Umzug wegen Hartz IV : Über ihre Verhältnisse

Als sie von den Plänen für die Sanierung hört, ahnt sie, was ihr blüht. Da ist sie schon arbeitslos. Um die steigende Miete zahlen zu können, versetzt sie einen Ring. Ein Armband. Doch das wird nicht reichen. Die Geschichte eines Zwangsumzugs.

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Auf eine Häuserwand hat jemand "Scheiß Miete" gesprüht
Seit 2011 mussten mehr als 2000 Berliner Hartz-IV-Haushalte umziehen. Meist ordnete das Jobcenter den Umzug an, nachdem die Miete...Foto: imago/Christian Mang

Mit der Kündigung in der Manteltasche fährt Karen Bürger* ins KaDeWe. 100 Gramm Krabbensalat und eine Scheibe von der Gänseleberpastete. Fingerdick. Zu Hause schneidet sie Brot, zündet eine Kerze an, deckt den Tisch. Ein Teller, Messer, Serviette. Jetzt nur nicht verwahrlosen. Als sie sitzt, ist auch die Angst da. Kriecht mit jedem Bissen in ihr hoch. Wie soll es weitergehen? Da weint sie, endlich, erst leise, dann laut, bis sie nichts mehr schmeckt, keinen Appetit mehr hat.

„Damals habe ich genau diesen Moment gefürchtet“, erzählt sie. Hinter ihr tragen zwei muskelbepackte Männer den schweren Esstisch aus der Wohnung. Das wäre dann das letzte große Teil, der Bauernschrank ist schon unten, das Klavier ist längst verkauft. Karen Bürger zieht um. Weil sie sich ihr Zuhause nicht mehr leisten kann. Erst wurde sie arbeitslos. Dann lebte sie von Erspartem. Dann bekam sie Hartz IV. Doch diese Wohnung hier ist größer, als ihr zusteht, kostet mehr Geld, als das Amt ihr zahlt. Karen Bürger lebte über ihre Verhältnisse. Eine Weile ging das gut. Dann ging es noch. „Jetzt geht es nicht mehr“, sagt sie.

Karen Bürger, klein, kräftige Wangenknochen, kurzes dunkles Haar, zog 1996 mit ihrem Mann in das Haus ein, das sie jetzt verlassen muss. Damals war die Fassade grau und unverputzt, „wie in der DDR“, sagt sie, doch dies war Westdeutschland: Kreuzberg an der Grenze zu Schöneberg, eine ruhige Straße abseits des Trubels. Von Anfang an hatten sie sich heimisch gefühlt. Karen Bürger und ihr Mann kloppten die Kacheln eigenhändig aus dem Badezimmer, in dem es noch Ofenheizung gab, machten alles neu. Dass dies eine Mietwohnung war, störte sie nicht. Sie wollten lange bleiben.

Ihr Mann verließ sie. Seitdem zahlt sie für zwei

Kinder bekamen sie keine. Sie konnte nicht. Darum reichten die 82 Quadratmeter gut. „Wir hatten uns damit abgefunden, dass wir zu zweit bleiben würden, mein Mann und ich“, sagt sie. Ihren Mann, so nennt sie ihn, doch verheiratet waren sie nie. Als sie sechs Jahre hier wohnten, ging er. Hatte eine Jugendliebe wiedergetroffen. Einige Monate danach erfuhr sie, dass er doch noch Vater werden würde. Seither lebt Karen Bürger allein.

In Deutschland beziehen 4,3 Millionen Menschen Hartz IV, offiziell Arbeitslosengeld II genannt. In Berlin sind es 305 000, mehr als 16 Prozent der Bevölkerung. 70 000 von ihnen, heißt es beim Berliner Mieterverein, leben in einer Wohnung, die außerhalb des vom Gesetz als angemessen definierten Kostenrahmens liegt. Seit 2011 mussten deshalb mehr als 2000 Haushalte umziehen. In den meisten Fällen ordnete das Jobcenter den Umzug an, nachdem die Miete gestiegen war.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Haus, in dem Karen Bürger zurückblieb, sehr verändert. Erst wurde es leuchtend gelb gestrichen, dann baute man das Dach aus, man riss Wände ein, legte Sisal ins Treppenhaus. Über die neuen großen Briefkästen freute Karen Bürger sich noch, auch wenn das „Brigitte“-Abo da schon gekündigt war. Als sie von den Plänen für die energetische Sanierung hörte, ahnte sie, was ihr blühte. Da war sie schon arbeitslos. Man kann sagen, ihr Leben entwickelte sich konträr zu dem des Hauses: Je glanzvoller das Gebäude wurde, desto glanzloser wurde das Dasein hinter der Tür im zweiten Stock links.

408 Mal bewirbt sie sich – vergeblich

Karen Bürger hat Bürokauffrau gelernt. Ihre letzte Anstellung hatte sie in der Verwaltung eines größeren Berliner Unternehmens. Ihr finanzieller Niedergang begann, als eine neue Geschäftsführung entschied, ihren Arbeitsbereich „auszulagern“: Bürger wurde gekündigt, betriebsbedingt. 2011, da war sie 51. „Ich hatte gedacht, dass sie mich anderswo einsetzen würden“, sagt sie. Aber der neue Chef bat sie nur noch, alles abzuwickeln – für einen „sauberen Abgang“. An den Wortlaut erinnert sie sich genau.

In einem dunkelgrünen Leitz-Ordner hat sie die Kopien aller Bewerbungen abgeheftet, die sie seit jenem Tag geschrieben hat. 408 Anschreiben – Belege für ihre Bemühungen, vergebliche. Als sie anfängt, ihre Wohnung aufzulösen, schmeißt sie den Ordner in den Müll.

Statistisch gesehen sinkt die Wahrscheinlichkeit, einen Job zu finden, mit der Vollendung des 50. Lebensjahres deutlich. Deshalb gesteht der Gesetzgeber Menschen, die über 50 sind, länger Arbeitslosengeld I zu. Doch nach 15 Monaten stellt die Arbeitsagentur auch bei Karen Bürger die Zahlungen ein. Nun muss sie ihr „Vermögen verwerten“.

„Geerbt habe ich nicht“, sagt Karen Bürger. Holt ein Foto ihrer schönen, jungen Mutter hervor. Die starb, als sie elf war. Ihr Vater, 84, lebt mit seiner langjährigen Partnerin in Tschechien. „Hat selber nichts.“ Gespart hat sie auch nicht, seit ihr Mann weg ist. „Von da an zahlte ich die Miete, die wir teilen wollten, ja für zwei.“

Karen Bürger macht Kassensturz. Sie kündigt die Hausratversicherung, meldet den alten roten Fiat ab, der auf dem Gebrauchtwagenmarkt noch 450 Euro bringt. Der Bausparvertrag trägt sie über fünf Monate, das Sparbuch über drei. Zuletzt löst sie auch ihre Lebensversicherung auf. Noch immer hofft sie auf einen Job.

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