Von Nazis bis zu Autonomen in Berlin : Tom Schreiber - der Mann, der sich mit allen anlegt

Nazis, Hells Angels, kriminelle Clans und Autonome: Der Berliner SPD-Abgeordnete Tom Schreiber scheut vor niemandem zurück. Von den meisten Kollegen wird er dafür verhöhnt. Zu Recht?

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Tom Schreiber, 37, vor dem Kriminalgericht Moabit.
Tom Schreiber, 37, vor dem Kriminalgericht Moabit.Foto: Mike Wolff

Gerade war der Mann wieder hier. Schmächtig, grimmiger Blick, Trainingshose. Er blieb auf dem Bürgersteig vor Tom Schreibers Wahlkreisbüro stehen und spuckte gegen die Fensterscheibe. Als Schreibers Mitarbeiter fragte, was dies denn solle, drohte der Mann, er könne auch gleich ein paar Fressen einschlagen. Es ist nicht das erste Mal, dass er Ärger macht. Er wohnt im selben Gebäude, oben im ersten Stock. Tom Schreiber sagt: „Das ist unser kleiner Haus-Nazi.“

Das Büro liegt in der Köpenicker Wendenschloßstraße, gegenüber vom BVG-Betriebsbahnhof. Hinten in der Küche stehen zwei weiße Metallzylinder auf der Ablage. Überwachungskameras, eben erst ausgepackt. Die werden Tom Schreiber und sein Mitarbeiter jetzt anbringen, und zwar so, dass jeder, der künftig das Büro betritt, gefilmt wird.

Es gab in den vergangenen Monaten einfach zu viele Vorfälle. Der Typ, der die Tür eintrat. Zwei Unbekannte, die den Hitlergruß zeigten. Der beschmierte Briefkasten. Und dann der Mann, der drinnen mit der bloßen Hand auf den Schreibtisch einschlug. Ein fingerlanger Riss in der Holzplatte ist geblieben. „Zum Glück nur von Ikea“, sagt Schreiber. Er wird vielleicht einen Blumentopf draufstellen.

Das hätte Tom Schreiber, 37, nicht gedacht: dass er sich als Landespolitiker mal darum kümmern muss, in welchem Winkel eine Kamera an die Wand gehört und ob sich Splitterschutzfolie für Fensterglas lohnt. Dass jede Stunde ein Streifenwagen der Polizei vorfährt. Andererseits, das kann man so sagen, hat sich Tom Schreiber die Anfeindungen und Drohungen gegen ihn hart erarbeitet.

Er ist Sprecher seiner Fraktion für Verfassungsschutzfragen, vor allem aber ist er derjenige im Abgeordnetenhaus, der am lautesten und häufigsten all denen den Kampf ansagt, mit denen man sich eigentlich besser nicht anlegt. Den Rechtsextremen, den Linksextremen, Rockerklubs wie den Hells Angels und den kriminellen arabischen Clans. Über die Razzien gegen Mitglieder der Familie Al-Z., die kürzlich in Berlin in 16 Objekten durchgeführt werden, sagt Schreiber: „Ein guter Schritt, aber nur ein Anfang. Entscheidend wird sein, ob es zu Anklagen und Urteilen kommt.“

Störenfried oder rechts?

In der CDU gilt Tom Schreiber als Aufschneider, als penetranter Störenfried, der keine Gelegenheit auslässt, gegen Innensenator Frank Henkel zu keilen. Unter Linken ist Tom Schreiber der rechte SPD-Mann, der mit „Law and Order“ Karriere machen will. Welche Seite ist näher an der Wahrheit, Herr Schreiber?

„Keine“, sagt er. „Ich denke, ich habe schlicht einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.“ Klingt ein bisschen pathetisch. Ob man ihm das glauben kann?

Die Rigaer Straße im Wandel der Zeit
Nichts Besonderes, nur ein Feuerchen in der Rigaer Straße. Die Feuerwehr rückt an, wird mit Flaschen beworfen. Ein Streifenwagen hält, dann fährt ein Mannschaftswagen vor. Gebrüll, Sprechchöre, das Geräusch von zersplitterndem Glas. Eigentlich ist alles wie immer auf dem "Dorfplatz" Ecke Liebigstraße. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos aus Friedrichshain und der Rigaer Straße an leserbilder@tagesspiegel.de!Weitere Bilder anzeigen
1 von 94Foto: Henning Onken
22.05.2017 10:58Nichts Besonderes, nur ein Feuerchen in der Rigaer Straße. Die Feuerwehr rückt an, wird mit Flaschen beworfen. Ein Streifenwagen...

Tom Schreiber behauptet, es sei für ihn unerträglich, dass sich jeder Durchschnittsbürger in dieser Stadt an lästige Vorschriften halten müsse - während andere davon faktisch ausgenommen seien, weil Politik und Polizei den Konflikt scheuten. Zum Beispiel die Bewohner der linken Wohnprojekte in der Rigaer und Liebigstraße in Friedrichshain, mit denen er sich seit Monaten öffentlich befehdet. Warum sollen für deren Kneipen keine Brandschutzbestimmungen gelten, warum sollen die keine Steuern zahlen?

Seine Gegner twittern unter #tomduarsch

Die Autonomen werfen Schreiber Geltungssucht und Hetze vor. Auf Twitter erfanden sie den Hashtag #tomduarsch. Mitte Februar wollte Schreiber mit einem Reporter vom „Focus“ vor den fraglichen Häusern aufmarschieren, dort für ein Foto posieren. Er informierte die Polizei, die stellte zwei Beamte als Begleitung ab, elf weitere hielten sich bereit, um notfalls einzugreifen.

Jetzt wird Kritik laut, Schreiber binde unnötig Polizeikräfte, um Wahlkampf zu machen. Er selbst sagt: Ist es nicht schräg, dass darüber diskutiert wird, ob ein Abgeordneter sich nicht besser aus bestimmten Gegenden fernhalten sollte - dass es für ihn No-go-Areas gebe, weil es weniger Aufwand bedeute? „Das wäre doch irre“, sagt er. Und dass er sich bei dem Termin, diesen Satz sagt er wirklich, ein bisschen vorgekommen sei wie ein italienischer Staatsanwalt.

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