"Welt"-Journalist in türkischer Haft : Alle für Deniz

Seit Wochen sitzt Deniz Yücel in Istanbul in Haft, seit Wochen kämpfen Unterstützer für seine Freiheit. Ein Besuch bei seiner Mutter in Flörsheim und den engsten Freunden in Berlin.

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Deniz Yücel, 43. Foto: Privat/Deniz Yücel/dpa
Deniz Yücel, 43, kam Mitte der Neunziger nach Berlin.Foto: Privat/Deniz Yücel/dpa

Und wenn sie Deniz irgendwann gehen lassen, wenn er endlich raus darf aus dem Gefängnis und auch aus dem Land, wenn er ins nächste Flugzeug steigt und zu guter Letzt wieder im elterlichen Wohnzimmer vor der grauen Fernsehcouch steht, was machen sie dann als Erstes? Wild feiern? Esma Yücel, 74, stutzt. Lächelt mild. Na, das Erste, was sie dann mache, sei: ihrem Sohn verklickern, dass sie ihn nicht mehr gehen lasse und er seinen Beruf bitte künftig in Deutschland ausüben soll.

In einer Wohnung im hessischen Flörsheim, keine zehn Kilometer südwestlich von Frankfurt, liegt ein Stapel zusammengeschnürter Zeitungen neben der Balkontür auf dem Boden. Jeden Tag kauft sich Esma Yücel eine „Welt“ und eine „taz“, um nachzusehen, ob Neues über Deniz drinsteht. Der Stapel ist inzwischen fast kniehoch. Dazu die Fernsehnachrichten im Stundentakt. Die Yücels schalten nur deutsche Sender ein. Der einzige türkischsprachige, der noch unabhängig berichte, werde in Flörsheim nicht ins Kabelnetz eingespeist.

Seit mehr als 50 Tagen befindet sich ihr Sohn Deniz Yücel, 43, in türkischer Untersuchungshaft. Im Hochsicherheitsgefängnis Silivri nahe Istanbul sitzt er in einer Sechs-Quadratmeter-Zelle. Offizieller Vorwurf: Volksverhetzung und Verbreitung von Terrorpropaganda. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass auch nur ein Fünkchen davon wahr sein könnte. Zur Begründung seiner Anschuldigungen hat der zuständige Staatsanwalt lediglich Artikel vorgelegt, die Yücel als Korrespondent für die „Welt“ schrieb. Wie laut der Protest von Deniz Unterstützern in Deutschland ist, dass es Autokorsos gibt und Postkartenaktionen und deutliche Politikerworte, ja dass es scheint, als nehme das halbe Land am Schicksal ihres Sohnes Anteil, dies alles bedeute ihr viel, sagt Esma Yücel. Und sie sei dankbar dafür, wie vehement sich die Bundesregierung für ihren Sohn einsetze.

Er wirkt jetzt wieder zuversichtlich

„Er sieht gut aus, Mama“, sagt Ilkay Yücel, 42, seine Schwester. „Viel besser als beim ersten Mal.“ Gemeinsam mit dem Vater hat sie ihn am Montag im Gefängnis nahe Istanbul besucht. „Der Bart ist ab.“ Und er wirke jetzt wieder zuversichtlich. Einen Tag später durfte ihn auch der deutsche Generalkonsul erstmalig besuchen. Seit der Festnahme des Bruders ist Ilkay Yücel im Dauerstress, hält Kontakt zu den Anwälten, kümmert sich um die Eltern und die eigene Tochter, tritt im Fernsehen auf und bei Soli-Veranstaltungen.

Im Bücherregal der Yücels in Flörsheim steht ein Bild von Deniz mit langen Wuschelhaaren und Zigarette in der Hand. Esma Yücel hat ihrem Sohn einen Brief ins Gefängnis geschrieben, in dem steht, er möge bitte auf seine Gesundheit achten und nicht so viel rauchen. Der Brief wurde ihm bis heute nicht ausgehändigt. Esma Yücel will ihren Sohn bald selbst besuchen. Bislang hat sie sich nicht getraut. Sie fürchtet, sie müsste sofort losweinen, und das würde Deniz ja auch nicht helfen. Sagt sie und weint los.

Die Tochter tröstet. „Deniz lässt sich nicht unterkriegen.“ Das stimmt natürlich, sagt Esma Yücel, er sei schon immer eigenwillig gewesen und auch aufmüpfig und stur, wenn ihm etwas wichtig war. Dann erzählt sie von der Demo, zu der er Anfang der Neunziger als Jugendlicher aufrief, um gegen den drohenden Irakkrieg zu protestieren. Außer Yücel kam niemand. Also stand er alleine auf der Straße mit seinem selbst gebastelten Schild, und die Polizisten amüsierten sich. War ihm egal. Er hat es durchgezogen. Esma Yücel erzählt auch von dem Schulzeugnis, in dem stand: „Deniz ist der Ansicht, dass allgemeingültige Regeln für ihn nicht gelten.“

Die frühen Jahre in Flörsheim

Vor genau 45 Jahren sind die Yücels nach Flörsheim gezogen. Ein Onkel war in der Schokoladenfabrik von Sarotti angestellt, die meisten anderen türkischen Gastarbeiter im nahe gelegenen Stammwerk von Opel in Rüsselsheim. Bald kam Deniz zur Welt, ein Jahr später Ilkay. Der Vater arbeitete in einer Keramikfabrik, die Mutter in einer Krankenhausküche. In den Sommerurlauben zeigten sie ihren Kindern die Türkei. Ansonsten lernte Deniz Yücel das Land seiner Eltern vor allem durch deren Erzählungen kennen. Viele handelten davon, dass die Türkei unter einem Demokratieproblem leide. Dass Meinungsfreiheit und Rechtstaatlichkeit dort nicht zu vergleichen seien mit der Welt, in der er selbst aufwuchs.

Die Flörsheimer Yücels haben Verwandte in der Türkei und viele Freunde. Seit ihr Sohn in Haft ist, hat Esma Yücel alle Kontakte eingestellt. Sie will nicht, dass die, die dort leben, in das Drama hineingezogen werden.

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