Putin auf der Krim : Im Gleichschritt in die Vergangenheit

In Kiew, Moskau und Tiraspol feiern die Veteranen den Tag des Sieges über den Faschismus. Doch fast 70 Jahre nach dem Krieg droht nun ein neuer.

Oliver Bilger, Nina Jeglinski,Jutta Sommerbauer
Veteranen jubeln in Donezk bei den Feierlichkeiten zum 9. Mai Foto: Marko Djurica/Reuters
Schwer beladen. Veteranen bejubeln in Donezk den Sieg über Nazi-Deutschland. Präsident Putin hat die Feierlichkeiten zum 9. Mai...Foto: Marko Djurica/Reuters

Das Militärorchester hat gerade die letzten Takte der ukrainischen Hymne beendet und hebt zum Siegesmarsch an, da stürmen zwei bullige Männer auf den Dirigenten zu. Sie rempeln ihn an, werfen seine Kappe zu Boden. Was das solle, die Hymne der Ukraine, also der Faschisten, an diesem Tag zu spielen? „Wir wollen die russische Hymne hören“, brüllt der Mann im Tarnanzug. Ein paar Musiker hören auf zu spielen, flüchten, die Melodie bricht ab. Keiner der Polizisten schreitet ein.

Wie jedes Jahr feiert Donezk den 9. Mai, den Tag des Sieges der Sowjetarmee gegen Nazideutschland. In Moskau, in der Ukraine und auch in Transnistrien wird an diesem Tag marschiert. In Donezk, wo die Siegesfeierlichkeiten traditionell vor dem Denkmal der „Befreier des Donbass“ stattfinden, will keine rechte Feierlaune aufkommen. Die Menschen denken derzeit eben eher an Krieg als an Frieden. Auch am Freitag sind bei Kämpfen zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischen Soldaten mehrere Menschen getötet worden.

Die meisten Geschäfte im Zentrum haben geschlossen

Die Stimmung in Donzek ist entsprechend angespannt. Die meisten Geschäfte und Restaurants im Zentrum haben geschlossen, die Busse haben ihren Dienst eingestellt, viele Einwohner bleiben aus Angst vor Zwischenfällen lieber zu Hause. Die Leute wollen keinen Ärger haben. Es gibt offizielle Warnungen, an diesem Tag mit ukrainischen Fahnen oder Schleifen in den Landesfarben auf die Straße zu gehen.

Eben noch hat der Donezker Bürgermeister Aleksander Lukjantschenko, der trotz des Drucks der Separatisten seinen Posten nicht räumt, an die etwa 1000 Umstehenden appelliert. „Lassen wir kein neues Blutvergießen zu“, ruft er ins Mikrofon. „Ich glaube an die Klugheit und Kraft des ukrainischen Volkes.“ Eine Schweigeminute für die im Krieg getöteten Soldaten folgt. Die Gäste erheben sich, auch die Veteranen, die auf Stühlen aufgereiht vor der Tribüne sitzen. Es sind alte Männer, deren Anzugjacken ausgeleiert sind von den vielen Orden. Alte Damen in Kostümen, mit frisch gefärbtem Haar und rotem Lippenstift. Sie alle halten Nelken, Tulpen, Rosen in der Hand, die ihnen die Jungen mit dem Glückwunsch „S Dnjom Pobedy“ in die Hand drücken. Es werden jedes Jahr weniger.

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