Ein Treffen mit dem Mann, der den Wiederaufbau organisiert

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Nach dem Gaza-Krieg : Leben in Trümmern
Martina Kix
Spuren der Zerstörung. 17 000 Wohnungen in Gaza wurden bei den Kämpfen unbewohnbar gemacht. Der Wiederaufbau wird Hunderte von Millionen Euro kosten.
Spuren der Zerstörung. 17 000 Wohnungen in Gaza wurden bei den Kämpfen unbewohnbar gemacht. Der Wiederaufbau wird Hunderte von...Theresa Breuer

Der Mann, der für ihn verantwortlich ist, sitzt an diesem Abend im Restaurant des feinen Roots Hotels an der Strandpromenade von Gaza-Stadt. Mofeed al-Hasaini hält hier seine Treffen ab, seitdem seine Behörde, das Ministerium für Öffentliche Arbeiten, bei einem Luftangriff der israelischen Armee schwer beschädigt worden ist: Sie hatte ihren Sitz im Italienischen Turm, einem 13-stöckigen Büro- und Apartmentkomplex im Zentrum.

Al-Hasaini trägt einen maßgeschneiderten Anzug, einen gepflegten Schnauzbart und sagt: „Die neue Einheitsregierung von Fatah und Hamas steht und fällt mit dem Wiederaufbau Gazas.“ Doch der braucht Zeit. Der Minister hat ein Team von 250 Ingenieuren entsandt. Sie sollen bis Anfang Oktober einen detaillierten Bericht erstellen: Wie viel Infrastruktur wurde zerstört? Welche Häuser kann man instandsetzen, welche müssen abgerissen werden? Wie viel Geld wird für den Wiederaufbau jedes einzelnen Gebäudes gebraucht?

Am dringendsten sei es, so al-Hasaini, jene Häuser zu reparieren, die beschädigt, aber nicht vollständig zerstört wurden. In Gaza gibt es keine Mietkultur. Die Einwohner besitzen Immobilien und das meistens über mehrere Generationen. Werden diese zerbombt, gibt es nicht genug Wohnraum für die Flüchtlinge. „Diesen Menschen müssen wir als Erstes ihre Häuser zurückgeben.“

Für alle anderen Flüchtlinge sucht al-Haisainis Behörde derzeit nach Alternativen. In den UN-Schulen können sie nicht langfristig bleiben, der Unterricht soll bald wieder beginnen. Es gebe Überlegungen, Zelte und Container auf Freiflächen in der Nähe ihrer alten Nachbarschaften zu errichten. Wasseranschlüsse und elektrische Leitungen müssen verlegt, sanitäre Anlagen errichtet werden. „Und das alles, bevor der Winter einbricht.“

360 von Gazas 2700 Fabriken wurden beschädigt

Auch die Industrie benötigt dringend Hilfe. 360 von Gazas 2700 Fabriken wurden beschädigt oder zerstört. Die direkten und indirekten Verluste belaufen sich nach Schätzungen des Gaza-Fabrikantenverbands auf 237 Millionen Dollar. Auch der landwirtschaftliche Sektor hat herbe Verluste eingesteckt. Vor allem im Norden und Osten des Gazastreifens haben viele Farmer ihr Vieh, Gewächshäuser und Anbauflächen verloren. Hinzu kommen zerstörte und beschädigte Krankenhäuser und Schulen. „Der Krieg hat uns um 20 Jahre zurückgeworfen“, sagt al-Hasaini.

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Gerade einmal einen Monat war al-Hasaini Minister der neuen Einheitsregierung von Hamas und Fatah, bevor der Krieg begann. Auf der Stirn des 50-Jährigen zeichnen sich Sorgenfalten ab. Seiner Familie gehört ein Bauunternehmen, die meiste Zeit seines Lebens hat er in den USA verbracht. New York City kenne er besser als den Gazastreifen. „Hätte ich gewusst, welche Aufgabe auf mich zukommt, hätte ich das Amt nicht angenommen“, sagt er. Er ist permanent im Einsatz, seine Kinder sehe er nur noch, wenn sie bereits schlafen.

Laut al-Hasaini sind 65 Prozent der Menschen in Gaza derzeit arbeitslos. „Wir hoffen, die Arbeitslosenrate um 30 Prozent senken zu können, wenn wir Jobs in der Baubranche schaffen.“ Doch viel hängt davon ab, ob Israel die Grenzen zum Gazastreifen für den Güterverkehr öffnet – so, wie es das Waffenstillstandsabkommen vorsieht. „Wenn wir den Menschen nicht schnell ihr Zuhause zurückgeben, werden Kämpfe auf der Straße ausbrechen“, sagt er.

In er Schule leben immer noch 300 Menschen

Wer konnte, hat die Flüchtlingsunterkunft bereits in den vergangenen Tagen verlassen. Doch jene Familien, die alles verloren haben, wissen nicht wohin. In den Räumen der Selahaddin-Schule leben noch immer mehr als 300 Menschen. Die Schulbänke haben die Sozialarbeiter in den Innenhof geräumt. Kinder laufen herum.

In den Klassenräumen und auf den Fluren haben sie dicke Wolldecken aufgehängt, die als Raumtrenner dienen sollen, damit den Familien ein wenig Privatsphäre bleibt. Spricht man mit den Familien, haben sie ganz unterschiedliche Sorgen: Einer älteren Frau schmerzen die Hüften, weil ihr die medizinische Versorgung fehlt. Ein Mann beschwert sich, weil er am Nachmittag noch immer nicht die Ration Essen für das Frühstück seiner Familie bekommen habe. Ein anderer Mann sagt, es fehlten Matratzen für seine Kinder. Eine Mutter hält ihren vierjährigen Jungen auf dem Arm: „Nach vier Tagen haben wir ihn aus den Trümmern unseres Hauses gezogen“, sagt sie. Obwohl ihr Haus dem Erdboden gleichgemacht wurde, verlange man von ihr ein Dokument, damit sie in der Schule bleiben kann. Das Dokument hat sie nicht.

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