Schwangerschaft : Das Glück der späten Jahre

In Berlin ist inzwischen jede vierte Frau bei der Geburt älter als 35. Früher galt das als problematisch Doch Studien zeigen: Wenn Mütter in etwas reiferem Alter sind, kann das sogar von Vorteil sein

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Foto: Charité
Foto: Charité

Wenn man zum Beispiel an eine 23-jährige Raucherin denkt, übergewichtig, seit kurzem erst mit einem neuen Partner zusammen – und schon schwanger. „Diese Frau geht mit weniger Ressourcen in die Schwangerschaft als eine gesunde 40-Jährige in einer stabilen Partnerschaft“, sagt Hebamme Katrin Merke. Dem stimmt auch Gynäkologe Wolfgang Henrich zu, der exakt dasselbe Beispiel nennt, um seine These zu illustrieren: „Es kommt nicht auf das biologische Alter an, sondern auf den tatsächlichen Gesundheitszustand.“ Frauen über 35 rät der kommissarische Direktor der Geburtshilfe der Charité: „Sie müssen sich von dem Damoklesschwert des Alters befreien.“

Das Durchschnittsalter der Erstgebärenden liegt laut Statistischem Bundesamt bei 29. Frauen über 35 gelten als spätgebärend – in Berlin trifft das inzwischen auf jede vierte Schwangere zu. Auch der Anteil der Frauen, die beim ersten Kind älter sind als 40, ist in Berlin höher als im Bundesdurchschnitt, 2008 lag er bei 3,4 Prozent der Geburten. Was noch vor zehn Jahren eine Besonderheit war, ist längst gesellschaftliche Normalität geworden.

Auch aus medizinischer Sicht ist eine Schwangerschaft jenseits der 35 heute nichts Besonderes mehr. Die Definition in den Mutterschaftsrichtlinien, wonach Schwangerschaften ab 35 automatisch als Risikoschwangerschaft bewertet werden, sei in den 70er-Jahren willkürlich festgelegt worden, sagt Henrich – um das Budget für die teuren Vorsorgeuntersuchungen zu limitieren. Das Risiko, dass ein Kind mit einer Behinderung zur Welt komme, wachse mit 35 nicht plötzlich und sprunghaft, sondern steige vielmehr mit den Jahren kontinuierlich leicht an. „Die 35 als Grenze sind auch aus medizinischer Sicht Unsinn.“

Stattdessen habe eine aktuelle kanadische Studie ergeben, dass Frauen über 35 im Vergleich zu jüngeren Frauen viele Vorteile mitbringen: sie sind häufig besser gebildet, arbeiten mehr, verfügen über ein höheres Einkommen und nehmen häufiger an Geburtsvorbereitungskursen teil. Und: Die Kinder der älteren Mütter waren genauso gesund wie die der Jüngeren. „Es gab in dieser Gruppe weder mehr Frühgeburten noch war das Geburtsgewicht niedriger.“

Was die Studie wissenschaftlich untersucht hat, beobachtet auch Katrin Merke in ihrem Hebammenladen in Prenzlauer Berg. Rund zwei Drittel ihrer Klientinnen sind älter als 30, viele sind Ende 30. „Ich empfinde viele der über 35-Jährigen als gelassener“, sagt Merke. „Die meisten wissen genauer als Jüngere, was auf sie zukommt.“ Auch dass die älteren Schwangeren ein größeres Bedürfnis nach Information haben, hat die 33-Jährige beobachtet. 80 Prozent der Schwangeren in ihrem Einzugsbereich, schätzt sie, nehmen an einem Geburtsvorbereitungskurs teil. Katrin Merke betreut im Hebammenladen bis zu 50 werdende Mütter pro Jahr, genauso wie jede ihrer neun Kolleginnen. Zu den Kursen kommen rund 2000 Paare. „Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Eine Schwangerschaft mit Ende 30 verläuft nicht komplizierter.“

Warum macht das Alter von 35 vielen Frauen dann so eine Angst? „Weil das der einzige Faktor ist, den man nicht beeinflussen kann“, sagt die Hebamme. Dazu kommt, dass viele späte Mütter, vor allem wenn sie jenseits der 40 das erste Kind bekommen, eine längere Zeit unerfüllten Kinderwunsches hinter sich haben und lange wegen Unfruchtbarkeit behandelt wurden. Auch Vorerkrankungen seien häufig, sagt Wolfgang Henrich, etwa Gerinnungsstörungen oder Myome, also gutartige Wucherungen der Gebärmuttermuskulatur. Diese erhöhten das Risiko von Komplikationen; so steige das Risiko einer Frühgeburt – und die Kaiserschnittquote.

Einer Studie der Krankenversicherung KKH-Allianz zufolge kam 2010 jedes dritte Baby von fast 17 000 Versicherten per Kaiserschnitt zur Welt. In der Gruppe der 20- bis 24-Jährigen waren es 28 Prozent, bei den Frauen über 40 fast 45 Prozent. An den beiden Standorten der Charité, der größten Geburtsklinik Berlins, kommen rund 5000 Kinder pro Jahr zur Welt – 35 bis 40 Prozent per Kaiserschnitt. Wolfgang Henrich nennt das eine „dramatische Entwicklung“. Denn jeder Kaiserschnitt erhöhe das Risiko für eine spätere Schwangerschaft.

Ein Grund für die hohe Kaiserschnittquote ist das gesteigerte Sicherheitsbedürfnis. „Die Frauen wollen Risiken unbedingt vermeiden, etwa einen Sauerstoffmangel während der Geburt“, sagt Henrich. Und Ärzte seien „extrem defensiv“ geworden – auch aus Furcht vor juristischen Konsequenzen. Um Risiken zu minimieren, werde oft präventiv ein Kaiserschnitt gemacht, auch wenn er medizinisch nicht unbedingt notwendig ist.

Risiken erkennen: Das ist das Ziel der Pränataldiagnostik, die viele der über 35-Jährigen in Anspruch nehmen. Die Kassen zahlen Risikoschwangeren etwa das Spezialultraschall und die Fruchtwasseruntersuchung, womit sich unter anderem Chromosomenschäden wie Trisomie 21 (Down-Syndrom) und Fehlbildungen von Organen feststellen lassen. „Frauen ab 35 werden viel intensiver betreut“, sagt Henrich, der für ein Spezialultraschall für alle Schwangeren plädiert. Es gehe dabei nicht um das Aussortieren, auch wenn sich de facto Frauen gegen ein Kind mit einer schweren Behinderung entscheiden. Doch Babys mit einem Herzfehler könnten enorm von der Pränataldiagnostik profitieren, indem man etwa die Geburt in eine Spezialklinik verlegt.

Hebamme Katrin Merke sieht die Pränataldiagnostik kritisch. „Ich habe den Eindruck, dass viele Frauen nicht bis zur letzten Konsequenz durchdenken, was ein Befund bedeuten kann“, sagt sie. Die letzte Konsequenz, das heißt: Entschließt sich eine Frau zu einem Spätabbruch, wird das Kind im Mutterleib getötet und die Geburt eingeleitet. Das sei vielen Frauen nicht bewusst.

Die Hebamme plädiert für eine engere Zusammenarbeit von Gynäkologen und Hebammen und für eine verstärkte Diagnostik „mit den Händen auf dem Bauch“. Wenn das Baby strampelt, sagt sie, und sich die Bewegungsmuster nicht ändern, dann geht es ihm auch gut. Und dann ist es auch egal, wie alt die Mutter ist.

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