Prozess um illegales Autorennen in Berlin : Warum Raser die Schuld bei anderen suchen

Hamdi H. hält sich für einen großartigen Fahrer, auch wenn er einen Menschen totgerast haben soll. Am Montag fällt in Berlin das Urteil. Besuch in einer Szene, in der Tempo alles ist.

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Mit Tempo 160 soll Hamdi H. unterwegs gewesen sein. Beim Zusammenstoß mit einem Jeep starb ein 69-jähriger Rentner.
Mit Tempo 160 soll Hamdi H. unterwegs gewesen sein. Beim Zusammenstoß mit einem Jeep starb ein 69-jähriger Rentner.Britta Pedersen/picture alliance

Bei seinen Sitzungen mit der Gutachterin ist Hamdi H. gefragt worden, wie er einen guten Autofahrer charakterisiere. Seine Antwort: „Das ist einer, der schnell durch jede Kurve kommt.“ Die Gutachterin wollte ihm eine Brücke bauen, erinnerte daran, dass er gerade einer Verkehrspsychologin gegenübersitze. Sie hoffte, er würde noch irgendwie auf Werte wie Rücksicht oder Toleranz kommen, vielleicht waren sie ja tief in seinem Hinterkopf vergraben. Aber da war einfach nichts.

Im Gerichtssaal hat Hamdi H. bei der Verlesung der Anklage geweint. Er ist schmächtig, sieht jünger aus als 27, hat kurzes, dunkles Haar. Die Nacht, in der er einen Menschen getötet haben soll, liegt mittlerweile ein Jahr zurück. Stimmt das Bild, das sich aus den mehr als 40 Zeugenaussagen ergibt, raste er am 1. Februar 2016 mit seinem weißen Audi A6 über den Berliner Kurfürstendamm und die Tauentzienstraße, dabei mehrfach über Rot. Er wollte schneller sein als sein Kontrahent Marvin N. im Mercedes. Auf Höhe der Nürnberger Straße soll er schließlich mit 160 Kilometern pro Stunde gegen einen einbiegenden Jeep geprallt sein. 70 Meter wurde der fremde Wagen durch die Luft geschleudert, der Fahrer, ein 69-jähriger Rentner, starb am Unfallort.

An den 13 bisherigen Prozesstagen hat der Angeklagte konsequent geschwiegen. Doch in der Justizvollzugsanstalt Moabit, wo Hamdi H. seit März einsitzt, hat er sich der Verkehrspsychologin Jacqueline Bächli-Biétry anvertraut. Sie sollte herausfinden, ob Hamdi H. grundsätzlich für die Teilnahme am Straßenverkehr geeignet ist.

Er glaubt, er könne kilometerweit vorausschauen

Zwei Mal saßen sie sich in einem kahlen Raum gegenüber, hohes Fenster, ein Tisch, vier Stühle. Sie fragte ihn, ob das nicht gefährlich sei, auf einer Hauptverkehrsstraße über Rot zu fahren. Er antwortete, es habe doch nun wirklich niemand damit rechnen können, dass mitten in der Nacht noch andere Verkehrsteilnehmer aus Querstraßen kommen. Berlin sei schließlich seine Stadt, die kenne er auswendig. Überhaupt sei er ein derart guter Fahrer, dass er im Straßenverkehr kilometerweit vorausschauen könne. Er sagt tatsächlich kilometerweit.

Wegen Fahrern wie Hamdi H. gibt es in deutschen Innenstädten immer wieder tödliche Unfälle bei illegalen Autorennen. Außer in Berlin starben zuletzt Menschen in Hamburg, Bremen, Saarlouis, Ludwigshafen und Frankfurt am Main, in Köln gleich drei. Politiker und Verkehrsexperten streiten darüber, wie sich die Serie der Todesfälle stoppen lässt, wie illegale Rennen verhindert werden können. Dabei geht es auch um die Frage, was die Raser antreibt.

Der Fahrer hat sich maßlos überschätzt

Die Psychologin beschreibt Hamdi H. als einen Mann, der seine Fahrfertigkeiten maßlos überschätze, um damit sein schwaches Selbstbewusstsein auszugleichen. Sie sagt, das sei typisch für die Raserszene. Deren Mitglieder, meist Männer zwischen 18 und 30, definierten sich über ihr Auto und ihren riskanten Fahrstil. Weil sie sonst wenig Perspektiven im Leben hätten. Hamdi H. stammt aus dem Kosovo, kam als Kind mit seinen Eltern nach Berlin. Schwierige Jugend, abgebrochene Lehre, arbeitslos. Lange Vorstrafenliste. Er wohnt noch bei seinen Eltern in Moabit. Den Audi kaufte er gebraucht. Die Staatsanwaltschaft glaubt, das Geld dafür habe er sich zusammengeraubt und gestohlen. Der Vater sagt, es handle sich um Erspartes. Andere Raser gehen Leasingverträge ein.

Der Angeklagte hat sich zu einem IQ-Test bereit erklärt. Mit 94 liegt er im unteren Normbereich. Auffällig sei, sagt die Psychologin, dass Hamdi H. in seinem Leben Schuld stets bei anderen suche, sich selbst als Opfer sehe. „Externalisieren“ heißt das in der Fachsprache. Auch die Tatsache, dass durch sein riskantes Verhalten ein Mensch starb, habe er bis heute nicht wirklich begriffen. Definitiv sei dieser Mann nicht für den Straßenverkehr geeignet.

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