Russland und Transnistrien : Droht die nächste Krise?

Der Zwergstaat Transnistrien hat bereits vor Jahren abgestimmt, und das Ergebnis war eindeutig: Fast alle hier wollen zu Russland gehören. Die Ukraine-Krise gibt ihnen neuen Auftrieb.

Oliver Bilger
Gegenwärtige Geschichte. Vor dem Parlament in Tiraspol steht ein alter sowjetischer Panzer, Spielplatz und Erinnerung zugleich.
Gegenwärtige Geschichte. Vor dem Parlament in Tiraspol steht ein alter sowjetischer Panzer, Spielplatz und Erinnerung zugleich.Foto: Narayan Mahon/Redux/laif

Das Schlachtfeld hat Sergej Alexandrowitsch Smiritschinskij gegen den Schreibtisch getauscht. Zwei Notizblöcke liegen darauf, der Lüfter eines großen Laptops brummt, hinter einem Drucker hat der hochgewachsene Mann mit den schneeweißen Haaren ein Fähnchen an die Wand geschoben: rot-grün-rot gestreift, darauf Hammer und Sichel. Es ist die Flagge der Pridnestrowskaja Moldawskaja Respublika, wie der Zwergstaat Transnistrien, der seit 1992 für seine Anerkennung kämpft, offiziell heißt.

Smiritschinskijs Schreibtisch steht in einem wenige Quadratmeter großen Büro im Zentrum der 150 000 Einwohner zählenden Hauptstadt Tiraspol. Die Wände sind gelb gestrichen. Besonders repräsentativ ist es nicht, das Büro des Vorsitzenden der Gesellschaftskammer, des offiziellen Bindeglieds zwischen Bürgern und der politischen Führung. Seit 22 Jahren kämpft Smiritschinskij von hier aus für ein und dasselbe Ziel: „Den Schutz und die Entwicklung Transnistriens“, wie er es nennt.

Was er meint, ist ein Zwei-Stufen-Plan: erst eine internationale Anerkennung seines Landes, dann der möglichst schnelle Anschluss an Russland. Die Bevölkerung kann er dabei hinter sich wissen. Bereits 2006 sprachen sich 97 Prozent der Transnistrier für die Eingliederung in die Russische Föderation aus. Sie hoffen, 222 Jahre, nachdem der russische Feldherr Alexander Suworow die Stadt Tiraspol 1792 im Südwesten des Reiches von Zarin Katharina der Großen gegründet hatte, das 86. „Föderationssubjekt“ Russlands zu werden.

Ungelöster Konflikt

Diese Pläne verursachen mancherorts – spätestens seit der Krise in der Ukraine – allerdings großes Unbehagen. Weil seit dem Bürgerkrieg 1992 in Transnistrien noch immer russische Soldaten stationiert sind – etwa 1500 sollen es sein – wächst in der Republik Moldau, im angrenzenden Rumänien und noch weiter im Westen jetzt die Angst, dass sich ein ähnliches Szenario wie auf der Krim, also erst ein Referendum und dann der Anschluss an Russland, wiederholen könnte. Nato-Oberbefehlshaber Philip Breedlove hält sogar einen Durchmarsch russischer Truppen aus der Ukraine bis nach Transnistrien für möglich.

Smiritschinskij hätte nichts dagegen. 55 Jahre ist er heute alt. Im Bürgerkrieg war er Kompaniechef des Milizbataillons in der stark umkämpften Bezirksstadt Dubossary. Mit Orden und Medaillen hat man ihn geehrt. Am Revers des dunkelblauen Sakkos steckt ein kleines Logo mit Sowjetstern und Bajonett. Es ist das Zeichen der Veteranenbruderschaft von 1992. Die alten Kämpfer gehen manchmal in Schulen, um die Jugendlichen ebenfalls zu Patrioten Transnistriens zu erziehen.

Vor dem Bürgerkrieg war Transnistrien Teil der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Während die Sowjetunion auseinanderfiel, spaltete sich Transnistrien ab, was die Regierung in der Hauptstadt Chisinau verhindern wollte. Allein auf transnistrischer Seite starben mehr als 800 Menschen. Nach Monaten des Kampfes ruhten zwar die Waffen, gelöst ist der Konflikt aber bis heute nicht. Der schmale Landstrich, eingequetscht zwischen dem gemächlich ins Schwarze Meer fließenden Dnjestr und der Ukraine, ist seitdem trotzdem faktisch unabhängig. Etwa eine halbe Million Menschen lebt in der Region, die Mehrheit davon spricht Russisch. Es gibt einen Präsidenten und eine Nationalhymne, Grenzposten und als Währung den transnistrischen Rubel. Nur die Anerkennung anderer Staaten fehlt. Erst vor ein paar Tagen appellierte der Präsident der selbst ernannten Republik an die Europäische Union, sein Land anzuerkennen. Das Parlament wandte sich in einer Resolution an Russland und die Vereinten Nationen.

Moskau unterstützt Transnistrien

Moskau unterstützt Transnistrien seit vielen Jahren mit Geld und günstigem Gas. Ohne die Hilfe könnte der Staat nicht existieren. Schulsystem, Polizei, Militär und vieles mehr ist bereits nach Moskauer Vorbild strukturiert. In den Wohnzimmern laufen russische Fernsehprogramme. Der Geheimdienst trägt den Namen KGB, das Parlament, wenige Minuten zu Fuß von Smiritschinskijs Büro entfernt, heißt „Oberster Sowjet“. Davor stellten sie eine große, steinerne Leninfigur auf. „Wir sind Russen“, sagt deshalb auch Smiritschinskij. „Ein Land, eine Nation.“

Stolz auf das sowjetisch-russische Erbe Transnistriens ist nicht nur in den Räumen der Gesellschaftskammer zu hören, sondern auch draußen auf den Straßen von Tiraspol. Die Menschen sagen, dass sie schon „lange auf ein Szenario wie auf der Krim warten“. Also auf einen Anschluss. Eine Frau um die 50 erklärt: „Alle hoffen darauf.“

So richtig will aber niemand an schnelle Lösungen glauben. Denn Russland hätte die kleine Region, etwa eineinhalb Mal so groß wie das Saarland, im Grunde längst aufnehmen können.

Tatsächlich hat aber selbst Russland Transnistrien nicht als souverän anerkannt. Sollte die Region nicht mehr wie ein Stachel in der Republik Moldau sitzen, hätte Moskau kaum noch Einfluss auf Moldau, dessen Regierung einen klaren Kurs in Richtung Europa fährt. Vor wenigen Tagen erst besuchte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier die Hauptstadt Chisinau, um die Republik Moldau an die EU zu binden. Im Juni soll ein Assoziierungsabkommen formuliert werden. Deshalb will selbst Russlands Präsident Wladimir Putin eine Lösung des Konflikts in regelmäßig tagenden internationalen Runden finden. Am Ende soll auch aus offizieller russischer Sicht nicht die Anerkennung Transnistriens als Staat stehen, sondern nur anerkannte und weitreichende Autonomierechte der Region in den bestehenden Grenzen von Moldau.

Von einem Anschluss an Russland erhoffen sich die Menschen ein besseres Leben. Transnistrien ist eine der ärmsten Regionen in Europa. Auf der Suche nach besseren Jobs und mehr Perspektiven haben in den vergangenen 25 Jahren mindestens 200 000 Menschen ihre Heimat verlassen. Sie gehen nach der Schule, spätestens nach dem Uni-Abschluss, meist nach Russland oder in die Ukraine, seltener in den Westen – dafür fehlen Möglichkeiten, Wissen und Interesse.

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