Digitalisierung : Hilfe, ständig gibt es neue Apps!

Der Berliner Professor und Twitter-Star Stephan Porombka gibt neun Tipps, wie man angesichts der Flut digitaler Neuerungen nicht irre wird.

Stephan Porombka
Illustration: Mrzyk & Moriceau

1. Entspannen

Ach, es gibt jetzt das neue Tinder, das noch tinderiger als das alte Tinder ist? Wenn man es Ihnen anbietet, dürfen Sie nicht nervös werden. Man muss nicht alles mitmachen. Weil man nicht alles mitmachen kann. Es gibt zu viel von allem. Und es geht zu schnell. Da ist es nicht nur okay, einfach mal zu entspannen. Es ist notwendig! Sagen Sie am besten, Sie müssen erst mal all die Leute küssen, die noch beim alten Tinder sind. Das kann dauern.

2. Einmal aussetzen

Aber Achtung! Wenn es ein neues Spiel, eine neue App oder ein neues brennendes Smartphone gibt, dürfen Sie niemals sagen: „Das geht mir alles zu schnell, ich komme nicht mehr mit.“ Das sagen nur die Unentspannten. Wer entspannt ist, sagt: „Das lasse ich aus, Danke. Bin das nächste Mal wieder dabei.“ Man sollte sich nicht verweigern. Weil man sonst nicht mitbekommt, was passiert. Aber man sollte mit Lässigkeit zeigen, dass man drübersteht. Oder ein bisschen daneben.

Illustration: Mrzyk & Moriceau

3. Quatsch machen

Werden Sie mit irgendeinem Quatsch konfrontiert, sagen Sie wahrheitsgemäß: „Das ist ja Quatsch.“ Aber seien Sie sofort bereit, jeden Quatsch auszuprobieren, um zu verstehen, wie er funktioniert und was er mit einem macht. Wenn man nicht gerade aussetzt (siehe 2), weil man zum Beispiel noch die Männer und Frauen von Tinder küssen muss (siehe 1).

4. Understatement

Wenn Sie einen Quatsch mitmachen, sollten Sie das aber bitte nicht an die große Glocke hängen. Man läuft nicht mit dem neuesten Smartphone rum und gibt damit an. Auch dann nicht, wenn es so toll brennt. Man ruft auch auf der Party nicht laut durch den Raum, dass man jetzt bei Snapchat ist. Understatement ist gefragt. Machen Sie Snapchat, aber leise. Löschen Sie Ihr Handy, aber leise. Wer so tut, als sei er Avantgarde, gehört garantiert nicht dazu.

Illustration: Mrzyk & Moriceau

5. Outsourcing

Wer entspannt genug ist, macht die Sachen sowieso nicht selbst. Man lässt machen! Die Welt ist Ihr Testlabor. Das neue Tinder soll Oma ausprobieren. Dem fünfjährigen Neffen schenkt man „Grand Theft Auto VI“ zum Spielen. Kollegen rät man zur neuen Fitness-App. In Zeiten, in denen sowieso zu viel von allem da ist und zu schnell ersetzt wird, ist es lehrreich und lustig, wenn man andere beobachtet und ihnen interessierte Fragen stellt.

6. Socialising

Weil man tumb wird, wenn man zu viel allein vor dem Computer oder auf dem Sofa sitzt, sollten Sie neue Sachen immer zusammen mit anderen ausprobieren. Sie brauchen also Freunde und Freundinnen, mit denen Sie sich regelmäßig treffen. Den Spieleabend an der Playstation gibt's schon. Jetzt kommt der Pärchenabend mit E-Books. Eine Swinger-Party mit Pokémon Go. Oder Sie  gehen zusammen in ein nobles Restaurant und spielen bei gutem Essen und teurem Wein  den ganzen Abend lang ein paar Apps durch. Dann kann man sie wieder löschen. Die Apps sind  ja wahrscheinlich uninteressant. Aber echte Test-Freundschaften halten ewig.

7. Retrokombinieren

Immer wenn Sie etwas Neues ausprobieren, sollten Sie zugleich zwei Produktnummern zurückgehen. Man spielt am neuen Smartphone. Aber man telefoniert mit dem alten Nokia. Man streamt Musik. Aber man legt beim Rendezvous mit den Leuten von Tinder Schallplatten auf. Man klickt sich durch die Mediathek. Aber am Samstagabend guckt man Fernsehen auf einem kleinen Antennen-TV, der nur drei Programme empfängt. Das entspannt enorm.

8. Umfunktionieren

Man sollte die Sachen nie so benutzen, wie man soll. Die Sachen zu biegen und zu brechen, bedeutet immer, sich einen Freiraum zu verschaffen. Die Fitness-App nutzt man fürs Dating. In der Dating-App tauscht man sich über Backrezepte aus. „Grand Theft Auto“ nutzt man, um schöne Ausflüge zu planen. Bei Snapchat schreibt man Liebesbriefe, wie die Welt sie noch nie gesehen hat. Und das brennende Smartphone stellt man beim Rendezvous so hin, dass es wie Kaminfeuer wirkt. Man muss einfach kreativ sein. Denn nur dann hat man es wirklich mit etwas Neuem zu tun.

Illustration: Mrzyk & Moriceau

9. Ein Journal führen

Ein Journal führen heißt, das Flüchtige festzuhalten. Man muss kurz aufschreiben, was man sich so anschafft und runterlädt, um es auszuprobieren. Und was für Erfahrungen man damit macht. Dann versteht man besser, wie sehr man von den Geräten und Gadgets bestimmt wird, mit denen man sich umgibt. Außerdem ist es ja ziemlich lustig, später nochmal etwas über die eigene skurrile Liebesbeziehung zu seinem Handy zu lesen. Und über Leute, die man wegen Tinder geküsst hat. Und bei was und bei wem man dann schließlich doch hängengeblieben ist, weil es in all der Flüchtigkeit und Beliebigkeit die wirklich große Liebe war.

Der Autor twittert unter @stporombka und postet unter stephan_porombka bei Instagram. Außerdem ist er Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der UdK Berlin.

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