Dr. Om : Kleine Meditationen über die großen Fragen des Lebens - Folge 3

„Ich bin mit einer Frau zusammen, die ich wirklich mag, aber nicht liebe. Ich weiß das schon eine Weile, habe mich aber davor gedrückt, es ihr zu sagen - und jetzt ist sie ungeplant schwanger. Ich will sie auf keinen Fall im Stich lassen. Aber ich kann auch nicht so tun, als würde ich wollen, dass wir zusammenziehen und gemeinsam Eltern werden.“

Oren Hanner
Im Buddhismus steht das Glückssymbol des ewigen Knotens für die Verbindung von Weisheit und Leidenschaft, von Religion und Weltlichkeit - und für die Liebe.
Im Buddhismus symbolisiert der "ewige Knoten" die Verbindung von Weisheit und Leidenschaft - und die Liebe.

Ihr Dilemma ist im Grunde ganz einfach: Sie sind zerrissen zwischen Ihrer Sorge um andere und der Sorge um sich selbst, Sie sind zerrissen dazwischen, einerseits verantwortungsvoll und andererseits emotional authentisch sein zu wollen. Ihre Sorge umfasst die Wünsche, aber auch die Bedürfnisse und Aufgaben von mindestens drei Menschen. Es ist kompliziert! Und es ist Ausdruck eines wichtigen buddhistischen Prinzips, das „bedingtes Entstehen“ genannt wird. Dieses besagt, dass nichts für sich selbst steht. Jeder Vorfall und jedes Wesen ist in seiner Existenz von äußeren Umständen abhängig.

Der indische Lehrer Schantidewa verfasste im 8. Jahrhundert eine schöne Allegorie zu diesem Prinzip: In seinem Werk „Anleitung auf dem Weg zum Erwachen“ schrieb er, dass die Verbindung zwischen Menschen vergleichbar sei mit der wechselseitigen Abhängigkeit von Körperteilen. Er schrieb: „Obwohl die Körperteile wie die Hand usw. unterschiedlich sind, gleichen sie sich alle darin, als Teil des Körpers geschützt werden zu müssen.“ Um seine Aussage zu verdeutlichen, fragt er: „Wenn gelten sollte, dass nur derjenige, der das Leiden erlebt, sich selbst behüten muss, warum soll dann die Hand den Fuß schützen, wird doch der Schmerz des Fußes nicht von der Hand erlebt?“ Da Sie und ihre Partnerin durch Ihr ungeborenes Kind in genau so einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen, könnte es ein Schlüssel sein zu fragen: Was sollten wir tun? Anstatt nur die jeweils eigene Perspektive zu bedenken.

Was also sollten Sie tun? Ein guter Ansatz wäre, dieser Situation mit einer Haltung entgegenzutreten, die der tibetanische Meister Chögyam Trungpa (1939-1987) „spirituelle Kriegerschaft“ nannte: Für ihn war ein Krieger ein Mensch, der die Wahrheit wissen und sich selbst kennenlernen will. Diese Haltung wirkt gegen Zaghaftigkeit, die eigentlich nur die Angst ist, in uns selbst zu schauen und uns selbst ehrlich zu begegnen. Fragen Sie sich: Was fühle ich? Was sind meine Bedürfnisse? Was sind meine Ängste? Versuchen Sie dann den Mut zu finden, Ihre Partnerin zu fragen: Was fühlst du? Was sind deine Bedürfnisse? Was sind deine Ängste - und ihr ehrlich von Ihren Antworten zu erzählen.

Vielleicht finden Sie heraus, dass Sie an manchen Punkten ähnlich fühlen oder dass Sie bestimmte Ängste teilen. Vielleicht finden Sie heraus, dass ein solches Gespräch zwischen Ihnen nicht möglich ist - und auch das ist in Ordnung. Aber vielleicht merken Sie auch, dass es doch klappt. Und dass sich dadurch ganz neue Wege ergeben, die Situation gemeinsam zu meistern.

Oren Hanner, 1979 in Jerusalem geboren, studierte Philosophie in Tel Aviv und promovierte in Buddhismuskunde an der Uni Hamburg. Schicken Sie Ihre Frage an om@tagesspiegel.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben