Wahl des Bundespräsidenten : Eine Übung in Demut für die Union

Es ist bunt und lebendig und ein bisschen wie Klassentreffen. Da fällt es kaum auf, dass sich bei der Wahl des Bundespräsidenten die AfD der demonstrativen Gemeinsamkeit verweigert.

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In meine Arme. Nach der Wahl gehörte der noch amtierende Bundespräsident Joachim Gauck zu den ersten Gratulanten.
In meine Arme. Nach der Wahl gehörte der noch amtierende Bundespräsident Joachim Gauck zu den ersten Gratulanten.Foto: REUTERS, Fabrizio Bensch

Der Mann in der ersten Reihe rührt keinen Finger zum Applaus. Rund um ihn herum klatschen fast alle. Aber Horst Seehofers Hände bleiben fest ineinander verkrampft auf dem Pult. Die Wahl des Bundespräsidenten ist ja eigentlich mehr ein feierliches Ereignis. Doch der Präsident des Bundestages hat das Recht auf eine Einführungsrede, und Norbert Lammert nutzt es nach Kräften. Über die Gefahren für die Demokratie spricht er, über eine Welt in Unordnung und sehr deutlich über den neuen Mann im Weißen Haus. „Wer Abschottung anstelle von Weltoffenheit fordert und sich sprichwörtlich einmauert“, sagt Lammert, wer „Wir zuerst“ zum Programm erkläre, dürfe sich nicht wundern, wenn es ihm andere gleichtäten. Ein tosender Applaus brandet auf, dann erheben sich sogar die meisten der mehr als 1200 Männer und Frauen im Plenarsaal unter der Reichstagskuppel. Die Bundesversammlung wird zur Kundgebung der versammelten deutschen Parlamente gegen Donald Trump. Nur die AfD klatscht wieder nicht. Und Horst Seehofer nicht. Als Lammert „Abschottung“ sagte, ist dem CSU-Chef das Blut förmlich ins Gesicht geschossen. Als ob er gemeint gewesen wäre.

Seehofers Gesicht erzählt viel über diesen Tag

Das dunkelrote Gesicht erzählt viel über diesen Tag, der, wie gesagt, ja eigentlich ein feierlicher ist. Im Reichstag dominiert der dunkle Anzug, hier und da auch die festliche Tracht. Eine Frau trägt ihr niedersorbisches Festgewand mit weißer Spitzenhaube. Dagmar Wöhrl von der CSU kommt im Dirndl, was der Kollege Hans-Peter Friedrich gleich im Selfie festhalten muss. Der schrillorangefarbene Haarputz der Dragqueen Olivia Jones harmoniert komischerweise ziemlich gut mit Angela Merkels senfhellgrünem Kostüm. Jogi Löw verursacht Kameratrauben. Kurz, es ist bunt und lebendig und ein bisschen wie Klassentreffen: Ach Mensch, der Friedrich Merz, lange nicht gesehen!

Alle Mitglieder des deutschen Bundestages und eine gleiche Zahl von Delegierten aus den Bundesländern kommen zusammen, um das Staatsoberhaupt zu wählen – mehr Demokratie, rein zahlenmäßig betrachtet, geht nicht. Man findet zwar immer wieder Leute, die fordern, dass das Amt im Schloss Bellevue vom Volk direkt besetzt werden sollte; der Kandidat der Freien Wähler, der „Fernsehrichter“ Alexander Hold, hat sich damit noch schnell ins Gespräch gebracht. Aber in einer repräsentativen Demokratie stünde das nach ausnahmsweise einmal praktisch einhelliger Auffassung der Staatsrechtler allzu schräg zum sonstigen System.

Und die Wahlmänner und Wahlfrauen haben sich ihrer Aufgabe ja bisher immer gewachsen gezeigt. Oben auf der Ehrentribüne verfolgt Joachim Gauck die Wahl seines Nachfolgers. Der scheidende Präsident bekommt den ersten großen, starken, stehenden Applaus des Tages, als Lammert ihm dankt für die fünf Jahre. Gauck erhebt sich, neigt kurz dankend den Kopf, setzt sich wieder – aber so schnell wollen die da unten ihn nicht abhaken. Sie applaudieren einfach weiter. Außer der AfD. Das Trüppchen auf seinen Stühlen ganz rechts außen im Plenarsaal will demonstrativ nicht teilhaben an der Gemeinsamkeit. Aber das Trüppchen ist hier und heute eine Randerscheinung, trotz eigenem Präsidenten-Kandidaten. Deren gibt es insgesamt fünf, eingeschlossen den Vater des Berufsspaßvogels Martin Sonneborn. Der hat, der Papa Engelbert, allerdings schon eine Australienreise für den Tag der Amtseinführung des neuen Staatsoberhaupts gebucht, was von realistischer Einschätzung der eigenen Chancen zeugt.

Die neue SPD-Strategie: gute Laune

Nein, realistische Chancen hat hier heute nur einer: Frank-Walter Steinmeier, bis vor Kurzem Bundesaußenminister, Sozialdemokrat. Womit wir wieder bei der schlechten Laune des Horst Seehofer wären. Die hat Lammert mit seiner Rede noch speziell angestachelt, aber als Grundstimmung teilt sie der CSU-Chef mit der gesamten Fraktion von CDU und CSU. Das Hochfest der Demokratie im Reichstag wird an diesem Sonntag für die Union zur Übung in Demut. Und die Übung wird doppelt schwer durch den aufreizenden Frohmut, der neuerdings bei den Sozialdemokraten herrscht. „Neue Strategie mal“, ulkt der frühere SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, als er am Morgen über die Fraktionsebene huscht, wo alle Parteien den letzten Zählappell abhalten. „Neue Strategie mal – gute Laune!“

Am Samstagabend vor dem Wahltag lädt die SPD ihre Delegierten in die große Lagerhalle des „Westhafen Event & Convention Center“ in Wedding zum Empfang. Das hat Tradition, schon damit die von fern angereisten Landesdelegierten sich nicht im Berliner Großstadtdschungel verirren. Dass der Empfang zum Jubelfest gerät, hat bei der SPD seit Längerem keine Tradition mehr. Gerät er aber. „Unsere beste Party seit Langem“, freut sich ein Abgeordneter.

Auf der Bühne feiert Sigmar Gabriel

Auf der Bühne feiert Sigmar Gabriel den Kanzlerkandidaten, der „den neuen Aufbruch“ symbolisiere, und damit ein bisschen als Kandidatenmacher auch sich selbst. Martin Schulz feiert seine eigene Wirkung („Wir sind die Partei, die auf dem Weg zum Wahlsieg ist“). Die Schauspielerin Iris Berben lobt den künftigen Präsidenten und Steinmeiers Ehefrau Elke Büdenbender, die dessen neuer Aufgabe „keine familiäre Opposition“ entgegensetze. Und dann singt der sozialdemokratische Wahlmann und Schlagerstar Roland Kaiser, und die SPD tanzt.

Am Sonntag steht Torsten Albig im Foyer des Bundestages, während drinnen die Stimmen ausgezählt werden. Was ein Erfolg Steinmeiers im Jahr der Bundestagswahl für die SPD bedeute? „Schaden wird es uns jedenfalls nicht“, sagt der SPD-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Das ist glatte Tiefstapelei. Sie haben ihren Kandidaten durchgesetzt gegen die widerstrebende Kanzlerin. Angela Merkel und Horst Seehofer nahmen die Niederlage in Kauf als missliche, aber letztlich unschädliche Schramme auf dem Weg zum damals noch sicher erscheinenden Wahlsieg.

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Steinmeier macht den Deutschen Mut
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