Wolfgang Schäuble wird 75 : Das Einzige, was zählt

Er muss nichts mehr beweisen, nichts mehr werden. Heute wird der Finanzminister 75. Nach der Wahl könnte Wolfgang Schäuble aufs Neue in ein Amt kommen. Wenn er es will. Ein Besuch.

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Zoon Politicon. Wolfgang Schäuble sitzt seit 45 Jahren im Bundestag, ist der Dienstälteste. Politik macht er noch viel länger. Foto: Dominik Butzmann/laif
Wolfgang Schäuble sitzt seit 45 Jahren im Bundestag, ist der Dienstälteste. Politik macht er noch viel länger.Foto: Dominik Butzmann/laif

Ist nicht schon alles gesagt? Weiß nicht schon jeder alles über ihn, über Wolfgang Schäuble, den Architekten der deutschen Einheit, den Hüter der europäischen Einigung, den Rekordminister, den Schatzkanzler, den Kanzler im Konjunktiv? Herrje, sein Lächeln sagt alles. Neulich, auf dem Landesparteitag der CDU seiner Heimat musste er nach all den Ansprachen und Worten zur Wahl der anderen, darunter der Kanzlerin, als baden-württembergischer Spitzenkandidat auch noch reden. Er. Sollte sich vorstellen. Er! Als wüssten sie nicht, mit wem sie es zu tun haben. Und wenn nicht? Den wenigen wird es schon noch einer sagen.

Schäuble musste also ans Pult, während am Rande die Stimmen der Wahlen zum Landesvorstand ausgezählt wurden. Das zog sich hin. Er musste länger reden. Klar, dass er das konnte: die Zeit bis zur Verkündung der Ergebnisse mit seiner politischen Erfahrung zu füllen. Im Präsidium wissen sie alle, was sie an ihm haben. Immerhin schaffte er es, den Saal vollzureden, nicht leer. Auch mit dem für ihn typischen Spott: „Wie lange soll ich jetzt noch reden?“

Schon fast alles gesehen, und von allem das Gegenteil

Wie er so darüber nachsinnt, in seinem Büro in Berlin, den Kopf schäublesch geneigt, Spuren von Ironie im wachen Blick hinter scharfen Brillengläsern – man ist geneigt, ihm zu glauben, dass alles aufgeräumt ist, geordnet, nicht nur im Finanzministerium. Er selbst wirkt ja auch aufgeräumt, fast heiter, gelassen auch. Gelassen, im Wahlkampf, das muss man sich mal vorstellen. Das kann wahrscheinlich auch nur einer sein, der schon fast alles gesehen hat, und von allem das Gegenteil. Opposition, Regierung, Opposition, Regierung, einstürzende Regime, zum Blühen gebrachte Landschaften, wo vorher Brachen waren.

Schäuble. Er regiert doch schon so lange, nicht nur als Bundesminister auf so vielen verschiedenen Positionen: Chef des Bundeskanzleramts, zweimal Bundesminister des Innern. Im Bundestag ist er seit 45 Jahren, der Dienstälteste, in der Politik insgesamt noch viel länger. Er war ja schon in der Jungen Union, seit 1961. Schäuble erhielt in seinem Wahlkreis Offenburg immer das Direktmandat, bei der vergangenen Wahl waren es 56 Prozent der abgegebenen Erststimmen.

Sein Name steht für Solidität, manche sagen auch Rigidität

In Deutschland, dem vereinigten, steht sein Name für den gemeinsam mit Günther Krause aufseiten der versinkenden Deutschen Demokratischen Republik ausgehandelten Einigungsvertrag zur Auflösung der DDR. Das war 1990. Und es war 1997, als der ewige Helmut Kohl öffentlich erklärte, Schäuble sei sein Wunschkandidat für seine Nachfolge im Amt des Bundeskanzlers. Nur verlor Kohl die Wahl 1998 gegen Gerhard Schröder. Und Schäuble gab 2000 sein Amt als Fraktions- und Parteichef auf. Denn da war diese Spendenaffäre, in erster Linie Kohls Affäre, aber Schäuble bat „beim“ Bundestag um Entschuldigung.

In Europa steht sein Name für Deutschlands „Schwarze Null“ im Haushalt, für finanzpolitische Solidität, manche sagen auch Rigidität. Wie sich in der Euro-Finanzkrise zeigte und zeigt: Hilfe zur Selbsthilfe ist sein Credo, und wer dem folgt, kann auf Hilfe bauen. Auch die Griechen. Und weil er als rigide gilt, gilt sogar ein Schuldenerlass bei Kritikern als solide. Denn Schäuble ist der Bürge.

Im Ländle, dem Land der Schaffer und Macher, steht der Name allemal für eine Art Familienbetrieb. Was ja zu den Leuten passt.

Politisch sind sie alle in dieser Familie

Schon sein Vater Karl war CDU-Politiker, saß von 1947 bis 1952 im Landtag, damals noch im badischen. Heute sind mit dem Namen Brigitte Schäuble, die Witwe seines Bruders Thomas, und Thomas Strobl verbunden. Thomas Schäuble war einmal Landesinnenminister, Brigitte ist Kreisvorsitzende in Rastatt, unlängst gewählt, und Beisitzerin im Landesvorstand, frisch gewählt. Das ist auch Thomas Strobl, Schäubles Schwiegersohn, als Landesvorsitzender. Außerdem ist er Landesinnenminister und Vizeministerpräsident in der grün- schwarzen Regierung. Und wer kein direktes Familienmitglied ist, gehört zumindest zur politischen Familie. Es gibt da sogar einen Zweig in Brüssel.

Politisch sind sie alle in dieser Familie, die drei Töchter, der Sohn, Ehefrau Ingeborg. Sie war auch hoch geachtete Chefin der Welthungerhilfe. Hoch geachtet auch von ihm ist ihr Rat. Ratschläge können auch Schläge sein, aber das ist ihre Art ausdrücklich nicht. Sie ist leiser, was auch eindringlich sein kann – und er kann jeden Zwischenton hören. Dass sie ihm gefühlt drei Mal am Tag sagt, sich nicht so viel aufzuladen, lässt ihn natürlich nicht unberührt.

Kohl. Geißler. Der Tod ist plötzlich gegenwärtig

Hart ist nur mitunter sein eigener Ton. Wo sein Sentiment zu Hause ist, mag er halt nicht verraten. Auch nicht, dass er sich manchmal selber verflucht, weil das, was im Grunde eine Tugend ist, auch zum Verlangen werden kann: dem Staat zu dienen.

Er kennt die Wirklichkeit der Parteitage, die eine ganz andere ist als die der Menschen draußen im Lande. Das ist, was Helmut Kohl immer sagte. Kohl. Geißler. Der Tod ist plötzlich gegenwärtig. Ob er Heiner Geißler vermisst? Was soll er sagen – er hat Geißler geehrt mit großen Worten, wegen seiner Streitlust und seiner modernen Konservativität. Das mochte er an ihm, das teilt er mit ihm. Die Selbstbezogenheit nicht. Die mochte er nie. Und war Geißler nicht auch alt? Also sagt Schäuble: „Wir müssen alle mal gehen.“ Das ist die Ordnung der Dinge, über die muss ihm niemand etwas sagen. Er sitzt seit 27 Jahren im Rollstuhl, als Opfer eines Attentats.

Nach vorne leben im Wissen um das, was war – je länger einer lebt, desto herausfordernder wird das. Es wird zur praktischen Philosophie, zur wahren Lebens-Philosophie. Und die traut man Schäuble auch zu, eben gerade wegen des fast ewigen Hintersinns seiner Worte, die manchmal erst im Nachhinein zur Wirkung gerinnen. Sein Leben, wie er es sieht, im Hier und Jetzt: „Du bist. Darfst sein. Und ich bleibe ein Zoon Politicon.“ Ein „Lebewesen in der Polisgemeinschaft“ heißt der Begriff übersetzt, geprägt von den alten griechischen Philosophen für ein soziales und politisches Wesen, einen Politiker durch und durch. Für einen, der nach vorne schaut.

Handeln ist Gesetz

Und so, wie Gesetzgebung reifen muss, ehe sie greifen kann, muss der Mensch reifen, ehe er – ja, was? Nach der Macht greifen darf. Denn darum geht es doch auch: Gesetze, Regeln, Prozesse zu durchdringen, um sie beeinflussen zu können. Im Sinne der Polis und dessen, was morgen ist. Das sagt Schäuble so nicht, natürlich nicht, aber er hat so seine Art, das als Lehre nahezulegen.

Nur will er sich lieber nicht bei zu viel Staatsphilosophie erwischen lassen, das ist ihm dann doch viel zu weit entfernt von den Menschen, zu abgehoben, zu wenig operativ; auch da ist er anders als der alte Geißler. Er zitiert ihn, mit dem Satz, dass die soziale Marktwirtschaft „sich im Moment selber zerstört“. Aber wie sie gesichert werden kann, ist für ihn keine bloß philosophische Frage. Und Geißlers Wunsch, sie in der ganzen Welt zu verankern, in diesem Moment eine schöne Illusion. Für Schäuble ist Handeln Gesetz.

Da ist er, der tiefere Grund, warum er, das Zoon Politicon, bleibt: Weil es eine Herausforderung ist und aufregend, die Welt, die uns umgibt, in der Globalisierung immer wieder neu zu denken – aber vom Denken zum Handeln zu gelangen. Keine Untätigkeit zuzulassen, die zur Unfähigkeit wird, darum geht es. Ihm.

Kerneuropa – es ist eine seiner Ideen

Europa muss stärker und gesichert werden, sagt der Europäische Karlspreisträger. Das reizt ihn, im besten Sinn. Über Europa hat er schon nachgedacht, als er noch junger Politiker war, so weit entfernt ist Frankreich von seiner Heimat ja nicht. Das Kerneuropa, von dem heute alle reden – es ist auch eine seiner Ideen. Die Wirklichkeit werden kann. Jean-Claude Juncker, der Kommissionschef, Europas Regierungschef, zieht sich demnächst zurück. Ja, so ein Amt, das könnte zu ihm passen. Und wenn er heute ein jüngerer Politiker wäre …

Wie jung er doch noch immer denkt. Die Infotechnologie, sagt er, muss beherrscht werden, damit sie nicht uns beherrscht. Und das westliche Erbe? Könnte vielleicht sogar mit chinesischer Weisheit vorangebracht werden – „hu“, sagt Schäuble, scheinbar erstaunt über sich selbst, „das ist aber auch gesponnen“. Nicht dass ihm jetzt einer nachsagt, er sei verstiegen. China! Dabei ist China eine Weltmacht. Und eine alte Kultur.

Wird er vielleicht altersmilde? Klar! Schäuble nickt und lächelt in seiner Art vielsagend dazu. „Ich muss ja nicht mehr so streiten.“ Wer wollte ihm widersprechen. Er ist in dem Alter, dass er sich aussuchen kann, mit wem er streiten will. Wenn er will.

Er streitet auch mit der SPD nicht mehr

Mit Cem Özdemir wollte er gerade nicht. Das dachten sie vielleicht, als er fürs Fernsehen zusagte. Aber mit den Grünen, mit diesem Grünen, streitet er nicht. Warum auch? Schäuble wollte schon 1994, dass die CDU mit den Grünen koaliert, damals noch im Ländle; doch Erwin Teufel, der seinerzeit Baden-Württemberg führte, verpasste den Moment. Schäuble wollte es auch schon 2013 im Bund; aber die Grünen-Führung verpasste den Moment. Dabei hatte Angela Merkel ihr in der Nacht gesagt: Dieser Moment kann vergehen. Und Horst Seehofer hatte den Grünen, als sie gingen, hinterhergerufen, sie müssten nur Ja sagen.

Das alles hat Schäuble bis heute im Sinn, im Hintersinn. Er ist ja über den bloßen Streit hinaus. Er lobt einen wie Christian Lindner, den Freidemokraten, für seine Kraft, und sagt einem wie Özdemir mit Lessings Nathan dem Weisen: „Begreifst du aber, wieviel andächtig Schwärmen leichter als gut handeln ist?“ Das hätte auch Geißler gefallen. Wenngleich Schäuble, anders als der, über seine Konservativität modern wird. Ihn hat immer geärgert, dass die „katholische Landjugend im Remstal Grün wählt“.

Er streitet auch mit der SPD nicht mehr. Jedenfalls jetzt nicht mehr, die paar Tage vor der Wahl. Dass Andrea Nahles, die sozialdemokratische Arbeitsministerin, in der letzten Bundestagssitzung gleichsam eine Parteirede für die Zeit nach der Wahl ablieferte, hat er gerade noch bespöttelt. Obwohl sein Spott auch ätzen kann. In diesem Falle nicht, nicht zum Ende der großen Koalition. Da schaut er doch lieber nach vorne.

So isch

Und was kommt da? Wahrscheinlich wieder ein Anruf von Angela Merkel. Nach dem 24. September, 18 Uhr, wenn die Wahl geschlagen und die Wahllokale geschlossen sind. Bis dahin wird nicht rechts, nicht links geschaut, „da haben wir den Tunnelblick“, sagt er lakonisch. Höchstens wenn Zeit ist, geht der Blick ein wenig nach innen.

So isch, würde er badisch-heimelig sagen: Er muss nichts mehr beweisen, muss nichts mehr werden. Er muss auch nichts mehr wollen. Aber die Kanzlerin kann es wollen, und dann kommt ein Amt zu ihm. Wenn er es will. Diese Freiheit hat er, jetzt, mit 75. Das ist ein Geschenk, passend zum Geburtstag. Wolfgang Schäuble wird gefeiert: Am Tag selbst in Offenburg, mit höchsten Besuchern aus Deutschland und Europa, dann am kommenden Samstag, am Tag vor der Wahl, im Schwarzwald mit der Familie.

Er muss die Freiheit ja üben.

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