen Betrieb über Wasser zu halten. Gleich hinter dem Schaufenster steht eine blitzblanke Heidelberger Tiegeldruckpresse. Ein kleines Museum, diese Druckerei, seit Juli ist dort auch Müllers Bürgerbüro. Ein Ort des soliden Handwerks. An der Ladentür hängt ein Plakat, das den Senator für Stadtentwicklung zeigt. „Gemeinsam glänzen! Einladung zur Putzaktion mit Michael Müller.“

Michael Müller - ein Senator auf dem Weg nach ganz oben
Süßer Vogel Jugend. Zwischen 2004 (hier ein Foto von damals aus dem Abgeordnetenhaus) und heute hat Michael Müller politisch an Statur gewonnen - und ist auch äußerlich gereift, wie wir in unserer Fotostrecke zeigen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 13Foto: Mike Wolff
29.08.2014 13:28Süßer Vogel Jugend. Zwischen 2004 (hier ein Foto von damals aus dem Abgeordnetenhaus) und heute hat Michael Müller politisch an...

Ein Sozialdemokrat aus Tempelhof, wo die kleinen Leute wohnen. Ein Saubermann, der auch nach 25 Jahren parteipolitischer Ochsentour keinen Dreck am Stecken hat. „Berlin regieren: ernsthaft und bürgernah.“ So ist der Kandidatenbrief Müllers an die 17.200 Berliner SPD-Mitglieder überschrieben, in dem er dafür wirbt, von der Parteibasis zum neuen Regierungschef gekürt zu werden. Dafür werden alle Genossen im Landesverband befragt. Das war der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die Sozialdemokraten nach dem Rückzug ihres ehemaligen Superstars einigen konnten. Denn Klaus Wowereit fehlte die Kraft, der eigenen Partei einen Nachfolger zu präsentieren.

Müller hat nichts vergessen

Am 18. Oktober wird ausgezählt, anschließend soll es zwischen den zwei Bestplatzierten eine Stichwahl geben. Neben Müller bewerben sich SPD-Landeschef Jan Stöß und Fraktionschef Raed Saleh. Vor gut zwei Jahren haben sie gemeinsam die Abwahl Müllers als SPD-Chef organisiert. Da blieb ihm nur noch das Senatsamt. Auch die Rolle des Kronprinzen, in Wowereit’scher Erbfolge, ging Müller mit dem Verlust der Parteiführung verloren. Da steht einer vor dem Ende der politischen Karriere, dachten viele, auch in der eigenen Partei.

Jetzt ist er wieder obenauf. Zwar weist Müller den Verdacht, dies sei die Stunde der Rache, strikt zurück. Aber natürlich will er es allen zeigen, nicht nur Stöß und Saleh. Denn die innerparteiliche Niederlage 2012 war schmerzhaft für ihn. Er hat nichts vergessen, und niemand sollte Müller unterschätzen. In weicher Schale sitzt ein harter Kern, und er tendiert zu einem beißendem Sarkasmus, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. „Ja, Müller kann fies sein“, sagt ein führender Genosse.

Müller ist überzeugt, dass sein Sturz als SPD-Chef der eigenen Partei nichts gebracht hat. Er wolle nun erst einmal „das Vertrauen der Bürger zurückgewinnen“, steht in seinem Bewerbungsbrief. Ehrlicher Ansprechpartner sein und darauf achten, wo die Berliner „der Schuh drückt“. Eine altmodischer Begriff, mit Bedacht gewählt. Anfang der 50er Jahre hatte der legendäre Regierende Bürgermeister Ernst Reuter im RIAS-Hörfunk eine Sendereihe begründet: „Wo uns der Schuh drückt.“ Auch Willy Brandt nutzte die populäre Sendung, als er einige Jahre später im Rathaus Schöneberg saß, als mediale Bühne. Die alten Genossen, die in der Berliner SPD die schweigende Mehrheit bilden, erinnern sich wehmütig. An die Blütezeit der Partei. So stark, so nahe an den Menschen, sozial und demokratisch.

Ein sehr sozialdemokratisches Programm

Zu Reuter und Brandt, zu all den Großen in der sozialdemokratischen Ahnengalerie kann Müller nur emporschauen. Da kommt er nicht ran. Also versucht er, den Sehnsüchten nach sozialer Geborgenheit, solider Verlässlichkeit und ordnender Hand auf seine Art zu entsprechen. Redet auf dem SPD-Mitgliederforum im Jugendkulturzentrum Pumpe von „seriöser Stadtpolitik“, warnt vor „blumigen Versprechen“ und beschwört eine bürgernahe Politik. Hinhören, lernen, verwurzelt sein im Kiez. Seine wichtigsten Themen: Vollbeschäftigung, bezahlbare Mieten und Investitionen in Bildung, damit der soziale Aufstieg gelingt.

Ein sehr sozialdemokratisches Programm. Die Hände arbeiten mit, wenn er redet, unterstreichen, wehren ab, klopfen die Sätze fest. Eine dynamische Körpersprache, das ist neu. Die Berater müssen ihm auch gesagt haben, dass er öfter und breiter lächeln soll. Der oberste Knopf des weißen Hemdes ist offen, wenn er vor den Genossen steht. Müller probt die neue Leichtigkeit. „Ich bin mit mir und meiner Kandidatur im Reinen“, verkündet er. „Ich will Regierender Bürgermeister werden.“

29 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben