• Es geht um Untreue und Kreditvergehen. Im Prozess gegen die Führungsriege der Privatbank Sal. Oppenheim wird das Urteil erwartet.

Oppenheim-Prozess : 380 Millionen Euro zum Wohle der Bank

Das Erbe der Kölner Bank Sal. Oppenheim liegt in Trümmern. Der letzte Namensträger, Christopher Freiherr von Oppenheim, steht wegen Untreue und Kreditvergehen vor Gericht – am Donnerstag ist das Urteil zu erwarten. Ihm droht eine Haftstrafe.

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"Wir haben uns geduzt". Die vier Partner an der Spitze des Bankhauses Sal. Oppenheim. Friedrich Carl Janssen leitete das Risikomanagement und wurde in der Arcandor-Krise zum starken Mann des Vorstandes, Christopher Freiherr von Oppenheim stand dem Privatkunden-Bereich vor, Dieter Pfund stand der Investmentsparte in Frankfurt vor und Matthias Graf von Krockow hielt als Sprecher von Luxemburg aus den Kontakt zu Josef Esch.
"Wir haben uns geduzt". Die vier Partner an der Spitze des Bankhauses Sal. Oppenheim. Friedrich Carl Janssen leitete das...Foto: picture alliance / dpa

Nein, sagt Christopher von Oppenheim, daran könne er sich nicht erinnern. Er streicht sich mit der Hand nervös durch die Haare.

Nächste Frage.

Nein, auch davon wisse er nichts, sagt der 49-Jährige

Dasselbe bei der Frage, die dann folgt. Keine Erinnerung. Es sei ihm ja selbst unangenehm, meint der Baron, dass er das immer wieder sagen müsse. Er holt tief Luft, bevor er meint: Er habe damals hingenommen, wie es war, und oft nicht weiter nachgefragt.

Wissen will die Richterin Sabine Grobecker von Christopher von Oppenheim, von wem genau die Initiative für jenen 380-Millionen-Euro-Kredit ausging, mit dem sich das Bankhaus Sal. Oppenheim an das Schicksal des Arcandor-Konzerns kettete – mit verhängnisvollem Ausgang. Andere Institute des Gläubigerkonsortiums setzten sich bereits ab. Und Habe der Schritt nicht eigentlich von den Partnern in einem formalen Beschluss bestätigt werden müssen?

Christopher von Oppenheim müsste jetzt Namen nennen. Weil es doch nicht sein kann, dass in dieser Bank, deren Namen er selbst trägt, niemand entschieden habe. Doch Oppenheim weiß nicht zu helfen. Vielleicht entspricht es einfach nicht den Manieren der Familie von Oppenheim, anderen die Schuld zu geben, wenn das eigene Versagen unbestreitbar ist. Vielleicht will er vertuschen. Seine Gedächtnislücken stehen jedenfalls in eigenartigem Kontrast zu der Familientradition, die zu achten ihm früh beigebracht wurde und die vor allem von Erinnerung lebt.

Das beste Gedächtnis eines Bankers ist möglicherweise sein Konto. Was er auf Bankkonten nicht speichern kann, ist offenbar nicht wert, im Gedächtnis zu bleiben. Christopher von Oppenheim hat das meiste von dem, was er besaß, „am Ende wohl verloren“, wie er meint. Nun, in Saal 210 des Kölner Justizturms, hadert er damit, dass aus seinem Scheitern als Banker auch eine strafrechtliche Schuld erwachsen soll. Die Staatsanwaltschaft hat für ihn und seine Mitangeklagten Gefängnisstrafen über der Bewährungsgrenze gefordert. Am Donnerstag wird nach 127 Verhandlungstagen das Urteil gesprochen. Kriminell, sagt er, das sei „für mich eine neue und schockierende Kategorie“. Aus seiner Sicht ist er unbedenklicher mit Risiken umgegangen, als gut war, aber dennoch: zum Wohle der Bank.

Es ist ein Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte, das letzte Kapitel in der 220-jährigen Historie des unabhängigen Bankhauses Sal. Oppenheim. Nach dessen Beinahebankrott im Jahr 2009 müssen sich verantworten neben Christopher von Oppenheim der vormalige Bankvorstand Matthias Graf von Krockow, der Chef des Risikomanagements, Friedrich Carl Janssen, und der Leiter der Investmentsparte, Dieter Pfund. Es geht um den Vorwurf der Untreue und einen Schaden von etwas mehr als 100 Millionen Euro, den die Führungsriege dem Geldhaus in den zwei verhandelten Fällen eingebrockt haben soll. Eine Summe, die winzig erscheint, gemessen an den Summen, die durch Banken- und Euro-Krise seit 2008 vernichtet wurden und Zentralbanken wie die europäische veranlasst haben, mit Milliardenkrediten ganze Volksökonomien zu stützen.

Das Oppenheim-Drama ist da eher eine Fußnote. Es erzählt davon, wie eine Bank, die es eigentlich besser hätte wissen müssen, von der eigenen Hybris verschlungen wird.

Er sollte die Familientradition "fortführen", so verhieß es ihm sein Großvater

„Deine Zeit kommt noch.“ Mit diesem Satz hatte Alfred von Oppenheim, genannt „Alfie“ und letzter Bankpatriarch, seinen Sohn Christopher auf künftige Aufgaben vorbereitet. An den Wänden der Privatvillen hängen die Porträts früherer Banklenker. Die Erinnerung ist allgegenwärtig daran, dass Sal. Oppenheim die ersten Eisenbahnlinien finanziert und die industrielle Entwicklung im Rheinland vorangetrieben hat. Dass der Botanische Garten und der Zoo auf die Initiative der Familie zurückgehen. Dass sie die Gründung des Dombauvereins betrieb und die Colonia-Versicherung aufbaute. Heinrich Hertz, Entdecker der elektromagnetischen Wellen, entstammt ihren Reihen ebenso wie der Archäologe Max von Oppenheim, der das Deutsche Orientinstitut gründete.

An einem Tag hundert Millionen Euro verloren. Wegen Gutgläubigkeit. Dennoch habe Christopher von Oppenheim auch seiner Bank geschadet, sagt die Staatsanwaltschaft Köln.
An einem Tag hundert Millionen Euro verloren. Wegen Gutgläubigkeit. Dennoch habe Christopher von Oppenheim auch seiner Bank...Foto: dpa

Christopher von Oppenheim ist zwölf, als er das erste Mal den Glanz dieser Tradition aufstrahlen sieht. Sein Großvater hat zur Konfirmation des Jungen in den Kölner Stammsitz geladen. Das Fest ist groß, „ein wesentliches Erlebnis“ wird er es vor Gericht nennen. Denn vor den vielen Menschen ergreift sein Großvater das Wort. Die Botschaft an den Enkel ist eindeutig. Dass er „irgendwann in der Bank tätig sein und die Familientradition fortführen“ werde. Es wird vorausgesetzt, dass er das will.

Die Bank. Christopher von Oppenheim hat in ihr als Siebenjähriger privaten Chinesischunterricht erhalten. Während sein Vater Alfred die vermögende Elite des Landes empfing, büffelte der Grundschüler nebenan die schwierigste Sprache der Welt. Und er war sogar einer, dem das Studieren lag, das Weltferne und Versunkene früherer Epochen zog ihn in den Bann.

Zur Ausbildung wird er in das ebenfalls von einer Familie gelenkte Bankhaus MM Warburg nach Hamburg geschickt, wo er als einer galt „mit Knick in den Schuhen“, so sehr habe er stets auf Zehenspitzen gestanden. Er musste sich strecken. Nach einer Zwischenstation bei der Citigroup stieg der junge Baron 1992 bei Sal. Oppenheim ein. Im Jahr 2000 rückte er in den Kreis der persönlich haftenden Gesellschafter auf, verantwortlich für das Privatkundengeschäft. Das Vermögen seines Vater wurde da vom „Manager Magazin“ auf 4,6 Milliarden Euro geschätzt.

Wie sich erinnern, wenn man so vieles als selbstverständlich erachtet?

Er gehe „keiner Tätigkeit“ nach, gibt Christopher von Oppenheim vor Gericht an. Seine Einkünfte: unregelmäßig. Er ordne seinen Besitz, sagt er, „ein komplexes Konstrukt“, was bedeute, dass er Immobilien und Beteiligungen für Verbindlichkeiten abstoße, die ihm durch die Arcandor-Insolvenz entstanden sind. Im Strudel dieser Firmenpleite wäre auch Oppenheim untergegangen, ein Notverkauf an die Deutsche Bank konnte das Geldhaus 2009 retten. Doch die Eigentümerfamilien Oppenheim, Ullmann, Pferdmenges, Marx, Strasoldo und von Wrede, die sich für ihre Geschäfte und ihren großbürgerlichen Lebensstil Geld von der eigenen Bank liehen, sind nun Schuldner des neuen Inhabers. Und bei einigen, so heißt es, übersteigen die Forderungen die hinterlegten Sicherheiten bei Weitem.

Es liegt in Trümmern, was über Jahrhunderte das Geheimrezept der Familienbank war, der Zusammenhalt der Stämme, der gesellschaftliche Status. Dass es vermeidbar gewesen wäre, hat Christopher von Oppenheim zugegeben. Er gibt sich eine Mitschuld.

In das Bankhaus spazierten die erfolgreichsten Unternehmer des Landes und fühlten sich verstanden

Dabei nahm der Sturz seinen Anfang 1989 mit dem größten Deal der Firmengeschichte. Für drei Milliarden D-Mark verkaufte Alfred von Oppenheim die Colonia-Versicherung. Ein Coup. Das verschaffte der Bank die nötigen Mittel zur technischen Modernisierung. Die stille Bindung der Gesellschafter war auf Jahre hinaus gesichert, was Christophers Vater, wie er dem „Spiegel“ sagte, als sein „größtes Verdienst“ betrachtete. Er baute sein Haus in einen spezialisierten Anbieter von Finanzdienstleistungen um und band die edelsten Unternehmerfamilien des Landes an sich. Diese investierten große Summen ihrer Millionenvermögen in zum Teil geschlossene Immobilienfonds, die die Bank gemeinsam mit dem Immobilienentwickler Josef Esch als exklusive Anlagemodelle auflegte. Es finden sich Namen wie die des Schuhimperiums Deichmann unter den Investoren, des Autoteilezulieferers Benteler, der Douglas-Besitzer Kreke, des Verlegers Neven DuMont, des Bankerben Wilhelm von Finck sowie zuletzt des SGL-Carbon-Chefs Robert Koehler. Solche Kunden umwirbt jede Bank. Bei Sal. Oppenheim, dem Traditionshaus, gegründet im Jahr der Französischen Revolution, fühlten sie sich aufgehoben, verstanden von Leuten, die selbst große Privatvermögen besaßen, mit Geld also offenkundig umzugehen wussten.

Nun klagen sie in etlichen Zivilverfahren, nicht angemessen über Risiken aufgeklärt worden zu sein. Darunter frühere Topbanker anderer Institute. Wie gerade vor ihnen Investitionsrisiken verschleiert werden konnten, ist eine pikante Frage. Allerdings haben Gerichte zwei ehemaligen Bankern der Deutschen Bank bereits Recht gegeben. Einer hatte als Zeichner eines Oppenheim-Esch-Fonds hohe Summen in den Kauf und die Renovierung des Karstadt-Hauses in Potsdam gesteckt, das der Konzern dauerhaft mieten sollte. Was der Kläger Axel Pfeil nicht erfuhr, dass die Mietgarantie nur durch verdeckte Zahlungen an Karstadt zugesichert werden konnte. Mit der Pleite des Unternehmens war diese Garantie hinfällig - und der Kläger sah offenbar die Chance, sich seine Geld zurückzuholen. Denn im Übrigen war er auch nicht von der Abmachung zwischen Fonds und Karstadt unterrichtet worden, Einsparungen bei den Baukosten nur unter sich aufzuteilen. Die Investoren blieben außen vor.

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