Dirigent Antonello Manacorda : "Ich bin eine Scheibe Salami zwischen zwei Energien"

Vor ihm das Orchester und im Rücken das Publikum: Der Dirigent Antonello Manacorda fühlt sich oft ziemlich durchgerüttelt. Ein Gespräch über Aerobic am Pult, die Aktualität alter Werke und Furtwängler auf Youtube

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Antonello Manacorda.
Antonello Manacorda.Foto: Het Gelders Orkest

Herr Manacorda, wenn Sie eine Partitur zum ersten Mal lesen - wie klingt die für Sie?

Stellen Sie sich vor, hier liegt ein iPhone, auf dem ein Radioprogramm läuft - und auf dem iPhone liegt ein Kissen. Ich höre einen gedämpften Klang von dem, was ich lese. So, wie ich gerade, während wir sprechen, ein Quintett aus dem "Barbier von Sevilla" im Kopf habe. Es gibt immer einen Soundtrack in meinem Leben.

Und auf Ihrem Telefon?

Ich höre nie Musik. Manche Leute machen das abends nach der Arbeit, zur Entspannung. Für mich wäre es das Gegenteil. Es wäre nur zusätzliche Information, irgendwann explodiere ich.

Aber wenn Sie neue Stücke proben wollen, ein Programm zusammenstellen, müssen Sie die Musik doch vorher anhören.

Was ich meistens mache, ist auf Youtube recherchieren, checken, wie ist dieses Stück, okay, so. Mal hier reinhören, mal da. Und dann besorge ich mir die Partitur. Die ist mir wichtiger, als jemand anderem zuzuhören.

Das Notenblatt ist lebendiger als das Internet-Video?

Die Partitur klingt! Es gibt Leute, die fragen, ob ich ein Klavier zu Hause habe. Ich habe kein Klavier. Ich lerne vom Blatt.

Und das Orchester spielt unterm Kissen in Ihrem Kopf.

Ja! Man lernt, viele Stimmen zusammen zu lesen. Nicht alles hört man sofort. Man studiert eine Partitur ja für eine gewisse Zeit, drei Tage oder drei Monate. Klar, manchmal muss ich kurz eine Aufnahme anhören. Ich denke: Dieses Allegro verstehe ich nicht, was ist das für ein Tempo? Mal sehen, was Furtwängler da gemacht hat - als ob ich ins Lexikon schaue.

Und das hilft?

Es gibt nicht die eine richtige Lösung. Als Dirigent lernt man lebenslang. Ich habe immer das Gefühl, dass alles, was ich mache, eine große Suche ist. Und ich weiß, dass ich auf meine Fragen nie eine Antwort bekommen werde. Das ist unheimlich wichtig, denn sobald ich eine Antwort habe, bin ich tot, musikalisch, künstlerisch. Je mehr man über ein Stück weiß, je mehr man liest, desto breiter werden die Interpretationsmöglichkeiten.

Wie lassen Sie jahrhundertealte Partituren heutig klingen?

Interessante Frage. Ich verstehe immer nicht, wenn Leute sagen: „Popmusik, Elektro, toll! Warum macht ihr so alte Musik?“ Sie ist nicht alt! Sie ist ganz modern, in dem Moment, in dem sie aufgeführt wird. Man schaut einen Van-Dyck-Altar aus dem 17. Jahrhundert an und ist betroffen. Weil dieser Versuch, das Leben zu beschreiben, genauso mein Leben beschreibt. Warum spielt man heute noch die "Hochzeit des Figaro", warum "Hamlet"? Das sind Meisterwerke, die den Kern des Seins betreffen. Wenn ein Kunstwerk nicht aktuell ist, ist es kein Meisterwerk, so einfach ist das. Warum liest man immer noch Goethe?

Heute sieht man doch höchstens im Berliner Ensemble noch den "Faust" aus dem Textbuch. Bei der "Eroica" sagt niemand: Dritter Satz gestrichen, außerdem nehme ich die Hörner raus. Theater hat diese Freiheit.

Nein, es nimmt sich die Freiheit. Wir Musiker haben einen großen Respekt vor dem Text, vor den Noten. Der Komponist steht ganz oben, und wir sind hier unten. Ich gehe sehr viel in die Oper, sehr viel ins Theater. Und oft frage ich mich: Waaas? Schön, eure Freiheit. Aber manchmal ist sie ein Paravento, hinter dem ihr euch versteckt. Diese Szene ist zu lang? Zack, weg.

Was finden Sie am schwierigsten an der Notenarbeit?

Zu entscheiden, was ich eigentlich zeigen will. Und was ich zeigen muss. Denn die Musiker brauchen manchmal einen Einsatz, wenn vielleicht die letzte Tuba nicht die zweite Geige hört. Ich höre alles - und kann sagen: jetzt! Es ist sehr wichtig zu unterscheiden, wann man Musik dirigiert - und wann man Musiker dirigiert.

Sie waren selbst früher Geiger.

Ja, Claudio Abbado lud mich 1994 als Konzertmeister ins Gustav-Mahler-Jugendorchester ein...

...... als erste Geige, die wichtigste Orchesterposition nach dem Dirigenten. Es ist sehr selten, seine Karriere so zu beginnen.

Und ich habe zuerst Nein gesagt! Ich wollte Urlaub machen. Ganz doof von mir. Glücklicherweise hatte ich gute Leute um mich, die mir gesagt haben: Bist du verrückt, Abbado hat dich gerade gefragt, ob du Konzertmeister werden willst, und du sagst Nein? Ich wusste einfach nicht, was das bedeutet.

Haben Sie die Proben damals anders wahrgenommen als heute als Dirigent?

Als Konzertmeister hat man ja auch eine Leitungsfunktion, ich war immer interessiert an der Führung des Gesamten. Ich hatte neben meiner Stimme immer auch die Partitur dabei. Als Dirigent ist es eine große Hilfe, im Orchester gewesen zu sein, man hat den Insiderblick, ein Gefühl dafür, wenn die Konzentration nicht mehr da ist. Wenn man probt, geht es viel mehr um Psychologie, Diplomatie, Organisation als um Musik. Man denkt, ein Dirigent ist eine mystische Figur, die da oben steht und aus seiner Macht etwas schöpft. Stimmt aber nicht. Die Macht ist in der Partitur, in der Musik. Der Dirigent ist da, um zu helfen.

Sehr bescheiden.

Es ist heute nicht mehr so wie zu Karajans Zeiten. Dirigenten zeigen ihre Menschlichkeit. Vielleicht sind einige noch ein bisschen diktatorisch, aber 80 Prozent sind anders geworden. Ich sage meinem Orchester: Ich bin in der Mitte, aber ich bin nicht höher. Ich bin ein Musiker unter anderen Musikern, ich bin da, um die Partitur zu decodieren, die sowieso schwer zu verstehen ist. Klar, es gibt Hierarchien. Ich bin der, der viele Entscheidungen treffen muss. Aber wichtig ist, dass ich zuhöre und nicht nur sage: Du machst das, du machst das, tschüss.

Wie bereiten Sie eine Partitur vor?

In den Notentext notiere ich nur technische Sachen. Ein Horneinsatz hier, ein Tempowechsel da, ein Auftakt dort. Nicht in verschiedenen Farben, das wäre Malerei. Ich nehme nur Rot, einfach, damit man es besser sieht. Ich bin mittlerweile 46, bei Bleistift sehe ich keinen Unterschied zur Partitur.

Und dann üben Sie das Stück mit den Musikern zusammen ein?

Orchester können sehr viel alleine machen. Man braucht einen Dirigent nicht die ganze Zeit. Mein Lehrer Jorma Panula in Finnland sagte immer: „Help, don't disturb!“. Er redete sehr wenig, aber wenn da einer stand und unnötig mit dem Stab herumfuchtelte, schnarrte er: „Dirigenten-Solo!“ Er meinte: Warum machst du da oben Aerobic?

Sie sagen also den Geigern nicht, wann sie mit dem Bogen auf- und wann abwärts streichen sollen?

Eigentlich vereinbart man das zusammen, Auf- oder Abstrich, Diminuendo oder Crescendo. Es ist doch für mich zu Hause unmöglich zu wissen, was die Musiker in diesem Takt sagen wollen! Andererseits: Man kann so offen sein, wie man will, trotzdem glaube ich dann eben, dieses Sforzato - also ein Akzent auf einem Akkord - ist kein Messer im Fleisch, sondern eher ein Schlag mit einem Stück Holz.

Wie wissen Sie denn am Ende: So wird's gemacht?

Am Ende steht das Konzert. Es ist meine Verantwortung, dann alles zusammenzuführen. Und obwohl ich meine eigene Interpretation habe, passiert eben das Wunder, dass das Sforzato sich heute so ergibt und morgen ganz anders. Auch mit denselben Musikern im selben Saal. Weil die Bässe etwas anderes gegessen haben, weil ich einen Hexenschuss habe oder das Publikum offener ist. Eine „Eroica“-Symphonie fängt an mit zwei simplen Akkorden, Bam! Bam! Aber die klingen nie gleich.

Das Publikum beeinflusst den Klang?

Wahnsinnig! Und die Leute wissen das nicht! Es ist aber unglaublich wichtig, dass das Publikum das versteht. Warum sonst gehen sie ins Konzert? Weil sie dann zur Elite gehören? Weil sie zeigen können, dass sie genug Geld für eine Karte haben? Weil die Eltern schon gegangen sind? Entschuldigung, nein.

Vielleicht lieben sie einfach die Musik - und wissen gar nicht, dass sie dadurch, dass sie Liebe zur Bühne abgeben, das Konzert unterstützen?

Sie können auch Hass abgeben. Oder gar nichts, verschränkte Arme, das ist auch eine Beeinflussung. Musik lebt nur, wenn ein Zuhörer da ist. Es ist ein Dreieck: Komponist, Interpret, Zuhörer. Das Publikum unterschätzt sich sehr oft. Manche Leute gehen nicht ins Konzert, weil sie denken, naja, ich verstehe eh nichts von klassischer Musik. Aber es geht gar nicht darum, dass sie verstehen. Es geht darum, dass sie sich berühren lassen. Dass sie ihre Seele öffnen. Das ist die Magie der Musik. Warum treffen bestimmte Töne zusammen und man fühlt etwas?

Konzertabend. Das Orchester ist da, das Publikum sitzt. Wann spüren Sie, wie das Publikum gestimmt ist?

Sofort. Sobald ich reinkomme und den ersten Applaus höre, merke ich, welche Energie das Publikum hat. Und dann, wenn man einatmet für einen Auftakt. In der Musik ist die Stille ja viel wichtiger als die Töne. Ich brauche den Raum zwischen den Noten, um Tiefe zu bekommen. Wenn ich den Taktstock hebe, fühle ich wirklich, ob der Saal mit mir ist oder nicht. Das ist wie eine Droge. Als Dirigent spürt man diese Energie von hinten, am Rücken. Gleichzeitig hat man so viel Energie von vorne, vom Orchester, man fühlt sich wie ein Sandwich. Ich bin eine Scheibe Salami zwischen zwei Energien.

Wie fühlt sich das körperlich an?

Bei mir ist es so, dass ich als Kind in den Augen meiner Eltern und meiner Lehrer nie genug gemacht habe, nie. Lob war für mich sehr fremd. Darum ist für mich das Allerrührendste, wenn man mir sagt: Das hast du gut gemacht. Ich weine, wenn ich im Fernsehen sehe, wie jemand bei Olympia eine Medaille bekommt. Oder jemand gewinnt einen Oscar und hält seine Dankesrede. Wenn ich im Konzert diese gute Energie von hinten spüre, rührt mich das im Tiefsten. Denn diese Energie ist auch ein Dankeschön, sie bedeutet: Wir sind dabei, wir verstehen, wir fühlen etwas. Deswegen ist dieser Job auch so erschöpfend, nicht nur physisch, sondern auch psychisch: dieser unglaubliche seelische Prozess, wie eine Welle am Strand, vorne, hinten, vorne, hinten, man ist immer hin- und hergerissen.

Karajan hat einmal Elektroströme in seinem Körper messen lassen - während er sein Privatflugzeug flog und während er "Tristan und Isolde" dirigierte. Beim Dirigieren waren die Ausschläge deutlich höher.

Natürlich! In Mailand mit meinem ersten Orchester spielten wir einen Beethoven-Zyklus, eine große Sache für einen Dirigenten. Leider war ich krank, Legionellen, 42 Grad Fieber, ich habe 15 Kilo verloren. Die ersten zwei Proben musste ich absagen, weil ich nur kotzte, danach waren noch zehn Tage Zeit für die neun Symphonien. Aber dann auf der Bühne merkte ich: gar nichts. Ich hatte das Gefühl, ich könnte alles schaffen, wie Superman. Davor und danach war ich eine Leiche. Die Musik ist wirklich ein Wunder, für die Zuhörer, aber für uns Musiker auch.

Was ist, wenn die Energie mal nicht fließt?

Es ist wie in einer Beziehung, wenn zwei Leute sich kennen lernen. In diesem Fall dauert die Beziehung mit dem Publikum vielleicht zwei Stunden. Man sagt: Hallo, wie geht's - und sofort fängt es an. Mag ich seine Hände? Finde ich ihre Augen schön? Vielleicht kann ich ihren Geruch nicht leiden? Im Saal können das tausend Sachen sein, zum Beispiel ein zu beweglicher Dirigent. Ich war einmal im Konzert - ich werde keine Namen nennen - und dieses tänzerische Gehabe hat mich total gestört, ich musste dann so machen...

... Sie halten sich die Hand vor die Augen.

Das war dann meine Beziehung mit diesem Typ. Dass ich einfach nicht hinschauen konnte. Nur zuhören.

Antonello Manacorda, 1970 in Turin geboren, ist Künstlerischer Leiter der Kammerakademie Potsdam und Chefdirigent des niederländischen Het Gelders Orkest. Dieses Interview ist zuerst gedruckt im Magazin "Tagesspiegel Berliner" erschienen, das Sie hier online lesen und herunterladen können.

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