Nach dem Absturz von Germanwings-Flug 4U9525 : Trost und Trauer überall

Sie klammerten sich an Hoffnungen. Eltern, Lehrer, Freunde. Bis zuletzt. Am Tag nach dem Absturz steht der Schrecken im Gesicht eines Schulleiters, herrscht eigentümliche Geschäftigkeit. Die Kanzlerin fliegt nach Südfrankreich, Experten suchen nach Gründen. Und doch es bleibt: ein Rätsel.

von , , und Sebastian Weiermann
Direktor Ulrich Wessel aus Haltern hat 16 Schüler und zwei Lehrerinnen verloren.
Direktor Ulrich Wessel aus Haltern hat 16 Schüler und zwei Lehrerinnen verloren.Foto: Sascha Schürmann/AFP

Die Gesichter der Trauer bleiben den Kameras verborgen, und das ist richtig so. Aber wer am Tag danach Ulrich Wessel sieht, der erkennt wie in einem Spiegel den Schrecken. Wessel ist der Direktor des Joseph-König-Gymnasiums im nordrhein-westfälischen Haltern, ein drahtiger Mann, die Haare achtlos verstrubbelt. Er hat jetzt aber andere Sorgen. Am Dienstag war er es, der Eltern sagen musste, dass ihre Kinder tot sind, ihr Flugzeug zerschellt in den Alpen, 16 Schüler der zehnten Klasse, zwei junge Lehrerinnen. Nun sitzt er im Rathaus von Haltern, und eigentlich kann er nicht mehr. Im Kopf, sagt Wessel, sei die Katastrophe angekommen, „aber bis ich das wirklich verstanden habe, das wird noch dauern“. Wann es wieder Schüler-Austauschprogramme an seiner Schule geben werde, fragt ein britischer Journalist. Wessel guckt in die gute Hundertschaft, die ihre Kameras und Mikrofone auf ihn gerichtet hat. „Wenn ich ehrlich bin – ich weiß noch nicht, wie ich den morgigen Tag rumkriege.“ Sylvia Löhrmann, die Landesschulministerin, legt ihm sachte die Hand auf den Rücken. An der Wand hinter ihnen breitet der Gekreuzigte seine Arme aus. Sie werden hier noch viel Trost brauchen.

In ganz Europa Flaggen auf Halbmast

Der Tag nach der Katastrophe ist von einer eigentümlich gedämpften Geschäftigkeit. Noch in der Nacht sind in ganz Europa Flaggen auf Halbmast gesetzt worden, in Spanien, in Deutschland, in Brüssel. Auch Japan trauert, Kolumbien, die USA. Germanwings-Chef Thomas Winkelmann zählt am Mittag 15 Nationen auf, aus denen die 150 Toten stammen. Die meisten sind Deutsche, 72 nach der vorläufigen Bilanz, 51 Passagiere stammten aus Spanien. In Mexiko steigt eine Familie in ein Lufthansa-Flugzeug, um wenigstens den Ort zu sehen, an dem ihr Verwandter starb. In Australien stellt eine Familie der Regierung zwei Fotos zur Verfügung; auch Carol und Greig Friday, eine Mutter und ihr 29-jähriger Sohn vom anderen Ende der Welt, sind unter den Opfern.

Retter in den Bergen.
Retter in den Bergen.Foto: dpa

In dem Weiler Le Vernet bei dem Örtchen Seyne-les-Alpes machen die Rettungsflieger im Morgengrauen wieder ihre Hubschrauber bereit. Die Suche hoch oben im Gebirge geht weiter in dem Trümmerfeld, das einmal der Airbus A320 mit der Flugnummer 4U9525 war. Es ist bitter kalt dort, zerklüftet, schweres Gelände auch für erfahrene Bergläufer. Ein Trupp Gendarmerie ist am Abend vorher zu Fuß losmarschiert und hat in Zelten und Schlafsäcken übernachtet, andere Helfer bringen die Flieger vor Ort.

Einen der beiden knallroten Flugschreiber haben sie dort schon gefunden, zerbeult, aber nicht zerstört. Es ist der Stimmenrekorder, der alles aufzeichnet, was im Cockpit zu hören ist. Er wird gleich auf den Weg nach Paris geschickt, in die Hände der Experten. Vielleicht kann er das furchtbare Rätsel lösen helfen, weshalb ein tausendfach bewährtes Flugzeug in Barcelona zu einem Routineflug nach Düsseldorf abhebt und dann plötzlich in schnurgeradem Sinkflug direkt auf die Alpen zurast.

Germanwings fliegt weiter, was denn sonst?

Einige Leute in den Gebirgstälern haben die Maschine noch gesehen, viel zu tief, das sei ihnen gleich klar gewesen, berichten sie französischen Reportern. Den beiden Piloten muss das auch klar gewesen sein. Wenn sie noch bei Bewusstsein waren. Wenn überhaupt noch irgend jemand diese letzten Minuten an Bord bei klarem Verstand hat erleben müssen. Man kann verrückt werden bei dem Gedanken.

Bei Germanwings fliegen am Mittwoch etliche Maschinen mit fremdem Personal. Sogar Konkurrenten der Lufthansa-Tochter haben Besatzungen abgestellt als Ersatz für Kollegen, die noch nicht wieder fliegen können. Sie kannten die Besatzung zu gut, die dort in den Alpen gestorben ist.

Aber Germanwings fliegt weiter, was denn sonst? Auch am Mittwoch geht ein Flug von Barcelona nach Düsseldorf. Um kurz vor zwölf landet die Maschine im Rheinland. In der Ankunftshalle ist ein junger Mann schon seit einer halben Stunde nervös auf und ab gelaufen. Cooler Typ – lange schwarze Haare, Nasenpiercing, ein Tattoo auf jedem Fingerknöchel. Als eine junge Frau durch die Sicherheitsschranke kommt, fängt er an zu weinen. Die beiden fallen sich in die Arme, minutenlang. Dann laufen sie hinaus, schnell vorbei an den wartenden Reportern. Der Junge lächelt verschämt, so als gehöre sich das nicht, nicht heute, nicht hier. In der Ankunftshalle steht noch die provisorische Gedenkwand. Ein Notfallseelsorger mit gelber Warnweste mustert die Ankömmlinge aufmerksam.

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