Stadtumbau : Platte vor dem Aus: Moskau erfindet sich neu

Es ist ein Projekt gigantischen Ausmaßes: Moskaus Regierung will die Plattenbauten aus den 60er und 70er Jahren abreißen. Der Plan spaltet die Bevölkerung. Unser Blendle-Tipp

Kein Thema bewegt die Moskauer gerade so sehr wie der Abriss der Chruschtschowkas
Plattenfreund. Kein Thema bewegt die Moskauer gerade so sehr wie der Abriss der Chruschtschowkas. Alle paar Tage gibt es...Foto: Natalia Kolesnikova/AFP

Nein, keine Namen. Muss nicht sein, sagen die Frauen auf dem Hof. Es sind um die zehn, in der vergangenen Viertelstunde ist alle paar Minuten eine dazu gekommen, und solange sie den Schutz der Anonymität genießen, wollen sie gern reden. Über Moskau, über die große Politik und ihre Auswirkungen auf die kleinen Leute, hier unten im Hof an der Ulitsa Glagolewa, umgeben von zwei Plattenbauten, von denen keiner weiß, wie lange sie noch da sein werden.

In ein paar Wochen oder Monaten könnten auch hier die Bagger auffahren und ihr Werk beginnen, es trägt den bürokratisch-harmlosen Namen „Renowazija“, Renovierung. Aber was ist schon harmlos an der Bürokratie, besonders an der russischen? Eine Frau im geblümten Kleid drängt sich nach vorn. Eine stolze Babuschka von Mitte sechzig oder Ende siebzig, so genau kann man das nicht sagen. „Du bist doch auch einer von denen“, flüstert sie. Pardon, einer von wem? „Na, von den Regierungsbeamten. Sag deinen Leuten, dass sie mich in Ruhe lassen sollen. Ich bleibe in meiner Wohnung!“

Fast jeden Tag eine Demo

Moskau renoviert, und die Arbeiten dafür fallen etwas umfangreicher aus, als das bei gewöhnlichen Sanierungen der Fall ist. EU-Sanktionen hin, Putin und Trump her – kein Thema bewegt die Moskauer in diesen Tagen so sehr wie der Stadtumbau, den Bürgermeister Sergej Sobjanin mit Unterstützung des Staatspräsidenten auf den Weg gebracht hat. Alle paar Tage gibt es Demonstrationen und seit ein paar Wochen auch eine Facebook-Seite mit dem hübschen Namen „Ich liebe meinen Fünfgeschosser“.

Gestritten wird über ein Projekt von gigantischen Ausmaßen. Um die Beseitigung der Chruschtschowkas, der ältesten Serien-Immobilie Russlands. Schmucklose Wohnhäuser, in ihrer überwiegenden Mehrheit fünf Stockwerke hoch und aus Beton-Fertigteilen, hochgezogen unter der Regentschaft von Nikita Chruschtschow in den späten 50er und frühen 60er Jahren. Von September an sollen 4000 Chruschtschowkas abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Betroffen ist die Lebensgrundlage einer halben Million Menschen. Auf Berliner Verhältnisse umgerechnet würde das bedeuten, die Wohnungen aller Neuköllner auszutauschen und die ihrer Kreuzberger Nachbarn gleich dazu.

Wird es, wie von offizieller Seite versprochen, in Zukunft niemandem schlechter gehen?

Da gehen Ansichten auseinander, auch unter den Frauen auf dem Hof im Nordwesten Moskaus. Es ist früher Abend, kurz nach sieben. Die Jüngeren kommen gerade aus dem Büro, einige balancieren Einkaufstüten in den Händen, zwei ältere sitzen auf einer Bank und füttern Spatzen. Ein Idyll aus Beton. Vorn ein grauer Kasten und hinten einer, in der Mitte ein ovales Versorgungsgebäude. Schule, Kindergarten und Spielplätze sind ebenso fußläufig zu erreichen wie die Apotheke und der Supermarkt. Jeden Morgen kommt die Putzkolonne. Von der nahen Metrostation Poleschajewska ist man in 20 Minuten am Roten Platz. Für Westeuropäer mag die Platte den Charme grauer Schlafstädte verströmen. Für die Moskauer ist es eine begehrte Wohngegend.

Sie stehen für die "gute Sowjetunion"

Die Chruschtschowkas sind über ganz Moskau verteilt. Ein bisschen weiter außerhalb wie an der Ulitsa Glagolewa, aber auch in begehrten Wohnlagen der Innenstadt oder am Ufer der Moskwa. Sie waren Vorbild für die Wohnungsbauprogramme in der gesamten sozialistischen Welt, auch für die Plattenbausiedlungen in der DDR, Wohnvierteln wie Halle-Neustadt, Jena-Winzerla oder Berlin-Marzahn. Mit den Chrutschtschowkas stirbt ein bisschen von dem, was die Russen als „gute Sowjetunion“ in Erinnerung haben. Als damals die Baubrigaden anrückten, wurden sie als Vollbringer beispielloser Wohltaten gepriesen. Das Programm beseitigte auf für die Planwirtschaft ungewöhnliche schnelle Weise die dramatischsten Folgen der Wohnungsnot und gewann vor allem bei jungen Familien viele Sympathien.

Lange her. Was vor einem halben Jahrhundert als begehrenswerter Standard einer neuen Zeit gefeiert wurde, empfinden heute viele als Symbol der Rückständigkeit. Die Chruschtschowkas bröckeln in ihrer tristen Gleichförmigkeit vor sich hin, die Räume sind nur 2,50 Meter hoch und schlecht isoliert. Es gibt keine Aufzüge, keine Keller, keine Dachböden. Die Küchen sind so winzig, dass die Installation eines Kühlschrankes bei gleichzeitiger Verwendung eines Herdes einer logistischen Meisterleistung gleichkommt. „Eine größere Küche wäre schon schön“, seufzt eine der Frauen auf dem Hof.

Ein Riss geht durch die Generationen in ganz Moskau wie auch im Mikrokosmos an der Ulitsa Glagolewa....

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