Ungeklärter Kriminalfall : Das Boot

Vor 15 Jahren verschwanden zwei Kanuten auf dem Rheinsberger See. Ein Unfall? Ein Verbrechen? „Etwas stimmt nicht“, sagt Jörg Ellmann. Und sucht noch immer nach Antworten.

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Ohne Ergebnis. Nach dem Verschwinden von Ulrich B. und Thomas R. startete die größte Suchaktion der Brandenburger Kriminalgeschichte.
Ohne Ergebnis. Nach dem Verschwinden von Ulrich B. und Thomas R. startete die größte Suchaktion der Brandenburger...Foto: Karlheinz Schindler, p-a/ZB

Die alte Version hört sich zu einfach an. Das merkt Jörg Ellmann schon damals. Seitdem sucht er nach Fehlern der Ermittler – und nach Antworten auf all die offenen Fragen. 15 Jahre, einen Monat und elf Tage dauert die Suche, dann erstattet Ellmann am 10. Februar 2014 eine Anzeige gegen unbekannt: Verdacht der Strafvereitelung im Amt.

Vor ein paar Tagen, die Sonne knallt, steht Ellmann am Ufer des Großen Rheinsberger Sees im Brandenburger Norden. Ein Unfallort, ein Tatort? Vor mehr als 15 Jahren soll es hier passiert sein: Zwei Paddler durchstoßen mit ihrem Kanu eine Eisdecke, das Boot reißt auf, sinkt, beide ertrinken. So die von den Behörden verbreitete Version.

Ein Jahr lang werden die Leichen der Männer gesucht, gefunden werden sie nicht. Strafvereitelung würde bedeuten, ein Ermittler habe Hinweise auf ein Verbrechen nicht beachtet.

Die Geschichte kann nicht stimmen, sagt er

Ellmann hält sich die Hand über die Augen, die Sonne blendet, feiner Schweiß auf seiner Stirn: „Die Geschichte mit dem Boot kann nicht stimmen“, sagt er.

An diesem Sommertag liegt der See spiegelglatt im sattgrünen Laubwald des Naturparks Stechlin-Ruppiner Land. Hier beginnt die Mecklenburger Seenplatte, seit 100 Jahren strömen Wassersportler, Angler und Wanderer aus Berlin in die Region. Unter Kanuten ist es die beliebteste Region Deutschlands.

Auch Jörg Ellmann, 62 Jahre, graue Stoppeln, T-Shirt, Brille, paddelt gern. Drei Boote besitzt er. Südlich von Rheinsberg hat er sich 1994 ein Fachwerkhaus gebaut. In der DDR war er Leichtathlet, jahrelang als Leistungssportler. Ellmann gehörte zu den Entwicklern der Jugendsendung „Elf 99“, die in der DDR zum Kult wurde. Als Sportreporter arbeitete er später für Sat 1, recherchierte zu Doping, Schiebungen, Gerangel hinter den Kulissen des Profisports.

Heute arbeitet Ellmann als Hochschullehrer für TV-Publizistik. Ein hartnäckiger Mann, der nun anderen Hartnäckigkeit beibringt.

Sie wollen Silvester in der Natur verbringen

Die Geschichte mit dem Boot, die Ellmann zufolge nicht stimmen kann, beginnt am 29. Dezember 1998 in Berlin. Ulrich B., 31, Gewässerökologe, wohnt in Prenzlauer Berg. In jenen Dezembertagen besucht ihn ein Freund: Thomas R., 25 Jahre alt, Student der Geophysik aus Freiberg in Sachsen. Die beiden waren mit Paddelbooten in Nordamerika unterwegs, jetzt wollen sie Silvester in der Natur verbringen. Freunden erzählen sie von einer Tour bis nach Mecklenburg. Mit einem von einem Bekannten geliehenen Faltboot brechen sie am Morgen des 29. Dezember auf: per Taxi zur S-Bahn, dann bis Oranienburg, dort in den Zug nach Rheinsberg, wo die beiden nach 14 Uhr ankommen. Vom Bahnhof aus stiefeln sie durch die Stadt.

Rheinsberg ist nicht nur idyllisch, sondern mit 9000 Einwohnern auch klein, so dass die beiden Spaziergängern auffallen. Selbst in einer Wassersportstadt ziehen im Dezember – es herrschen sechs Grad – nicht alle Tage zwei Männer ein zusammengepacktes Faltboot durch die Straßen.

Sie bauen ihr Boot vor dem Schloss auf. Dort, wo es verboten ist

Anders als andere Paddler bauen sie ihr Kanu am Ufer des Grienericksee direkt am Rheinsberger Schloss auf. Auf dem Rasen dort ist das untersagt, vor allem aber ist es unpraktisch: Das Ufer besteht aus einer hohen Kante.

Nur 150 Meter weiter südlich gibt es eine von den meisten Paddlern genutzte Stelle, an der Boote bequem ins Wasser gelassen werden können. Hier kann man auch – das ist kein Geheimnis – anders als auf dem Schlossrasen ungestört in die Büsche urinieren, bevor man stundenlang im Kanu sitzt. Ellmann fragt: „Wollten die beiden also gesehen werden?“

Gemutmaßt haben das in Rheinsberg damals einige. Zwei erfahrene Kanuten beladen ihr Boot umständlich aber öffentlichkeitswirksam direkt am Schloss? Sicher, es klingt ungewöhnlich, aber nicht vollkommen absurd. „Doch da kommt noch mehr“, sagt Ellmann.

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