Olympische Spiele in Rio de Janeiro : Brasiliens Not und Spiele

Maria da Penha hatte nichts gegen Olympia. Bis sie die Folgen zu spüren bekam. Drei Monate vor den Wettkämpfen ist in Rio auf nichts Verlass. Unser Blendle-Tipp.

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Maria da Penha gehört zu den wenigen, die nach den Olympischen Spielen in Vila Autódromo bleiben dürfen.
Maria da Penha gehört zu den wenigen, die nach den Olympischen Spielen in Vila Autódromo bleiben dürfen.Foto: Philipp Lichterbeck

Am Tag, als Maria da Penha die höchste Auszeichnung ihres Lebens bekommen soll, wird sie von einer Polizeieinheit geweckt. Mit Knüppeln und Tränengaskanonen stehen die Polizisten vor ihrem Haus. Es ist sechs Uhr morgens, 8. März 2016, Internationaler Frauentag. Die Beamten lassen Maria da Penha noch Zeit, einige Sachen zusammenzupacken, dann fährt ein Bagger vor und rammt seine Schaufel in das dreistöckige Haus. 23 Jahre lang hat Maria da Penha darin gewohnt.

Wenige Stunden später sitzt da Penha in der ersten Reihe des Landesparlaments von Rio de Janeiro. Die 51-Jährige hat ein bunt kariertes Hemd angezogen, an diesem Frauentag soll sie ausgezeichnet werden als vorbildliche Bürgerin Brasiliens. Doch ihr ist nicht mehr nach Feiern zumute. In einem kurzen Statement sagt sie: „Heute bin ich traurig, aber die Ehrung macht mich stark. Für Mega-Events setzen sie dich auf die Straße, so läuft das hier.“

In drei Monaten finden in Rio die Olympischen Spiele statt. Und zwar nur wenige hundert Meter entfernt von Maria da Penhas abgerissenem Heim. Dort liegt, hinter einem Wellblechzaun, der Olympische Park.

Nicht nur da Penhas Haus musste deswegen weichen. 600 weitere, die einst die Favela Vila Autódromo bildeten, wurden ebenfalls zerstört – angeblich, damit die Besucher der Spiele sich von ihrem Anblick nicht gestört fühlen. Der tatsächliche Grund aber ist ein anderer. Auf dem Gelände soll Platz für Luxusimmobilien geschaffen werden.

Geblieben ist von Vila Autódromo eine Trümmerlandschaft. Fahle Häuserwände ragen daraus auf, einige Hunde streunen umher. Das Gelände ist durchzogen von den Furchen der Abrissbagger. Überragt wird die Szenerie von einem schwarz glänzenden Gebäudeblock: 40 Stockwerke hoch, neu, undurchsichtig. Tausende Journalisten werden dort bald übernachten. Es ist das Medienhotel der Spiele.

Bis es so weit ist, werden die fünf Häuser verschwunden sein, die noch am Rand von Vila Autódromo übrig geblieben sind. Sie gehören den letzten widerständigen Familien. Auch die katholische Kirche wurde bisher verschont. In dem Betonbau sitzt da Penha nun auf einer Holzbank in T-Shirt und Jeans. Ihre Habseligkeiten hat sie hierher gerettet: Möbel, Kleidung, Dokumente.

Maria de Penha ist eine schmale Frau mit kurzem Lockenschopf und fester Stimme. „Der Bürgermeister glaubt, dass man alles kaufen kann“, sagt sie. „Aber der Mensch, das ist seine Geschichte, Erinnerung, Gemeinschaft.“ Umgerechnet eine halbe Million Euro hat ihr das Rathaus angeboten, damit sie fortgeht. Sie lehnte ab. „Ich bin arm“, sagt sie. „Aber ich habe meine Füße hierhergesetzt, um zu bleiben.“

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