WM 2014 in Brasilien : Die Sandmenschen der Copacabana

Schon dieser Name. Copa-ca-bana. Das schwingt, klingt wie ein Lied. Der berühmte Strand in Rio de Janeiro ist ein Sehnsuchtsort und eine Utopie: In der Badehose sind alle gleich. Von wegen.

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Berühmtheit. Die Copacabana ist vier Kilometer lang. Sie ist ein künstlicher Strand, wurde immer wieder erwweitert.
Berühmtheit. Die Copacabana ist vier Kilometer lang. Sie ist ein künstlicher Strand, wurde immer wieder erwweitert.Foto: Lichterbeck

Marcelos Oliveiras Leben ist auf Sand gebaut. 1000 Quadratmeter, feinkörnig und hell, leicht zum Atlantik hin abfallend. Sanfte Wellen, gleichmäßiges Rauschen. „Ein schöner Arbeitsplatz“, sagt er. Der Arbeitsplatz, das ist eine barraca am berühmtesten Strand der Welt. Ein Stand, vier Metallstangen im Rechteck in den Sand der Copacabana gerammt. Dazwischen eine Plastikplane als Dach gespannt. Ein Klapptisch steht da, eine Schale mit Limonen, Maracujas, Ananas darauf. Daneben bauchige Flaschen: Cachaça, Wodka, Rum. Auf dem Boden liegen, grün und schwer, ein Dutzend Kokosnüsse. In einer Styroporkiste lagert das Wichtigste: das Eis. Der 39-jährige Oliveira, breites Kreuz, breite Hände, breiter Schädel, arbeitet seit 25 Jahren hier, schon sein Vater war Strandverkäufer. Immer barfuß, immer in kurzen Hosen, immer den Salzgeruch in der Nase und den Blick hinaus auf den Ozean. Marcelo Oliveira versorgt die Durstigen des Strandes. Sieben Tage in der Woche, von morgens bis abends, acht Stunden lang. „Andere kommen zum Vergnügen“, sagt er. „Mich ernährt die Copacabana.“

Die Fläche, die Oliveira bewirtschaften darf, ist der Sand zwischen seiner barraca und dem 150 Meter entfernten Meer. Er vermietet Sonnenschirme und Klappstühle, verkauft Sandwiches, mixt Drinks. Ganz offiziell. Die Lizenz, 40 Euro pro Jahr, liegt eingeschweißt aus.

Copa-ca-bana, das schwingt

Noch während er redet, ahnt Oliveira etwas. Unfehlbarer Instinkt. Auf seinem Territorium geht etwas schief, ein Sonnenschirm neigt sich in der Brise. Zwei Frauen dösen in Bikinis auf Klappstühlen. Ahnen nicht, dass ihnen gleich der Schatten verloren geht. Oliveira eilt herbei, fängt den Schirm auf, stößt ihn mit ganzem Gewicht tiefer in den Boden, schiebt Sand dazu. Die Frauen haben nichts gemerkt.

Schon dieser rhythmische Klang: Copa-ca-bana. Ein kleiner Song, der in den Köpfen der Menschen einen Film starten lässt, ein Daumenkino aus Postkartenmotiven. Copa-ca-bana, das schwingt. Das sind leicht bekleidete, goldgebräunte Menschen vor sonnendurchfluteter Strandkulisse. Dawid Danilo Bartelt sagt: „Sehnsuchtsort!“

Bartelt, lange Glieder, fragende Augen, überblickt den Strand von der Mitte aus, steht mit lederner Aktentasche in der rechten und einem Buch in der linken Hand vor dem „Copacabana-Palace“. Hier steigen sie alle ab, die Rolling Stones, der Bundespräsident, Lady Gaga. Bartelt sagt: „Die Copacabana lebt natürlich von ihrem Mythos. Sie ist eine Erfindung, der Strand wurde künstlich aufgeschüttet.“ Aufnahmen aus den 1920er Jahren zeigen, wie einst vor dem „Copacabana-Palace“ schroffe Felsen ins Meer mündeten. Die größte Stranderweiterung, 70 Meter, fand erst vor 40 Jahren statt.

Bartelt, 50 Jahre alt, ist in diesen Tagen ein gefragter Mann. Er kann als Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Rio, als Historiker und Liebhaber Brasiliens, dieses Land erklären wie nur wenige – in all seiner oft schwer zu ertragenden Widersprüchlichkeit. Bartelt hat im Wagenbach-Verlag eine Biografie der Copacabana veröffentlicht. Über ein Stadtviertel, das mehr ist als nur der Strand und ohne den Strand doch gar nichts wäre. Natürlich spielt er auch die Hauptrolle in Bartelts Buch, das um 1500 beginnt und in den Favelas der Gegenwart endet. Obwohl nur vier Quadratkilometer groß, ist die Copacabana mit 160 000 Einwohnern das am dichtesten besiedelte Viertel Rios.

"Die Copacabana ist ein Ort sozialer Konflikte"

Wer den Strand verlässt, steht sofort zwischen engen Häuserschluchten, die das Licht zu schlucken scheinen. Auf Hauptstraßen, durch die der Großstadtverkehr dröhnt, Tag und Nacht. Dieselbusse, deren Abgase das Atmen erschweren. Nicht zufällig leiden viele Bewohner der Copacabana unter Atembeschwerden. Sie leben in 88 000 oftmals winzigen Wohneinheiten, auf hunderte Appartementblocks verteilt. „In Copacabana liebkost allein der Strand die Horizontale.“ So formuliert es Bartelt.

Dawid Danilo Bartelt hat eine Biografie der Copacabana geschrieben.
Dawid Danilo Bartelt hat eine Biografie der Copacabana geschrieben.Foto: Lichterbeck

Die Copacabana, sie kann hässlich sein, laut, anstrengend. Und doch spielt sie in der Selbst- und Fremdwahrnehmung Brasiliens eine entscheidende Rolle. „Sie steht für das Ideal von Rassendemokratie und klassenloser Gesellschaft“, sagt Bartelt. In der Badehose sind alle gleich. Das ist die Utopie. Die Wirklichkeit aber ist anders. „Die Copacabana ist ein Ort sozialer Konflikte“, sagt Bartelt, „sie ist komplex und ausdifferenziert“. In seinem Buch hat er sie in einer Mischung aus Essay, historischem Sachbuch und Sozialstudie durchdrungen. Denn nur so kann man Copacabana ja überhaupt nahekommen. Wenn man den Strand als Bühne betrachtet, sich das tägliche Theater anschaut, das sie hier aufführen, die Sandmenschen.

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