Terroranschlag bei Würzburg : Ende einer Flucht

Ein junger Flüchtling aus Afghanistan steigt in eine Regionalbahn und richtet mit einer Axt ein Blutbad an. Sein Motiv: Hass auf die Ungläubigen - und Verzweiflung.

von und Gisela Schmidt
Terrornacht. Der Attentäter setzte sich im Regionalzug erst neben seine Opfer, dann attackierte er sie mit einer Axt. Auf der Flucht wurde der junge Islamist von der Polizei erschossen.
Terrornacht. Der Attentäter setzte sich im Regionalzug erst neben seine Opfer, dann attackierte er sie mit einer Axt. Auf der...Foto: dpa

Es ist ein Blick wie in ein Schlachthaus. Durch das Fenster des Regionalzuges offenbart sich das ganze Ausmaß der Tat. Der sonst graue Boden ist blutverschmiert, Fußabdrücke darin zeugen von den flüchtenden Passagieren. Die Spur des Blutes setzt sich draußen fort. Hinunter zum Ufer des Main. Dann ist Schluss. Hier hat die Polizei in der Nacht zu Dienstag den Täter erschossen. Hier starb Riaz Khan A., 17 Jahre alt, afghanischer Flüchtling, seit vergangenem Jahr in Deutschland, nachdem er in einem Zug in der Nähe von Würzburg-Heidingsfeld mit einer Axt auf vier Menschen eingeschlagen hatte.

Am Tag danach ist vieles unklar, nur eines sicher: der islamistische Terrorismus hat auch die Provinz erreicht.

IS veröffentlicht Droh-Video

Ja, sagt der bayerische Innenminister, Joachim Hermann von der CSU, der Täter sei „zwar ein gläubiger Muslim“ gewesen, aber nicht regelmäßig in die Moschee gegangen, „nur zu wichtigen Feiertagen“. Mittlerweile geht die Staatsanwaltschaft von einem politisch motivierten Verbrechen aus. Der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) veröffentlichte am Dienstag ein Video in sozialen Netzwerken.

Es ist mit einem Handy aufgenommen und zeigt Riaz Khan A. in weißem Gewand. Er hält ein Messer in der Hand und kündigt Rache an für die Taten der „Ungläubigen gegen meine muslimischen Brüder und Schwestern“. Schon kurz nachdem die Nachricht von der Attacke um die Welt ging, hatte der IS behauptet, Riaz Khan A. sei einer seiner Soldaten. Gefallen im Krieg gegen den Westen.

"Sie trugen die Verletzten durch unseren Garten"

Dieser Krieg schien lange weit weg zu sein. Und ist jetzt mitten in der unterfränkischen Provinz angekommen. Melanie Göttle und Günter Karban stehen auf ihrem kleinen Grundstück in Heidingsfeld, es grenzt direkt an die Bahngleise, der Garten ist umwuchert von Brennnesseln. „Vor ein paar Stunden war hier alles voll Blut“, sagt die Frau. „Aber die Feuerwehr hat die Straße noch in der Nacht abgespritzt.“ Göttle kann sich erinnern, dass sie kurz nach 21 Uhr Hilferufe gehört hat, dass sie mit ihrem Mann hinausstürmte und mit bloßen Händen das Gestrüpp abriss, damit die Menschen aus dem Zug durch ihren Garten fliehen konnten. Auf der Straße drängten sich Polizeiautos, Notarzt- und Feuerwehrfahrzeuge. „Die Sanitäter haben die Verletzten auf Tragen durch unseren Garten zu den Krankenwagen gebracht“, erzählt Melanie Göttle. Sie selbst, ihr Mann und einige Nachbarn halfen, brachten Decken und Tücher. Im Hof des Nachbarhauses bekamen die geschockten Zuginsassen Getränke und Süßigkeiten. Dann schickte die Polizei die Anwohner in ihre Häuser.

Sein Beil hatte er im Rucksack versteckt

Den Täter hat Göttle nicht gesehen. Doch den Anblick eines Opfers wird sie nie mehr vergessen. „Der asiatische Mann hat ganz furchtbar ausgeschaut“, sagt sie, „ich hoffe so sehr, dass er den Angriff überlebt.“ Es war wohl eine Familie aus Hongkong, auf die Riaz Khan A. mit seinem Beil losging. Zeugen wollen gesehen haben, dass er in den Zug gestiegen sei. Seine Waffen hatte er offenbar im Rucksack verstaut. Er ging kurz auf die Toilette, als er herauskam , hatte er das Messer in der einen und die Axt in der anderen Hand, verletzte den Vater, 62 Jahre, die Mutter, 58, und die Tochter, 26. Am schlimmsten soll es deren Freund ergangen sein. Offenbar rammte A. ihm die Axt in den Bauch, die Mutter wurde am Kopf getroffen. Erst durch die Schreie bemerkten die anderen Fahrgäste, was passierte. Die Mitarbeiterin des Asylbewerberheimes in Ochsenfurt, wo Riaz Khan A. bis vor zwei Wochen noch untergebracht gewesen war, befand sich zufällig ebenfalls im Zug und rief schließlich die Polizei. Der Notruf wurde aufgezeichnet, dreimal hört man Riaz Khan A. darauf schreien „Allahu Akbar“, Gott ist groß.

"Ich mach dich fertig, du Schlampe!"

Schließlich zog jemand die Notbremse, der Zug stoppte in Heidingsfeld auf offener Strecke, direkt hinter dem kleinen „Röthenweg“. Augenzeugen berichten, wie A. in dem Waggon zu Boden stürzte und dann, mit der blutigen Axt in der Hand, aus dem Zug sprang, am Grundstück von Göttle vorbeirannte, flüchten wollte. Am Mainufer traf er zwei Frauen, die mit ihrem Hund spazieren waren. Eine wird später aussagen, er habe die beiden von hinten attackiert, gerufen „Ich mach dich fertig, du Schlampe!“ So jedenfalls berichtet es der zuständige Staatsanwalt. Der anderen Frau schlug A. die Axt zwei Mal ins Gesicht, verletzte sie lebensgefährlich.

Erst um 23 Uhr waren Schüsse zu hören. Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei, das nur zufällig in der Nähe war, weil es Jagd auf Drogendealer machte, hatte die Verfolgung aufgenommen. Angeblich habe Riaz Khan A. die Beamten angegriffen und sei daraufhin erschossen worden. Ob das der letzte Ausweg war, wie Innenminister Herrmann sagt, oder der Junge nicht auch mit einem Schuss in die Beine hätte gestoppt werden können, wie die Grünen-Politikerin Renate Künast auf Twitter gemutmaßt hatte, soll jetzt das Landeskriminalamt ermitteln.

Hilflose Helfer. Im Kolping-Heim in Ochsenfurt kümmerten sich die Mitarbeiter um den Afghanen, der fast zum Mörder wurde. Nach der Tat besuchen Polizisten das Haus.Foto: dpa
Hilflose Helfer. Im Kolping-Heim in Ochsenfurt kümmerten sich die Mitarbeiter um den Afghanen, der fast zum Mörder wurde. Nach der...Foto: dpa

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind besonders anfällig

Doch wie so oft in diesen Tagen bleibt die Frage, wie der junge Mann sich derart radikalisieren konnte.

Die Attacke beunruhigt die Sicherheitsbehörden gleich mehrfach. Denn zum dritten Mal in diesem Jahr hat ein Jugendlicher mit mutmaßlich religiösem Motiv einen Anschlag verübt. Und es war einer jener Flüchtlinge, die ohne ihre Eltern oder sonstige Familienangehörige nach Deutschland gekommen sind. Diese unbegleiteten Flüchtlinge gelten als besonders anfällig für Heimweh, psychische Verstimmungen und Radikalisierung.

Und: Die Waffe war eben keine aufwendig gebastelte Bombe. Die Behörden haben es geahnt, dass die Aufrufe von IS und Al Qaida, mit einfachsten Mitteln die Ungläubigen zu attackieren, irgendwann auch Gehör finden würden. Erst recht nach dem Anschlag in Nizza mit einer „Waffe“, wie sie alltäglicher kaum sein könnte – ein Lkw.

Behörden rechnen mit Nachahmungstaten

„Die Gefahr einer Nachahmertat ist jetzt noch höher“, sagte bereits vergangenen Freitag ein Sicherheitsexperte. Und in einer Lagemeldung vom Montag warnte das Bundeskriminalamt, „sollte sich eine islamistische Motivation des Täters bestätigen, belegt der Anschlag in Nizza die bestehenden Einschätzungen der Bundessicherheitsbehörden, dass auch Anschläge durch Einzeltäter unter Nutzung von einfach zu beschaffenden Tatmitteln zu befürchten sind“. Am selben Tag griff Riaz Khan A. zur Axt.

Eigentlich, heißt es bei den Geheimdiensten, müsse man sich wundern, dass nach all der Hasspropaganda, die etwa der IS im Netz verbreitet, in Deutschland nicht schon mehr geschehen ist. Bereits im September 2014 hatte der „Sprecher“ des IS, Abu Mohammed al Adnani, in einer Audiobotschaft im Internet Anhänger weltweit gedrängt, allein loszuschlagen. „Wenn ihr keine Bombe zünden oder eine Waffe abfeuern könnt, seid schlau und wisst euch mit anderen Mitteln zu helfen“, sagte er damals. Einen Ungläubigen könne man auch so angreifen: „Zerschmettert seinen Kopf mit einem Stein, schlachtet ihn mit einem Messer, überfahrt ihn mit einem Auto, werft ihn von einem hohen Platz nach unten, erwürgt oder vergiftet ihn.“

Es ist schon der dritte Anschlag in Deutschland

Allein in diesem Jahr gab es drei mutmaßlich islamistische Anschläge. Am 26. Februar läuft die 15-jährige Safia S. im Hauptbahnhof Hannover hinter zwei Bundespolizisten her. Das Mädchen mit dem Kopftuch kommt den Beamten komisch vor, sie fragen nach den Personalien. Safia S. sagt nichts – und zieht ein Messer. Blitzartig sticht sie einem der Beamten in den Hals. Die Polizei kann Safia S. überwältigen, der Beamte wird mit einer Notoperation gerettet. Bei den Ermittlungen kommt bald heraus, dass Safia S. im Januar in der Türkei war, um nach Syrien zu gelangen und sich dem IS anzuschließen. Die Mutter holte sie zurück. Doch die Jugendliche hatte in der Türkei offenbar schon Kontakte zu IS-Leuten geknüpft. Noch in Istanbul habe sich Safia S. von Mitgliedern des IS überzeugen lassen, in Deutschland eine „Märtyreroperation“ für die Organisation durchzuführen, teilte die Bundesanwaltschaft im April mit.

Nur einen Tag nach dieser Meldung aus Karlsruhe kommt der nächste Schlag. Am 16. April, es ist ein Sonnabend, werfen zwei türkischstämmige 16-Jährige, Yusuf T. und Mohammed B., in Essen einen Sprengsatz in den Eingang eines Sikh-Tempels. Dort wird gerade eine Hochzeit gefeiert. Die Bombe explodiert, drei Menschen werden verletzt, einer von ihnen schwer. Sicherheitsexperten sind entsetzt. „Die gewalttätigen Salafisten werden immer jünger“, sagt einer, „das ist eine dramatische Entwicklung“. Und die 16-Jährigen handelten offenbar nicht alleine. Die Polizei nahm im Ruhrgebiet und in Münster weitere junge Männer fest, die den Anschlag mit vorbereitet haben sollen.

"Kämpfer schwingen die Kalaschnikow und demütigen ihre Opfer"

Den schlimmsten islamistischen Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik hat ein Mann verübt, der im juristischen Sinne nur knapp älter war als ein „Heranwachsender“. Der Kosovare Arid Uka erschießt am 2. März 2011, drei Wochen nach seinem 21. Geburtstag, am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzt zwei weitere schwer. Es ist bislang der einzige islamistische Angriff in Deutschland, bei dem Menschen starben. Womöglich war Uka der Prototyp des jungen Einzeltäters.

Was Riaz Khan A. zu seinem Amoklauf getrieben hat, können die Ermittler nur vermuten. Zum einen sei die Propaganda des IS gerade für junge, pubertierende Männer höchst attraktiv. „Da wird mit Machoposen Stärke demonstriert, Kämpfer schwingen die Kalaschnikow und demütigen ihre Opfer“, sagt ein Sicherheitsexperte. Jugendliche, die sich schwach fühlen, sähen sich aufgewertet, wenn sie sich zu so einer Organisation bekennen. So könnte es zumindest bei Riaz Khan A. gewesen sein.

Ermittler fanden zwei Briefe, verfasst in Paschtu

Verfassungsschützer verweisen zudem auf Salafisten, die gezielt unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ansprechen. In Aschaffenburg, nur 80 Kilometer von Würzburg entfernt, sei da eine Gruppe im vergangenen Jahr „sehr rege“ gewesen. Die „Islamische Jugend Aschaffenburg“ habe junge Flüchtlinge zu Treffen mit Predigern wie Pierre Vogel und Sven Lau eingeladen. Möglicherweise, sagt ein Sicherheitsexperte, habe eine „Radikalisierung nach dem Schneeballprinzip“, also über Mund-zu-Mund-Propaganda auch Riaz Khan A. in Würzburg erreicht.

Riaz Khan A. war in Passau registriert worden, kam in einem Asylbewerberheim bei Würzburg unter, seit zwei Wochen lebte er bei einer Pflegefamilie. Ermittler fanden in seinem Zimmer eine selbst gemalte IS-Flagge. Kurz ist der Pflegevater am Telefon zu sprechen: „Wir müssen die Geschehnisse erst einmal verarbeiten und wollen uns dazu nicht äußern“, sagt er. Ruhig sei Riaz Khan A. gewesen, sagen Leute, die ihn kannten. „Ein ausgeglichener Mensch“, der gerade ein Praktikum absolvierte und sogar eine Lehrstelle in einer Bäckerei in Aussicht hatte. Kürzlich hat ihn die Nachricht erreicht, dass ein guter Freund von ihm in Afghanistan ums Leben gekommen sei. Die Polizei fand am Dienstag zwei auf Paschtu verfasste Briefe in Riaz Khan A.s Kleidung. Es waren Abschiedsgrüße an seinen Vater.

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