Wahlkampf der Kanzlerin : Die Wahl wird zur Abstimmung über Angela Merkel

Wer diesen Wahlkampf für langweilig hält, hat ihn nie auf Marktplätzen erlebt. Hier zeigt sich, dass einen Unterschied macht: ob Angela Merkel am Sonntag als Siegerin hervorgeht – oder nur gewinnt.

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Ihretwegen glaubt die Welt, Deutschland sei nicht zu erschüttern.
Ihretwegen glaubt die Welt, Deutschland sei nicht zu erschüttern.Foto: Tobias Schwarz/ AFP

Die Frau in der blauen Jacke setzt ihre Kaffeetasse ab und legt unvermittelt los. Vor dem Eiscafé auf der Hafenmole zucken die Leute zusammen. So ein ruhiger Spätsommernachmittag in der alten Hansestadt Wismar, Urlaubsrentner fotografieren Räucherfischverkäufer und vorwitzige Möwen – die Frau in Blau passt eigentlich gut in diese Nachsaison-Behaglichkeit, wie sie da in der Sonne vor dem Kuchenteller sitzt neben der Freundin mit der golden glänzenden Handtasche. Nur sind die beiden nicht zum Kaffeeklatsch gekommen, sondern um zu randalieren. „Ich hab’ mir die alle angeguckt, alle Wahlsendungen“, sagt die Frau. „Ich war bei der FDP und der AfD – ich sag’ Ihnen! Aber ich will ja höflich bleiben!“ Die beiden stehen auf. Um die Ecke in der ehemaligen Markthalle wird gleich Angela Merkel reden. Die Frau in Blau will sich dorthin stellen und „Hau ab!“ schreien.

Wer behauptet, in diesem Wahlkampf liege keine Spannung, kann ihn nicht erlebt haben. Gut, die Spannung ist nicht so vordergründig wie im klassischen Western. Wer das Duell für sich entscheidet, erscheint seit Wochen klar. Merkel erwähnt ihren Herausforderer bei keiner ihrer Reden. Eigentlich ist das ein Quarantäne-Trick aus dem Arsenal der politpsychologischen Kriegsführung. Mittlerweile wirkt es wie die schulterzuckende Lagebeschreibung. Zu den wenigen Wetten, die man vor dem Wahltag getrost eingehen kann, gehört die Prognose, dass Martin Schulz nicht Kanzler wird.

Ironischerweise schafft genau das den Raum für die andere Art von Spannung, die über den letzten Wochen liegt. Wo der SPD-Kanzlerkandidat als Widersacher in den Schatten tritt, drängen sich andere und anderes vor. Potenzielle Partner zum Beispiel – oder die Frau in Blau. Und indirekt wird bei alledem immer eine Frage mitverhandelt: ob Angela Merkel als Siegerin dieser Wahl hervorgeht – oder ob sie bloß gewinnt.

Klaus Schüler schaut schmunzelnd auf das Gewusel zu seinen Füßen. Der schmale 60-Jährige mit dem Schnauzbärtchen geht seit drei Jahrzehnten im Konrad-Adenauer-Haus ein und aus. Seit zehn Jahren managt er als Bundesgeschäftsführer Merkels Wahlkämpfe. Was Schüler an diesem Sonntagnachmittag an der Brunnenstraße sieht, gefällt ihm. Im „#fedidwgugl-Haus“ („Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“) stürmen Dutzende Kinder zur Treppe für ein Gruppenfoto mit der Kanzlerin.

Die erste Kinder-Pressekonferenz

Der Bau soll sonst das „begehbare Wahlprogramm“ der CDU darstellen. Er reizt mit seiner Mischung aus Digitalspielereien in bröckelnder Infrastruktur unwillkürlich zur Satire. Heute ist aber Familientag. Die Security-Leute zucken jedes Mal zusammen, wenn im Gedränge ein Luftballon mit lautem Knall zerplatzt. Merkel gibt ihre erste Kinder-Pressekonferenz. Eifrige Zehnjährige stellen ernste Fragen („Was woll’n Sie gegen den Klimawandel insgesamt tun?“), ernsthafte Achtjährige begehren Auskunft über die Lieblingsfarbe – das helle Blau des Rittersporns – oder „warum Sie Kanzlerin geworden sind“.

Tja. Gute Frage eigentlich. Merkels Antwort geht am Kern vorbei – wer CDU-Chefin werde, müsse auch Kanzlerin werden wollen –, aber das, liebe kleine Clara, ist auch bei Erwachsenen-Pressekonferenzen oft so. Als Merkel vor Jahresfrist nach längerer Bedenkzeit erklärte, dass sie nach zwölf Jahren ein viertes Mal antritt, kam auf die Frage nach dem Warum ja amtlich auch nur irgendsowas mit der Digitalisierung.

In die nicht amtliche Antwort dürften Dinge wie „die Anführerin der freien Welt“ eingegangen sein, zu der sie der britische „Guardian“ im ersten Trump- Schreck ausrief. Aber vermutlich hat auch das Gefühl eine Rolle gespielt, dass eine CDU-Chefin nach Flüchtlingskrise und Wahlkatastrophen nicht einfach von Bord gehen kann. Da war noch etwas gutzumachen und zu beweisen, sich selbst, Deutschland, der Partei. Und dem Seehofer natürlich. Dem Orban. Dem Erdogan. Dem Trump ...

Merkel wird ja gerne zugeschrieben, dass sie Dinge von hinten her zu Ende denkt. Im Nachhinein lässt sich vieles so lesen. In Wahrheit ging sie im Herbst ins Unbekannte und ins Risiko.

Das wurde schlaglichtartig klar, als die SPD Martin Schulz auf die Bühne zauberte. Der „Schulz-Effekt“ war in Wahrheit das Maß für die Sehnsucht nach der Alternative zur Kanzlerin. Merkel hat sich damals nichts anmerken lassen, aber sie hatte einen Heidenrespekt. Kein Wunder ja auch. Ihr Gegner war nie der Martin aus Würselen. Ihr Gegner war viel gefährlicher: sie selbst nämlich, gespiegelt in der Hoffnung auf einen Merkel-Bezwinger.

Sie nahm den Effekt noch ernst, als der Hype längst gebrochen und vorbei war. Merkel hat dem real existierenden SPD-Kandidaten bis zum letzten Tag konsequent jede Chance verstellt, mit irgendetwas in Vorhand zu kommen. Schulz besucht Flüchtlingshelfer in Süditalien? Merkel ruft aus dem Wanderurlaub in Rom an und sagt Regierungschef Gentiloni Hilfe zu. Pflegenotstand? Seit sie zwei Pfleger in TV-Bürgerdialogen vor aller Augen in die Defensive trieben, enthält ihre Standardrede eine Passage zur Pflege: Kümmern wir uns drum!

Zum Themenklau gehören immer zwei

Schulz muss sich vorgekommen sein wie der Hase im Wettlauf mit dem Igel. Andererseits – zum Themenklau gehören immer zwei, darunter einer, der sich ungestraft beklauen lässt. An dem Punkt hatte die CDU-Chefin schlicht Glück. Die SPD ist keine visionäre Partei, und ihr Herausforderer im Speziellen war zeitlebens ein Mann der Mitte und der kleinen Schritte. Im Grunde sind sich die zwei ähnlich in ihrer pragmatisch-hemdsärmeligen Art. So gesehen mag das TV-Duell als Show mau gewesen sein – im Innersten wahrhaftig war es schon.

Wollte man die politische Landschaft Deutschlands also versuchsweise einmal plattentektonisch beschreiben, säßen Schulz und Merkel auf derselben Scholle. Der Große Merkel’sche Grabenbruch verläuft an einer anderen Stelle durch das Land. Seine Linien lassen sich im Wahlkampf nur erahnen. Auch wie groß die Platte ist, die sich vom bundesrepublikanischen Festland abgesprengt hat, wird sich erst am Sonntag zeigen.

Aber der Verdacht treibt viele um, dass sie größer ist als die Kartierer der Umfrageinstitute vermessen. Man muss nur die Frau in Blau anschauen. Materiell leidet sie sichtlich keine Not. Die Wut, die in ihr rumort, hat wenig mit Rentenpunkten und Miethöhen zu tun, dafür viel mit dem Gefühl, nicht mehr den Ton anzugeben. Eine randständige Mitte, der bürgerliche Anstandsregeln gleichgültig werden – selbst Merkels erzkonservative Kritiker machen schon besorgt Reklame für die ungeliebte Chefin: „Für Wertkonservative ist die AfD nicht wählbar“, mahnt der „Berliner Kreis“ die Schwankenden.

Am Dienstagnachmittag marschieren in Wismar Polizeitrupps in schwarzer Montur auf. Die Markthalle am alten Hafen, heute ein Eventbau für Kulturveranstaltungen, ist weiträumig mit Gittern abgezäunt. Eigentlich sollte die Kanzlerin auf dem Marktplatz auftreten. Am Montag teilt die CDU-Zentrale eine Änderung mit: Man geht in den Saal, so wie später am Abend auch in Schwerin.

Regen ist nicht angesagt, die Verlegung hat also mit anderen atmosphärischen Störungen zu tun. Seit Merkel ihre Tour über Dörfer und Städte begann, begleiteten sie „Merkel muss weg“-Plakate, Brüllchöre und Trillerpfeifen. Spätestens seit dem Krawall von Torgau, bei dem hunderte Störer die Kanzlerin niederbrüllten, wurden die Proteste zum eigenständigen Thema. Braut sich da, fragten eindringlich die Bilder in der „Tagesschau“, ein Wutsturm zusammen?

Bataillone der NPD

Die Bilder gingen mit dem zweiten Phänomen einher, das den Wahlkampf in seiner Schlussphase jetzt immer stärker prägt. Eben weil der Zweikampf der Großen als Schauspiel nichts mehr hergibt, ist auf der öffentlichen Bühne viel Platz für andere. Einer fühlt sich da pudelwohl – Christian Lindner spielt sein Spiel vom seriös temperierten Merkel-Zähmer mit bravouröser Cleverness.

Die anderen wissen den Raum auch zu nutzen. Alexander Gauland hat in seinem reputierlichen Lebensabschnitt eine Zeitung herausgegeben, die seine Anhänger heute wahrscheinlich der „Lügenpresse“ zurechnen. Der Mann weiß, wie man Medien mit dosiertem Skandal füttert. Aber auch der Rest der AfD hat den Umgang mit den Mechanismen schnell gelernt. Seit der Dauermeldungsstrom über die Sprüche und Skandale von Gauland, Weidel und Co. anschwillt, steigen ihre Umfragewerte. Die Bilder tun ihr Übriges. Merkel in der Halle, das ist ein Notbremsmanöver.

Die atmosphärischen Störungen finden natürlich trotzdem statt, nur halt draußen vor der Tür. An den Absperrgittern tauchen ein paar Dutzend metzgernackige Typen auf. Man trägt Schwarz und lässt unter Runentätowierungen die Muskeln spielen. Aus einer Nebenstraße quäkt ein Lautsprecherwagen in Endlosschleife seine Sprüche. „Frauen wurden von der Bundesregierung zu Freiwild erklärt“, so in der Art. In Mecklenburg-Vorpommern hat die NPD noch Bataillone.

Merkel kommt aber trotzdem einfach so zu Fuß. Sie hat kurz mit den Fischverkäufern geplaudert – schließlich ist das hier ihr Nachbarwahlkreis –, dann stiefelt sie in der knallroten Kampf-Kostümjacke zusammen mit den Honoratioren zur Halle. Wer genau hinschaut, erkennt am Rande einen schlanken Mann mit Schnauzbart. Klaus Schüler schaut lieber wieder selbst nach dem Rechten.

Die Krawalltruppe bemerkt den Pulk erst, als er schon am Eingang ankommt, ihr Geschrei kommt zu spät. An einem anderen Absperrgitter hat sich ein halbes Dutzend junger Männer mit selbst gemalten Plakaten aufgebaut. „Wir können noch nicht wählen“, steht auf einem, „aber schon lieben können wir.“ Der junge Syrer, der es trägt, wird später im Saal eine Stunde lang ein „Angela Merkel – Kanzlerin“-Schild hochrecken und jedes Ansinnen seiner Kumpel ablehnen, ihn als Bannerträger abzulösen.

Serie von Weltkrisen

Das ist sicher eine nett gemeinte Geste. Aber ob sie Merkel hilft? Ganz am Schluss kommt dieser Wahlkampf zu seinen Ausgangspunkten zurück. Die Wahl wird zur Abstimmung über die Frau, die Deutschland seit zwölf Jahren ebenso verlässlich vor den Folgen einer ganzen Serie von Weltkrisen bewahrt wie sie ihre Bürger verlässlich fassungslos gemacht hat mit Entscheidungen, die wie aus dem Nichts zu kommen schienen. Genau an der Grenzlinie zwischen diesen beiden Zügen verläuft der Bruch zwischen denen, die sie wählen werden, und denen, die nicht.

Am Ende werden zwei Prozentzahlen stehen – die der CDU/CSU hier, die der AfD dort. Das Verhältnis zwischen beiden wird ein grobes Schätzmaß für den Bewegungsspielraum bieten, den die eigene Partei ihr in der vierten, der absehbar letzten Amtszeit einräumt. Regieren wird sie ja so oder so, mit der Unterstützung der einen, trotz der anderen und zum gelinden Erstaunen der übrigen Welt, die sich nicht so recht erklären kann, wieso ausgerechnet dieses Deutschland ausgerechnet in diesen Zeiten so unerschütterlich erscheint.

Die Regierungsbildung wird kompliziert werden, zwischendurch wählt Niedersachsen, in einem Jahr Bayern – man kann Wetten abschließen, ob Horst Seehofer den Wahlkampffrieden sofort beendet oder noch ein bisschen wartet. Wer etwas mutiger ist, kann auch schon mal darauf wetten, ob die Vorgeplänkel um Merkels Nachfolge gleich am Wahlabend losgehen oder erst in ein, zwei Jahren.

Und ganz Kühne können die Frage aufwerfen, ob wir in diesen nächsten vier Jahren eine andere Merkel erleben werden, eine frei von Rücksichten und Wiederwahlsorgen.

Werden wir aber nicht. Bei der Kinder-Pressekonferenz hat ein kleines Mädchen sie mit einer Frage überrascht: Wenn sie einen Tag etwas anderes sein könnte als Bundeskanzlerin, was? Merkel hat erst länger nachgedacht und dann einen Vorschlag gemacht: „’Ne Astronautin, die um die Erde fliegt und sich das alles mal von oben ansieht.“ Fanden die Kinder super. Nur Merkel selbst empfand den Traumberuf – ganz abgesehen von der natürlichen Altersgrenze für Raumflieger – im Grunde als zweite Wahl. Schließlich, wie lautete ihre erste, spontane Antwort? „Die Frage hab ich mir noch nie gestellt.“

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